Bloß nicht zu eng! Beste Freunschaften sind an manchen englischen Grundschulen unerwünscht. Foto: Benjamin Gimmel/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Gute Freunde soll niemand trennen

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Der Wunsch, Kinder vor Ausgrenzung zu schützen, treibt seltsame Blüten. In einigen englischen Schulen etwa sind enge Freundschaften unerwünscht. Entwicklungspsychologisch ist die Nötigung zu einem Geflecht vieler lockerer Beziehungen allerdings kontraproduktiv.

Im vergangenen September wurde Prinz George, der Sohn des britischen Prinzen William und der Herzogin Kate eingeschult. Klatschzeitschriften waren voller Bilder des süßen Vierjährigen in seiner Schuluniform. Die Zeitschrift „Freundin“ schrieb über einen Artikel zum Thema: „Warum er keinen besten Freund haben darf, hat einen wichtigen Grund“. Aber was könnte die Thomas’s-Battersea-Schule in London nur gegen einen besten Freund für den kleinen Prinzen haben?

Soziale Ausgrenzung lautet die Antwort. Einer pädagogischen Überzeugung zufolge, die vermehrt Anhänger an englischen Grundschulen findet und mittlerweile auch die USA und Kanada erreicht hat, schließen zu enge Freundschaften andere Kinder aus. Um diese vor schmerzhaften Gefühlen sozialer Isolation zu bewahren, werden Schüler daher dazu angehalten, sich nicht zu stark auf einzelne Freunde zu fixieren und stattdessen große, lockere Beziehungsnetze zu knüpfen.

Kinder neigten dazu, sich einen besten Freund zu suchen, sagt eine Erziehungsberaterin der „New York Times“: „Als Erwachsene – Lehrer und Berater – ermutigen wir sie dazu, dies nicht zu tun.“ Eine vorgeschlagene Maßnahme besteht daraus, zu eng befreundete Kinder in der Klasse und bei Gruppenaktivitäten zu trennen.

Doch muss Kindern tatsächlich von Erwachsenen vorgeschrieben werden, wie sie ihre Beziehungen zu Gleichaltrigen zu gestalten haben? „Das mag gut gemeint sein“, sagt Professor Daniela Hosser, die den Lehrstuhl für Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Forensische Psychologie an der TU Braunschweig innehat. Doch man schütte hier wohl das Kind mit dem Bade aus: „Im Kindergarten- und Grundschulalter sind enge Freundschaften wichtig, um soziale Fähigkeiten zu lernen und Erfahrungen zu machen, die in lockereren Freundschaften nicht möglich sind.“

So lernten die Kinder, Gefühle von Geborgenheit, Intimität und Vertrauen von den Eltern auf Gleichaltrige zu transferieren – eine wichtige Fähigkeit für die Gestaltung späterer Beziehungen. Der Vorteil bester Freundschaften lasse sich auch empirisch nachweisen: „Untersuchungen belegen, dass enge Freundschaften ein guter Prädiktor für sozialen Erfolg und stabile Partnerschaften sind.“

Gleichmacherei und überbehütende Curling-Eltern

So zeigte im August des vergangenen Jahres eine im Fachjournal „Child Development“ erschienene Langzeitstudie an 169 Probanden, dass junge Erwachsene, die in ihrer Jugend enge Freundschaften pflegten, tendenziell ein höheres Selbstwertgefühl und eine geringere Neigung zu Depression haben als solche ohne enge Freundschaften. Mehr noch, Jugendliche mit einem breiten Netz aus lockeren Freundschaften entwickelten später eher soziale Ängste.

Zwar untersuchten die Wissenschaftler Jugendliche und nicht Kinder, aber um Wissenschaft geht es bei der Keine-Beste-Freunde-Pädagogik ohnehin nicht. Sie entspringt zum einen einer Ideologie der Gleichmacherei, die in jeder Form von Ungleichbehandlung eine Ungerechtigkeit sieht. In dieser Perspektive wird die beste Freundschaft von einer ganz besonderen Partnerschaft (mit speziellen Erfahrungen, Ritualen und teilweise sogar einer eigenen Sprache), in der wichtige soziale Fähigkeiten eingeübt werden, zur Abwertung aller anderen Beziehungen. Vor allem aber offenbart sich hierin ein allgemeiner Trend zum Behüten von Kindern und Jugendlichen vor negativen Erfahrungen.

