Die blau-schwarz-weiße Landesflagge weht über dem estnischen Parlament, dem Riigikogu. Richard Volkmann

Weitsicht statt Paranoia

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Während Europa im Nordwesten mit dem Brexit kämpft, feiert am anderen Ende der Union ein Land Geburtstag, das für eine glänzende Erfolgsgeschichte steht.

In Europa werden derzeit nicht allzu viele Erfolgsgeschichten geschrieben. Brexit, Eurokrise und Populismus – wohin man blickt, überall ist die Stimmung gedrückt. Wirklich überall? Nicht ganz: Ein kleines Land an der Peripherie Europas, zwischen Russland und der Ostsee gelegen, zeigt, dass es auch was zu feiern gibt.

Estland feiert den 100. Jahrestag seiner staatlichen Unabhängigkeit. Auf den Trümmern der sowjetischen Misswirtschaft ist hier in den vergangenen Jahrzehnten das Vorzeigeland des ehemaligen Ostblocks entstanden. Wo noch vor einer Generation Mangelwirtschaft und repressiver Bürokratismus jeden Fortschritt lähmten, regieren heute Innovation und Wachstum. Das gelang auch, weil Estland zu einem der Vorreiter im Bereich Digitalisierung wurde – inklusive landeseigener Kryptowährung und blockchaingestütztem Online-Backup des gesamten Staatsapparates für den Fall, dass der Nachbar aus Russland noch einmal zur „Befreiung“ des Landes ansetzen sollte. Der Ruf als „digital nation“ ist für das kleine Estland, das weniger Einwohner hat als München, ein irrsinnig erfolgreiches Alleinstellungsmerkmal. Jedes Kind kennt inzwischen die Story mit der fünfminütigen Online-Steuererklärung. Und wie viele ehemalige Sowjetrepubliken können schon von sich sagen, dass ihr Regierungschef mal in Amerika zur Prime Time in der Daily Show saß?

Zum Imagegewinn kommt der wirtschaftliche Erfolg. Das BIP hat sich seit der Unabhängigkeit mehr als vervierfacht, die Arbeitslosenquote liegt auf deutschem Niveau und von der lächerlich niedrigen Staatsverschuldung von 9,7 Prozent der Wirtschaftsleistung können wir gar nur träumen.

Liberalisierung und Digitalisierung

Das ist alles noch beeindruckender, wenn man die Probleme bedenkt, mit denen Estland seit der wiedererlangten Unabhängigkeit zu kämpfen hat. Das Land hat seitdem nicht nur einen Braindrain von ostdeutschen Ausmaßen erlebt und dabei fast jeden sechsten Einwohner verloren, es hat als Erbe der Sowjetzeit auch eine russische Minderheit im Land, die jeden vierten Einwohner stellt. (Den estnischen Pass erhalten diese Russischsprachigen bis heute aber nur, wenn sie Estnisch sprechen und einen Eid auf die Verfassung schwören – Anlass für viel internationale Kritik.)

Im Vergleich zur unmittelbaren militärischen Bedrohung durch Russland sind das allerdings Peanuts. Aus leidiger Erfahrung war Estland nach 1991 so schnell wie möglich der NATO beigetreten, und Ereignisse wie die Cyberattacken von 2007 oder die aktuelle Benennung eines russischen Luftwaffengeschwaders nach der Hauptstadt Tallinn zeigen, dass dieser Schritt eher löbliche Weitsicht war als krankhafte Paranoia. Trotz der ständigen Gefahr und dem weitgehenden Fehlen einer demokratischen Kultur – die erste estnische Unabhängigkeit zwischen den Weltkriegen endete in einer Diktatur – ist Estland heute eines der freiesten Länder Europas und längst ein Lehrstück dafür, was gelingen kann, wenn ein Staat Liberalisierung und Digitalisierung konsequent zusammenzuführen versteht: Was noch 1991 mit einer gewaltigen Hypothek begonnen hatte, ist heute Vorbild für ein in schwieriges Fahrwasser geratenes Europa. Dazu darf man gratulieren: Head Vabariigi Aastapäeva!

 




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“