Pflanzen kuscheln im Winter gern: Hier trotzen Genpetunien der Kälte unter einer Giftfolie Ludger Weß

Wissen ist out

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Wissenschaft ist für deutsche Medien nur noch interessant, wenn sie sich als korrupt oder irregeleitet darstellen lässt, Erfolge werden kaum noch gewürdigt. Stattdessen wird es gefühlig und allzu oft wird Esoterik als Wissenschaft verkauft. Der Alternativmedizin wird längst die Alternativbiologie an die Seite gestellt.

Diese Woche wurde bekannt, dass Detlef Weigel, Direktor am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, den Barbara McClintock-Preis 2019 für Pflanzengenetik und Genomforschung erhalten wird. Der Preis ist eine große Ehre, eine Art Nobelpreis der Botaniker, und wird für Verdienste zur Erforschung rund um die die Struktur, Funktion und Evolution von Pflanzengenomen, einschließlich der Genregulation und Epigenetik, verliehen. Benannt ist er nach der Pflanzengenetikerin Barbara McClintock, die 1983 für ihre Forschungen über springende Gene den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielt.

Weigel hat lange über die Blütenentwicklung und die Kontrolle des Blühbeginns bei Pflanzen geforscht und sich in den vergangenen Jahren unter anderem dem Immunsystem der Pflanzen zugewandt. Dabei hat er zum Beispiel Autoimmunprozesse bei Hybridpflanzen entdeckt.

Das böte Gelegenheit für spannende Geschichten, aber im vergangenen Jahr hat kein deutsches Medium irgendein Interesse an Weigels Arbeit oder seinem Labor gehabt, das eine Reihe von viel versprechenden Nachwuchsforschern hervorgebracht hat. Auch die Preisverleihung erschien offenbar nicht berichtenswert.

Stattdessen führt das „Zeit“-Magazin, das wie sein Mutterblatt mehr und mehr durch große Affinität zu esoterischen Themen auffällt, über fünf Seiten ein Interview mit dem italienischen Pflanzenversteher Stefano Mancuso, der Pflanzen Intelligenz zuschreibt, von ihrer Sehfähigkeit überzeugt ist, sich in sie hineindenkt und Sonnenblumen bei Spiel und Tanz beobachtet haben will. Der Forscher und sein „Internationales Labor für Pflanzen-Neurobiologie“ wird von Kollegen im In- und Ausland schon lange nicht mehr ernst genommen (nein, nur weil Albert Einstein ein Außenseiter war, ist nicht jeder Außenseiter ein Einstein). Vor mehr als zehn Jahren schon forderten 36 Botaniker in dem Fachblatt Trends in Plant Science ein Ende dieses Unsinns, der auf „oberflächlichen Analogien und fragwürdigen Extrapolationen“ beruhe. Aber der Gerald Hüther der Pflanzenhirnforschung schreibt Bestseller, deren Erfolg dem der Wohlleben-Elaborate („Wie Bäume sprechen“) in nichts nachstehen und ist wie Wohlleben Medienliebling.

Bestechende Einfalt

Ähnlich bunt geht es im Deutschlandfunk zu. Dort räumt seit 20 Jahren der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer mit gefühlten Lebensmittelwahrheiten (… man weiß doch, wie schädlich/wie gesund XYZ ist…) auf, oft provokant, immer lustig und grundsätzlich akribisch mit Quellen für jede Behauptung unterlegt. Die Sendung heißt „Mahlzeit“ und kann im Netz nachgelesen werden. Dort finden sich auch die Quellenangaben. Pollmer findet Biokost nicht so gut wie die Grünen (zu oft sind Giftstoffe oder Krankheitserreger drin) und Glyphosat nicht so schlimm wie die Grünen, was wiederum die Grünen so schlimm finden, dass sie offiziell und inoffiziell das Absetzen der Sendung forderten. „Pollmer muss weg“, lauteten Leserzuschriften aus ganz Deutschland. Der Deutschlandfunk hat dem grünen Volkszorn nachgegeben: Im Wechsel mit Pollmer ist nun freitags die Fernsehköchin Sarah Wiener zu hören, die statt belegbarer Fakten gefühltes Wissen bietet und damit dem Wunsch der Grünen und ihrer Anhänger nach Geschichten aus der heilen Ökowelt und der bösen industriellen Landwirtschaft nachkommt.

Wieners erster Beitrag war von bestechender Einfalt und folgte dem Grundsatz jeder guten Öko-Propaganda: an Ahnungslosigkeit reich, in der Meinung stark und beim Phrasendreschen unermüdlich. Da sammeln Bienen Samen ein, Obstbauern sprühen regelmäßig Antibiotika auf ihre Obstbäume (in Deutschland nur noch in absoluten Notfällen mit Ausnahmegenehmigungen und nur zur Feuerbrand-Bekämpfung erlaubt) und Bienen fühlen sich nicht wohl, wenn sie in Styroporbeuten („Giftkästen“) wohnen müssen, die womöglich auf nacktem Beton stehen. Ökologisch korrekt hingegen wohnt der Bien in lebenden Bäumen.

Belege für den Unsinn (übrigens stellen die Bienen selbst antibiotikahaltiges Propolis her, das sich in Ökokreisen großer Beliebtheit erfreut – so gesund ist es!) gibt es keine, dafür aber Rezepte.

Um so erstaunlicher, dass ein Forscher wie Detlef Weigel es noch in Deutschland aushält. Dafür gebührt ihm ein Extra-Preis.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.