Immer schön alle Unebenheiten aus dem Weg schrubbern. Foto: Jonathan Pope/Wikipedia, CC BY 2.0

Ein Begriff dafür ist der der Helikopter-Eltern. Noch besser passt die aus dem Dänischen übernommene Bezeichnung der Curling-Eltern. Wie Spieler beim Curling, die mit dem Besen über das Eis vor dem Stein wischen, sind diese Eltern hektisch damit beschäftigt, ihrem Kind alle Hindernisse aus dem Weg zu kehren und die Bahn vor ihm möglichst glatt zu wischen, damit es unbeschwert durchs Leben gleiten kann.

Eine ständig beleidigte Generation Schneeflocke

In ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl plädierten die niedersächsischen Grünen für die Abschaffung des Sitzenbleibens, um die „individuelle Erfahrung des Misserfolgs“ zu vermeiden. Auch Schulstress kommt der Partei „nicht in die Tüte“. Aber es endet nicht mit der Schule. An amerikanischen Universitäten fordern Studenten „safe places“, Orte, an denen sie vor kontroversen Meinungen geschützt sind. Professoren sollen in Vorlesungen „Triggerwarnungen“ aussprechen, damit Studenten nicht überraschend unangenehmen oder verstörenden Themen ausgesetzt werden. Alte Texte sollen von möglicherweise problematischen Ausdrücken bereinigt werden, um die Gefühle der jungen Leser zu schonen. Und in Berlin soll ein Gedicht an der Fassade einer Hochschule überpinselt werden, weil die darin beschriebene Bewunderung von Frauen an sexuelle Belästigung erinnern könne.

So verständlich das Bedürfnis sein mag, Kindern und Jugendlichen unangenehme Erfahrungen zu ersparen, Curling-Eltern und überbesorgte Erzieher erweisen ihren Schützlingen damit womöglich einen Bärendienst. Professor Hosser sieht bei jungen Erwachsenen einen Trend zu narzisstischem Verhalten. Immer mehr Studenten seien sehr schnell gekränkt. Sie verfügten über eine unrealistische Selbstwahrnehmung. Kritiker in den USA ätzen schon von einer übersensiblen „Generation Schneeflocke“, die zu ständigem Beleidigtsein neige. Und aus der Kränkung wächst das Bedürfnis, das Kränkende auszublenden oder gar zu verbieten.

Natürlich ist es sinnvoll, Mobbing und Cliquen-Bildung in Schulklassen entgegenzutreten. Und wenn ein Kind in der Grundschule nicht alle seine Klassenkameraden zu seinem Geburtstag einladen will, müssen die Einladungen auch nicht unbedingt in der Schule verteilt werden. Aber enge Freundschaften sind kein Mobbing. Sie entspringen einem tiefen menschlichen Bedürfnis nach „Wesensgleichheit“ mit einem anderen, das schon Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik beschrieb. Diese „vollkommene Freundschaft“ zeichne sich dadurch aus, dass man dem anderen Gutes wünscht – und nicht allen anderen Schlechtes.

Wer beste Freundschaften unterbindet, schützt Kinder wohl kaum vor einer negativen, sondern versagt ihnen eine sehr wichtige Erfahrung. Darüber hinaus gehören einige negative Erfahrungen schlichtweg zum Erwachsenwerden. Wer davor immer nur geschützt wird, lernt nicht, mit Frustration umzugehen. Spätestens als Erwachsener wird man aber irgendwann mit Misserfolgen und Ausgrenzung konfrontiert. Um zu lernen, wie man das aushält und konstruktiv damit umgeht, ist es dann aber womöglich zu spät.




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. ist er mittlerweile als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung gelandet, wo er besonders gern über Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderoboter schreibt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com