Der Brinkmann-Trugschluss

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Es ist völlig unerheblich, was Schauspieler über Atomkraft oder Showmaster über Covid zu wissen glauben. Umso ärgerlicher, dass Journalisten sie gerne danach fragen. Unser Autor beschreibt und benennt ein Ärgernis unserer Zeit.

Was haben Jon Stewart, Milos Zeman und Ulrike Folkerts gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Jon Stewart ist ein pensionierter amerikanischer Fernsehstar, der sich mit seiner satirischen Nachrichtensendung „The Daily Show“ die Herzen von Abermillionen linksliberaler Amerikaner erobert hat. Milos Zeman ist seines Zeichens amtierender Staatspräsident der Tschechischen Republik. Bei Ulrike Folkerts wiederum handelt es sich um eine deutsche Schauspielerin, die eine beliebte „Tatort“-Kommissarin verkörpert. Auf den zweiten Blick lässt sich dann aber doch eine Gemeinsamkeit zwischen den Genannten feststellen: Alle drei haben Meinungen. Starke Meinungen, die sie ohne Scheu öffentlich von sich geben.

Beginnen wir mit Jon Stewart. Er war neulich Gast bei Stephen Colbert, einem Satiriker, der als Nachfolger von David Letterman „The Late Show“ moderiert. Es war die erste Show, die – weil in New York mittlerweile genug Leute geimpft sind – vor Publikum stattfand; Colbert fragte Stewart also, ob er nicht dankbar sei, dass die Wissenschaft in solch rasender Geschwindigkeit Impfstoffe gegen die tückische Covid-Seuche entwickelt habe. Zur Verblüffung von Colbert und seinem Publikum antwortete Jon Stewart, die Covid-Seuche sei das größte Problem, das von der Wissenschaft gelöst – und von ihr hervorgerufen worden sei. Es folgte eine mehrere Minuten dauernde Schimpftirade des Inhalts, dass Covid 19 von einem chinesischen Labor in China hervorgerufen worden sei; dass Wissenschaftler jedes Mal die Grenzen der Vernunft und der Moral überschritten; dass eigentlich nur Idioten glauben könnten, Covid 19 sei auf natürlichem Weg – also durch eine Zoonose – entstanden. Aufgrund dieser Tirade avancierte Stewart kurzzeitig zum Star der Trump-Anhänger in Amerika. Bei ihnen erfreut sich die These, Covid 19 sei in einem Labor entstanden, enormer Beliebtheit, weil sie allen Ernstes glauben, Donald Trumps kriminelle Verantwortungslosigkeit, die hunderttausende Amerikaner das Leben gekostet hat, werde dadurch kleiner. 

Milos Zeman äußerte in einem Interview, er habe ja nichts gegen Schwule und Lesben, aber Transsexuelle – also, Transsexuelle finde er einfach zum Kotzen. Und deshalb habe er, Zeman, volles Verständnis für Viktor Orbán, den ungarischen Diktator, der Leuten, die es nicht so treiben wie der gemeine Hetero, am liebsten sämtliche Menschenrechte entziehen möchte.

Und Ulrike Folkerts? Nun, Frau Folkerts ist gegen Atomkraft. Natürlich ist sie gegen Atomkraft. Welcher vernünftige Mensch könnte denn – um Himmels willen – für Atomkraft sein?

Bevor wir fortfahren, möchte ich zu Protokoll geben, dass auch ich ein paar höchst ausgeprägte Meinungen habe. Voilà: Ich glaube, dass ungefähr zwei Drittel von Shakespeares Sonetten an einen jungen Mann adressiert sind, Shakespeare aber trotzdem nicht schwul war. (Beweis: 20. Sonett.) Ich glaube ferner, dass das 145. Sonett nicht von Shakespeare stammt, sondern ihm untergeschoben wurde. (Zu ärmlich, zu wenig bildhaft, außerdem ist es nicht mal ein richtiges Sonett.) Dann glaube ich noch, dass das 73. Sonett zu den schönsten Gedichten gehört, die je in irgendeiner Sprache geschrieben wurden. 

Zu diesen Meinungen fühle ich mich deshalb berechtigt, weil ich mal Anglistik studiert habe und ganz gut Englisch kann. Außerdem liebe ich die Sonette und habe mich in meinem Studium intensiv mit ihnen beschäftigt (auch mit ihrer Übersetzungsgeschichte). Ich kann ungefähr 40 von ihnen auswendig. Ich gehöre zu jener merkwürdigen Minderheit von Menschen, die ohne Lyrik ebenso wenig leben kann wie ohne Jazz, Single Malt Whisky oder Bilder von Vermeer. 

Das heißt nicht, dass jeder Mensch meine Meinungen teilen muss. (Vielleicht lieben andere Leute das 66. Sonett mehr – oder das 18. oder das 12. Ich will mich nicht streiten.) Aber ich glaube, dass ich ein gewisses Recht auf meine Meinungen habe; dass sie — mit anderen Worten — nicht gänzlich unfundiert sind.

