Foto: Michael Miersch

Was wäre die Welt ohne Nashörner?

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Der Autor Lothar Frenz hat den letzten Ungetümen einen großen Auftritt in einem kleinen, anmutig gestalteten Buch verschafft.

„Nashörner gehören allen Menschen“, lautet ein berühmter Satz von Bernhard Grzimek. Eigentlich fände ich es besser, wenn sie nicht allen gehören würden, denn viel zu viele Menschen beteiligen sich leider an ihrer Ausrottung. Reiche Vietnamesen, die für Wundermedizin aus Nasenhorn Unsummen bezahlen, afrikanische Wilderer, die mittlerweile mit modernster Technik ausgestattet sind, Schmuggler, Hehler und Schwarzhändler. Aber auch europäische Politiker, die mit Biodiesel das Weltklima retten wollen. Worauf die Palmölkonzerne in Indonesien und Malaysia den Urwald der Sumatra-Nashörner abbrennen, um Ölpalmenplantagen anzulegen. Nashörner gehören allen – und verschwinden vor aller Augen hier und jetzt.

Viel besser wäre es, wenn die noch verbliebenen Nashörner der Welt Lothar Frenz gehören würden. Denn der liebt diese Ungetüme und hat eine wunderbare Liebeserklärung an sie geschrieben. Sie heißt ganz bescheiden „Nashörner- ein Porträt“ und ist in der Reihe „Naturkunden“ bei „Matthes & Seitz“ erschienen, die von Judith Schalansky herausgegeben wird. Eine Edition für bibliophile Tierfreunde, die man gar nicht genug loben kann: Bücher, die selbst eingefleischte Kindle-Leser wie ich auf Papier genießen möchten.

Ein zoologisches Buch? Nur am Rande

Dieses kleine nashorngraue Buch sei ausdrücklich auch Menschen empfohlen, die mit Zoologie nichts am Hut haben, denn es ist nur am Rande ein zoologisches Buch. Frenz breitet die Kulturgeschichte der Rhinozerosse aus und erzählt sie ebenso kurzweilig wie feinsinnig. Zum Beispiel die Tournee der „Jungfer Clara“, ein „abscheuliches Tier weiblichen Geschlechts“, wie ein Chronist 1742 vermerkte. Zwölf Ochsen zogen den Transportwagen, der Clara durch Europa transportierte, flankiert von einer der ersten internationalen Werbekampagnen. Friedrich der Große, Maria Theresia und Casanova bestaunten sie. Die lebensgroße Darstellung der Panzernashornkuh in Öl kann man noch heute im staatlichen Museum Schwerin bewundern.

Nashorn-Bewunderer wie Salvator Dali, Nashorn-Retterinnen wie Daphne Sheldrick und Nashorn-Killer wie Ernest Hemingway lässt Frenz auftreten. Er erinnert daran, dass mit dem Nashorn die Kunst begann, vor 30.000 Jahren in der französischen Grotte Chauvet, und erzählt die Geschichte von einem der meist reproduzierten Werke der Renaissance, Dürers Rhinozeros.

Wesen, wie von Loriot erdacht

Werden die fünf Nashornarten die Wilderei und die Zerstörung ihrer Umwelt überleben? Für zwei davon ist es unwahrscheinlich. Vom Sumatra-Nashorn existieren noch etwa 100 Exemplare, vom Java-Nashorn 60. Ohne schrillen Alarmismus mit sanfter Melancholie schildert Lothar Frenz die traurigen Tatsachen: Rettung oder Requiem? In diesem Fall ist die abgedroschene Metapher „5 vor 12“ leider berechtigt.

Sumatra-Nashörner sind die erklärten Lieblinge des Autors. Sie gehören zum Erstaunlichsten, was die Säugetierklasse zu bieten hat, sind so klein wie ein Pony und bräunlich behaart. Ihre rundliche Schnauze erinnert an das Loriot-Männchen, die Stimme an Vogelgezwitscher. Sie sind so eigentümlich und sensibel, dass man sich fragt, wie sie 26 Millionen Jahre lang dem Druck der Evolution standhalten konnten. Bei ihnen ist alles furchtbar kompliziert, das Sozialverhalten, die Nahrungsansprüche, das Sexualleben. Wenn sie sich mal paaren, was selten vorkommt, kann es passieren, dass der Bulle auf der Kuh mitten im etwa 90-minütigen Akt einschläft. Obendrein sehen Sumatra-Nashörner schlecht und haben empfindliche Fußsohlen.

Braucht die Welt das Sumatra-Nashorn? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn sie vom Planeten verschwinden, wird dennoch etwas fehlen. Wer dieses Buch liest kann es fühlen.

Lothar Frenz
Nashörner – Ein Porträt
Reihe Naturkunden Nr. 36
Herausgegeben von Judith Schalansky
Matthes & Seitz, Berlin
128 Seiten mit zahlreichen Illustrationen
18,- Euro




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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