Warum ich kein Antifa bin – eine historische Einordnung

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Unser Autor rechnet mit einem toxischen Begriff ab, der zur Teilung der Welt diente und dient, mit dem politische Strömungen und Gesellschaft nicht beschrieben werden können und der endlich auf den Buchstabenfriedhof gehört.

Ein Gespenst geht um in der Krise: das Gespenst des Antifaschismus. Donald Trump, amerikanischer Präsident mit Gewaltaffinität und Allmachtsphantasien, sieht die „Antifa“ als Terrororganisation und möchte sie verbieten. Oder möchte militärisch gegen vermeintliche Antifaschisten auf den Straßen seines Landes vorgehen. Der Irrsinn des Präsidenten beflügelte in den vergangenen Tagen nochmals die Renaissance des Antifaschismus in Deutschland. Auf Twitter steht die antifaschistische Volksfront: sie reicht von Saskia Esken über Ruprecht Polenz bis in die Niederungen des progressiven Lagers. 

Das suggestive Potential des Antifaschismusbegriffs ist beträchtlich: wer möchte sich schon als Faschist outen? Da kann es mit Saskia Esken nur heißen: Selbstverständlich, Antifa! Dieser bedingungslosen Unterstützung des Antifaschismusbegriffs steht allerdings seine Geschichte entgegen: Antifa ist ein Produkt der Giftküche des Stalinismus. Es handelte sich seit Ende der 1920er Jahre um einen Kampfbegriff, der eben nicht nur die „Faschisten“, sondern beliebige Gegner der kommunistischen Bewegung treffen konnte. So wurden die Sozialdemokraten in der Spätphase der Weimarer Republik von der KPD als „Sozialfaschisten“ bezeichnet, während Walter Ulbricht und Joseph Goebbels in Berlin 1932 zusammenarbeiteten. Antifa im Bündnis mit den Nazis gegen das demokratische Preußen. Ein Vorbild? 

Antifaschismus war ein Kernbegriff im globalen Bürgerkrieg der dreißiger Jahre. Dabei hat er schon damals wenig zur Erklärung der politischen Lage beigetragen. Er diente primär zur Teilung der Welt in Faschisten und Antifaschisten. Für Sozialdemokraten, Liberale oder Konservative blieb da wenig Luft zum Atmen. Im Zweifelsfall wurden sie von Moskau dem faschistischen Lager zugerechnet. Differenzierung war nicht unbedingt eine Stärke der Kommunisten. Sie wollten vor allen die Definitionshoheit: bestimmen, wer Faschist ist. Denn darin lag und liegt die politische Schlagkraft eines Begriffs, dessen Verwendung im 20. Jahrhundert stets der politischen Taktik unterworfen war. Stalin, der sich 1939 mit Hitler verbündete, blieb selbstverständlich eine Ikone der Antifaschisten. Noch heute wird die russische Regierung nicht müde zu betonen, dass er Osteuropa nicht sowjetisiert, sondern „vom Faschismus befreit“ hat. Für historische Differenzierung fehlt auch heute der Platz.

Selbstermächtigung zur Gewalt

Hannah Arendt hat den Antifaschismus-Begriff in den 1960er Jahren einer schonungslosen Kritik unterzogen: Sie erklärte, dass Hitler mit Stalin weit mehr gemeinsam hatte als mit Mussolini, eine Tatsache, die der Antifaschismusbegriff stets verschleiert. Doch solche liberalen Spitzfindigkeiten beeindruckten die SED-Elite über 40 Jahre wenig. Sie machte Antifaschismus zur Staatsdoktrin ihrer ostdeutschen Diktatur. In der DDR galt: wer Faschist ist, bestimmt die herrschende Partei. Die Reihe großer Antifaschisten (nach Stalin) umfasste neben Walter Ulbricht solche Helden wie Hilde Benjamin, Erich Mielke oder Erich Honecker. Nebenbei sei noch erwähnt, dass der Volksaufstand des 17. Juni 1953 im offiziellen Diskurs ein „faschistischer Putsch“ war. Nur um eines ging es dem verordneten Antifaschismus in der DDR nicht: um die Auseinandersetzung mit der historischen Realität des Nationalsozialismus. Diese Aufgabe hat die SED gern anderen überlassen.

Die Tradition des deutschen Antifaschismus ist schillernd. Das gilt bis in die Gegenwart, wo sich unter dem Label „Antifa“ genügend Gruppen versammeln, die insbesondere die Selbstermächtigung zur Gewalt auszeichnet. Dass die „Linke“ seit Jahren die Renaissance der DDR-Mythen betreibt, ist ihr gutes Recht. Diese Partei steht zum ideologischen Erbe der DDR und weiß die Schlagkraft des Antifaschismusbegriffs zu schätzen. Stutzig machen sollte es die demokratische Öffentlichkeit jedoch, wenn historisch kontaminierte Begriffe bedenkenlos von demokratischen Parteien verwendet werden. Heiligt der „Kampf gegen rechts“ die Mittel? Gibt es keine Alternativen zum „Antifaschismus“? Wollen wir zurück in den Bürgerkrieg? 

Antifaschismus ist ein politisches Credo ex negativo. Selbst wenn man den gesamten historischen Rattenschwanz des Begriffs ignoriert, so stellt sich die Frage, warum sich Gegner des Nationalsozialismus, Faschismus, Rassismus oder Autoritarismus in der Gegenwart nicht einfach als das definieren, was sie sind: Demokraten! Denn eins ist sicher: Nicht alle Antifaschisten waren Demokraten und wegen der engen Bindung an Sowjetunion und DDR ist der Begriff historisch belastet. Er stammt aus der Diktatur. Unsere Demokratie braucht zu ihrer Verteidigung den kommunistischen Kampfbegriff Antifaschismus nicht. Er ist ein trauriges Relikt aus dem 20. Jahrhundert. Was wir benötigen, ist der Einsatz der Demokraten für die offene Gesellschaft.




Historiker und Autor. Unterrichtet und forscht zur osteuropäischen Geschichte an Universitäten in Europa, den USA und Israel.