Wenden wir uns nun Jon Stewart zu. Der Mann ist, wie gesagt, berühmt. Er hatte jahrelang eine Show im Fernsehen. Er kann sehr witzig sein. Eines ist Herr Stewart indessen nicht: Virologe. Die meisten Virologen sind fundamental anderer Ansicht als er. Dr. Christian Drosten etwa hält die These, das neuartige Coronavirus sei einem Labor entsprungen, für höchst unwahrscheinlich. Die australische Vorologin Danielle Anderson, die als letzte Ausländerin in genau jenem Labor in Wuhan gearbeitet hat, hält die These vom entsprungenen Mördervirus geradezu für abwegig.

Freundlich aber ahnungslos

Nun die Frage: Welcher Meinung messen wir mehr Gewicht bei? Der Meinung der Herren und Damen Virologen oder der Meinung des berühmten Jon Stewart?

Der oben erwähnte Milos Zeman übt den Beruf eines Politiker aus. Als Staatspräsident der Tschechischen Republik ist er gehalten, sich an die Gesetze seines Landes zu halten und sie auszuführen. Die Regeln, auf die sich alle zivilisierten Staaten (damit meine ich Länder, die sich an Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gebunden fühlen) geeinigt haben, verpflichten Herrn Zeman dazu, alle tschechischen Bürgerinnen und Bürger – übrigens auch transsexuelle – gleich zu behandeln. Ist sein Geschmacksurteil (denn um ein solches handelt es sich bei seiner Äußerung über Transsexuelle; Näheres bei Immanuel Kant, „Kritik der Urteilskraft“) vor diesem Hintergrund erheblich oder unerheblich?

Zuletzt ein Wort über Ulrike Folkerts, die gewiss nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, sondern auch ein freundlicher Mensch ist. Hat sie Atomphysik studiert? Hat sie die Studie von Anil Markandya und Paul Wilkinson in „The Lancet“ gelesen, die belegt, dass Atomkraft – auch unter Einrechnung von Tschernobyl – pro Terawattstunde weniger Menschenleben verschlingt als beinahe jede andere Form der Energieerzeugung? Ist Ulrike Folkerts bekannt, dass der Klimaforscher James E. Hansen – der als einer der ersten Experten vor dem menschgemachten Treibhauseffekt gewarnt hat – Atomenergie für unverzichtbar hält, um aus der Verbrennung fossiler Energieträger auszusteigen? 

Und interessiert es jemanden, ob Ulrike Folkerts diese Fakten zur Kenntnis genommen hat? 

Die älteren Semester unter uns erinnern sich vielleicht noch an eine deutsche Fernsehserie mit dem Titel „Die Schwarzwaldklinik“. Star jener Serie war der Schauspieler Klausjürgen Wussow, der schon aufgrund seiner Physiognomie dafür vorbestimmt schien, patriarchale Autoritätsfiguren zu verkörpern; er spielte in „Die Schwarzwaldklinik“ einen väterlichen Professor Dr. Brinkmann, dem die schwierigsten Operationen ohne Mühe gelangen. Dies führte dazu, dass Klausjürgen Wussow bei einem medizinischen Notfall (wenn das Gedächtnis nicht trügt, handelte es sich um einen Blinddarmdurchbruch) gebeten wurde, auf der Stelle eine Notoperation durchzuführen; leider musste er mangels Sachverstand passen. 

Vielleicht sollten wir für das Missverständnis seiner Fangemeinde den Fachausdruck „Brinkmann-Trugschluss“ („Brinkmann fallacy“) prägen. Alle drei Beispiele, die oben beleuchtet wurden, sind Beispiele dafür. In Wahrheit ist nämlich ganz uninteressant, welche Meinung Jon Stewart im Hinblick auf Laboratorien und Coronaviren hat. Der Nachrichtenwert seiner Tirade lässt sich auf exakt Null beziffern. Die Meinung des Herrn Zeman über Transsexuelle ist ebenso powidel (um es im Jargon der Habsburgermonarchie zu sagen) – sie interessiert allenfalls insofern, als sie seine Fähigkeit in Frage stellt, seine Amtspflichten zu erfüllen. Frau Folkerts ist zu wünschen, dass sie ihren Beruf noch viele Jahre mit Spaß ausüben kann. 

Viel wäre gewonnen, wenn Journalisten und Journalistinnen künftig Folgendes beherzigen würden: Über die Herkunft von Viren befragen wir Virologen, über Transsexuelle klären uns diese selbst bzw. Sexualforscher auf, wenn es um Atomkraft geht, interviewen wir Physikerinnen bzw. Klimaforscher. Wer aber Genaueres über Shakespeares Sonette erfahren möchte, kann sich gern vertrauensvoll an mich wenden. 




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".