Wenn Wünsche Wissenschaft Werden

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Ein Rotwein am Abend führt nicht zwangsläufig zur Leberzirrhose. Zum gesunden Lebensmittel wird der alkoholische Traubensaft damit aber noch lange nicht – auch wenn Medien regelmäßig Studien zitieren, die angeblich genau das beweisen.

Ich mag Alkohol. Wirklich. Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich am Tresen meiner Lieblingsbar und genieße hervorragende Drinks. Ich arbeite seit über fünf Jahren als Bartender. Man kann also durchaus sagen, dass ich ein gewisses Know-How habe, wenn es sich um Alkohol dreht.

Um so mehr stört es mich jedes Mal, wenn ich Nachrichtenartikel über die angeblich positiven Wirkungen von Alkohol lese. Auf meinem Blog habe ich bereits mehrmals über die Wirkung von Alkohol und dessen Einfluss auf die persönliche Gesundheit geschrieben.

Am berühmtesten ist sicherlich jene Annahme, dass Rotwein vor Herzkrankheiten schützen würde. Obwohl es einige Anzeichen dafür gibt, dass das Trinken von Rotwein eine positive Korrelation zur Prävention von Herzerkrankungen hat, stellt das keine Empfehlung für irgendwas dar. Es existieren weitaus effektivere Wege, um Vorsorge für die eigene Gesundheit zu betreiben. Der Konsum von Alkohol ist nicht vorteilhaft für die eigene Gesundheit.

Das ist ok, muss er nicht, aber man sollte auch so ehrlich sein, sich diesen Umstand einzugestehen. Kein Mensch bei Verstand würde argumentieren, dass Rauchen einen gesundheitlichen Vorteil mit sich bringt – warum also wird bei Alkohol so sehr versucht, genau das zu tun? Meine Vermutung ist, dass es dafür zwei Gründe gibt.

  1. Alkoholtrinken ist gesellschaftlich akzeptierter als Rauchen.
  2. Menschen suchen nach Rechtfertigungen für schädliche Verhaltensweisen.

2013 wurde eine Studie veröffentlicht, die besagte, dass leichtes Übergewicht gesünder sei als Normalgewicht. Von den Medien wurde sie damals wohlwollend rezipiert, während die wissenschaftliche Community vor allem auf methodische Schwächen aufmerksam machte. In Deutschland sind etwa 53% aller Frauen und 67% der Männer übergewichtig – verständlich, dass man dann eher Studien glaubt, die besagen, dass das eigene Übergewicht eigentlich gar nicht so schlimm ist. Und die restlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die das Gegenteil aussagen, wohlwollend ignoriert.

Psychologisch ist das einfach zu erklären, suchen Menschen doch häufig nach Erklärungen für ihr Verhalten und wollen das Bewusstsein haben, dass sie das Richtige tun.

Doch Aufgabe eines guten Wissenschaftsjournalisten ist auch, über die eigene Komfortzone hinauszugehen und nicht die persönlichen Wünsche als Wissenschaft zu verkaufen. In einem kürzlich erschienen Artikel auf WELT-Online wurde jedoch genau das getan. Hier wurde Alkoholkonsum auf einen Status erhoben, den er nicht verdient. Ich werde es gern noch ein weiteres Mal sagen:

Alkoholkonsum hat keinen gesundheitlichen Vorteil. Zumindest keinen, der nicht auch anders erreicht werden könnte

Es gibt durchaus einige Aspekte, die vorteilhaft von Alkoholkonsum beeinflusst werden können, ABER eine gesunde Ernährung, regelmäßiger Sport und die Vermeidung von zu viel Stress sind wesentlich effizienter darin, die eigene Gesundheit zu erhalten – ohne die schlechten Nebenwirkungen von Alkohol. Nur weil er bei einigen Dingen eine positive Wirkung hat, bedeutet das nicht automatisch, dass Alkohol grundsätzlich gut ist. Man sollte nicht die eigenen Trinkgewohnheiten mit Mythen rechtfertigen.

Wissenschaftsjournalismus auf Abwegen

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Kommen wir zurück zum Artikel der „Welt“. Dieser behauptet, dass klare Spirituosen wie Gin und Vodka therapeutische Effekte hinsichtlich der Symptome von Heuschnupfen hätten. Der Autorin zufolge wirken diese Spirituosen wie ein Antihistamin, da während ihrer Destillation Histamin (das Hormon, das der Körper während einer allergischen Reaktion freisetzt) nicht in denselben Mengen (bzw. gar nicht – mir ist allerdings kein Prozess der Alkoholproduktion bekannt, bei dem kein Histamin entsteht, aber vielleicht kann mich hier nochmal jemand aufklären) wie bei dunklen Spirituosen produziert wird.

Man kann jedoch den ersten Logikfehler bereits hier erkennen: Klare Spirituosen beinhalten weniger Histamine (doch sie sind immer noch vorhanden, da sie als ein Nebenprodukt der Fermentation entstehen), sollen aber trotzdem irgendwie auf dieselbe Weise wie Antihistamine wirken? Liegt es an mir, oder ergibt das schlicht keinen Sinn?

