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Was soll diese absurde 87-Prozent-Kampagne?

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Es ist verständlich, dass noch nach Antworten gesucht wird, wie mit der AfD künftig umgegangen werden soll, doch immerhin steht schon mal fest, dass diese „Wir sind die 87%“-Kampagne der denkbar schlechteste Ansatz ist.

Als eine Reaktion auf den Wahlerfolg der AfD formiert sich so etwas wie eine Protestbewegung, die für sich die Zahl 87 reklamiert. Damit sind die 87 Prozent der Wähler gemeint, die im September eben nicht die AfD gewählt haben, sondern irgendeine andere im Bundestag vertretene Partei.

Es ist verständlich, dass noch nach Antworten gesucht wird, wie künftig mit der AfD umgegangen werden soll, doch immerhin steht schon mal fest, dass diese „Wir sind die 87%“-Kampagne der denkbar schlechteste Ansatz ist. Er erweckt den Eindruck, als ob es in Deutschland nur die Wahl zwischen AfD und Nicht-AfD gibt.

Wie kann man die Auswahl möglicher Parteien im demokratischen Wettstreit nur so ohne Not auf diese beiden Optionen reduzieren? Nicht nur wird das einer liberalen Demokratie und ihrer politischen Vielfalt nicht gerecht, sondern es überhöht die AfD zu einem von nur zwei Kontrahenten auf dem Spielfeld der Politik.

Außerdem handelt es sich um eine atemberaubende Selbstverzwergung der 87-Prozent-Deutschen, wenn sie meinen, dass sie nur in einer großen Allianz gegen die 13 Prozent ankommen. Aus dieser Haltung spricht eine Mutlosigkeit, die gefährlicher ist als jeder Wahlerfolg extremer Parteien.

Diese „Wir sind die 87%“-Haltung harmoniert auch nicht mit den Werten einer offenen Gesellschaft. Niemand hat die Partei CDUCSUSPDGrüneLinkeFDP gewählt – und selbst wenn es diese Partei geben würde, hätte auch sie problematische Gestalten in ihren Reihen. Die kommen nämlich auch nicht erst mit der AfD in den Bundestag. Aus der Fraktion der Linken paktierten beispielsweise drei Abgeordnete offen mit der Hamas und beteiligten sich am Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen.

Sie wurden dafür nicht aus der Fraktion oder Partei ausgeschlossen. Einer Terrororganisation zu helfen, die sich offen zum Ziel einer zweiten Endlösung der Judenfrage bekennt, ist für die Linke also in Ordnung. Fatal an der 87-Prozent-Logik ist auch, dass sie solche Kollaborationen nicht kritisieren kann, weil sonst die 87-Prozent-Einheit nicht haltbar wäre. Wenn man aber über mörderischen Antisemitismus schweigen muss, um die Reihen gegen die AfD fest geschlossen zu halten, stimmt etwas mit den moralischen Kompass dieser 87er-Bewegung nicht. Wobei die Hamas nur ein Beispiel ist, enge Verbindungen zu Freiheitsfeinden wie Putin oder zu sozialistischen Diktaturen würden ebenso passen.

Die große Stärke der liberalen Demokratie ist die Wahlfreiheit, weswegen dieses Zusammenzählen der Ergebnisse aller anderen Parteien zu einer Zahl, die dann für das gute Deutschland stehen soll, schlicht absurd ist. Eine offene Gesellschaft steht für Vielfalt und nicht Einfalt – und die Wähler haben sich aus bestimmten Gründen für bestimmte Parteien entschieden. Kaum jemand dürfte dabei eine Partei vor allem aus dem Grund gewählt haben, weil sie nicht die AfD ist.

Wer das alles ignoriert und eine Art Koalition des Guten herbeifantasiert, räumt damit genau den Wert ab, der in einem freien Land unersetzlich ist: den Meinungspluralismus. Es gibt ganz einfach kein 87%-Votum gegen die AfD, denn es wurde nicht mit ja oder nein über diese Partei abgestimmt. Würde man dieser Logik folgen, gab es ebenso ein 67%-Votum gegen die CDU/CSU, ein 79,5%-Votum gegen die SPD, ein 89,3%-Votum gegen die FDP, ein 90,8%-Votum gegen die Linke und ein 91,1%-Votum gegen die Grünen.

Die politische Bühne in einer Demokratie ist zum Glück komplex und widersprüchlich, wer das auf eine Gut-gegen-böse-Perspektive vereinfachen will, sollte sich fragen, was er damit eigentlich erreichen möchte.




Ich schreibe Texte und sobald die mir nicht mehr gefallen, auch die vernichtenden Leserkommentare dazu. Anonym. Zuletzt erschien von mir bei Tropen "Deutschland, deine Götter: Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern" sowie als Ebook "Instinktdetektiv Bromski - Seine (ersten) schwersten Fälle (Instinktdetektiv Bromski ermittelt 1)"


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