Doch das ist nicht das einzige Problem, das ich mit diesem Artikel hatte. Er war im Grunde eine Empfehlung dafür, klare Spirituosen zu trinken, wenn man an Heuschnupfen leidet. Dieser wird häufig mit Antihistaminen behandelt, um allergische Reaktionen zu unterdrücken. Antihistamine haben häufig stark sedierende Nebenwirkungen – welche zudem die Wirkung von anderen Beruhigungsmitteln (depressants) wie Alkohol potenzieren können. Tatsächlich ist es so, dass manchmal lebensbedrohliche Wechselwirkungen zwischen Alkoholkonsum und Antihistaminen auftreten können. Die grundsätzliche Empfehlung der medizinischen Literatur ist die grundsätzliche Vermeidung von Alkoholkonsum, gerade dann, wenn man Antihistamine bereits als Behandlung einsetzt.

Aber es gibt noch zwei weitere Probleme.

Erstens: Die dem Welt-Artikel zugrundeliegende Geschichte ist beinahe ein Jahr alt. Monate, welche in die Recherche für die Annahmen des Artikels hätten fließen können. Man hätte die Behauptungen ordentlich auf den Prüfstand stellen können.

Doch die Autorin tat nichts dergleichen. Ein Beispiel für schlechten Wissenschaftsjournalismus par excellence. Die ganze Geschichte basiert auf…was genau? Das war etwas, das ich mich während meiner eigenen Nachforschungen häufiger fragte. Der Artikel in der WELT behauptete, dass es eine Studie von Asthma UK gäbe, welche die therapeutischen Vorteile von klaren Spirituosen belegte.

Überraschung! Die „Studie“, die als Quelle angegeben war, bestand lediglich aus einer Übersichtsseite von Alkohol und Asthma besagter Organisation. Offensichtlich ist das keine wissenschaftliche Studie. Die Tragikkomik dabei ist jedoch, dass man auf eben jener Übersichtsseite keinen einzigen Hinweis darauf findet, dass klare Spirituosen in irgendeiner Weise vorteilhaft bei Heuschnupfen wären.

Das war der Punkt, an dem ich richtig verärgert war, denn es schien nun offensichtlich zu sein, dass die Autorin nicht einmal die Zeit aufwandte, um ihre eigene Quelle zu lesen. Dann hätte sie nämlich bemerkt, dass dieser Quelle zufolge, die Verbindung zwischen Alkohol und Asthma (übrigens nicht Heuschnupfen) nicht so klar ist, wie sie es gerne hätte und Wissenschaftler immer noch dabei sind, die genauen Mechanismen dahinter zu erforschen.

Zweitens: Asthma UK’s Website erwähnt Heuschnupfen (oder seinen medizinischen Namen Allergische Rhinitis) überhaupt nicht. Sicher, Asthma und Heuschnupfen haben ähnliche Symptome und die Behandlung ist häufig ebenso ähnlich. Aber sie sind dennoch nicht dasselbe.

Hatte ich nicht gesagt, dass diese Story fast ein Jahr alt ist? Richtig. Die HuffPost UK hatte nämlich damals schon ihre Hausaufgaben gemacht und eine Gegendarstellung veröffentlicht. Im Gegensatz zu anderen Medien, haben sie tatsächlich mit einer verantwortlichen Person von Asthma UK gesprochen – und, ohne große Überraschungen. Studienleiter Andy Whittamore stellte klar, dass es nie eine Empfehlung für den Konsum einer bestimmten Spirituose gab, wenn man unter Heuschnupfen oder Asthma leidet. Es gibt lediglich eine Tendenz dafür, dass manche Spirituosen weniger wahrscheinlich sind, eine allergische Reaktion hervorzurufen.

Ein Plädoyer Für Intellektuelle Aufrichtigkeit

Es kostete mich lediglich ein paar Stunden, um die verfügbare Forschung zu diesem Thema zu sichten – dasselbe, was ich von jemandem erwarte, der auch noch genau dafür bezahlt wird. Wir haben bereits eine Krise der Wissenschaftskommunikation. Viele Menschen verstehen nicht, was Wissenschaft eigentlich tut.

Journalisten, die über Wissenschaft schreiben, sollten an denselben hohen, wissenschaftlichen Standards gemessen werden, die Wissenschaftler erfüllen müssen, um angemessene Anerkennung zu erhalten.

In einem Fall wie diesem, wenn es so einfach zu widerlegen ist oder es sogar bereits vor langer Zeit getan wurde, ist das einfach ärgerlich. Menschen zu erzählen, dass Alkoholkonsum vorteilhaft für ihre Gesundheit ist (wenn das nicht zutrifft), ist unverantwortlich. Nicht jeder hat die Zeit und/oder das Wissen, um Quellen zu überprüfen und nachzuforschen, ob eine Story der Wahrheit entspricht oder nicht.
Wir brauchen mehr intellektuelle Aufrichtigkeit und nicht nur simples Click-Bait – oder das Problem mit wissenschaftlichem Analphabetismus wird immer weiter zunehmen.




Sprachenthusiast. Debattiertier. Studiert Medieninformatik. Lebt und arbeitet momentan in Dresden, der schönsten Stadt Dunkeldeutschlands. Schreibt, seit den ersten Tagen bewussten Denkens. Führt den ewigen Kampf für mehr Spaß, Wissenschaft und Rationalität momentan unter @egotheist auf Steemit.