Yogakurs in der Notaufnahme

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Welcher ist der richtige Weg beim Netzausbau? Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, widerspricht in der ZEIT Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die zunehmenden Turf Wars verschiedener Fraktionen von Energiewende-Befürwortern zeigen vor allem eines auf: die Krise der Energiewende und die Realitätsverweigerung ihrer Apologeten.

Kann die Energiewende durch einen Stromnetz-Ausbau im großen Maßstab gewährleistet werden? In der ZEIT sagt Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, ja, Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Chefin der affirmativen Energiewende-Beratungsindustrie, verneint das – es sei nämlich gar nicht nötig.  Was wir zunehmend beobachten, ist folgendes: Der deutsche Sonderweg der Energiepolitik ist in der Krise, und es beginnen die Turf Wars, die Grabenkämpfe der Lager, Fraktionen und Profitgemeinschaften, die vorher gemeinsam auf Subventions- und Drittmitteljagd gingen. Nun treten die Anhänger verschiedener Denk- (oder genauer: Nicht-Nachdenk-) Schulen öffentlich gegeneinander an. Die Einheitsfront bröckelt.

Frau Kemferts Narrative 

Frau Kemfert vom DIW behauptet, der stockende Netzausbau sei eine Intrige der Stromkonzerne, die um ihre Pfründen bangten. Eigentlich brauche man ihn gar nicht; er sei überdimensioniert. Speicher und Smartgrids würden das Problem schon lösen. Gleichwohl hat sich Kemfert schon häufiger als energietechnisch inkompetent präsentiert, so mit ihrer Behauptung, Kohle- und Atomstrom „verstopften“ die Netze, während eigentlich jetzt schon die Erneuerbaren einen Großteil unserer Stromversorgung übernehmen könnten.

Leider halten sich die Kirchhoffschen Knoten- und Maschenregeln in Stromnetzen nicht an Frau Kemferts Anweisung. 

Claudia Kemfert orientiert ihre Narrative am tagespolitischen Zeitgeist und an dem, was die Regierung gerade vorgibt: sprach sie sich vor Fukushima noch im Sinne einer vorausschauenden Klimapolitik für die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken aus,

„… an manchen Tagen gibt sie fünf, sechs Interviews. An diesem auch eines für Spiegel TV, in dem sie – mit figurbetontem Anzug, schulterlangem Haar, knapp und schmucklos, klar und lächelnd – erklärt, warum der Ölpreis steigt (Ressourcen gehen zur Neige, Spekulanten bereichern sich), dass Atomkraftwerke weiterbetrieben werden sollten (bis alternative Energien ausreichend genutzt werden können) und was der Einzelne tun kann, um die Klimakatastrophe aufzuhalten…“,

so fährt sie seitdem gemeinsam mit Frau Merkel und den Grünen stramm auf Antiatomkurs – stets die Lieblings-Beraterin und TV-Erklärerin der aktuellen Hegemonen im Umwelt- und Energiediskurs. Nun sieht sie, dass Bürgerinitiativen gegen Stromtrassen wie die Pilze aus dem Boden schießen. Kein Problem für Frau Kemfert: die Realität muss sich eben der neuesten NIMBY-Mode anpassen.

Homann vs. Kemfert vs. Realität

Doch nun widerspricht ihr Herr Homann, der Chef der Bundesnetzagentur. Der ist im Gegensatz zu Frau Kemfert ein echter Experte für Stromnetze und er steckt zwischen Hammer und Amboss: kommt es infolge politisch gewollter, stufenweiser Liquidierung gesicherter Leistung zu einem großen Stromausfall, dann rollt sein Kopf als erster. Daher versucht er verzweifelt, die Bundesregierung wenigstens vor den halsbrecherischsten Manövern zu warnen. Er plädiert weiterhin für massiven Netzausbau.

Doch auch Homann traut sich nicht, das Goldene Kalb Energiewende vom Sockel zu stoßen, das sie alle gemeinsam umtanzen. Und daher ist sein Widerspruch eigentlich keiner: Wo Kemfert nur 100 Kilometer Leiterseile gestatten will, möchte Homann 10.000. Doch beide halten weiterhin die real existierende Energiewende unter der Voraussetzung einiger Korrekturen für machbar.

Und hier kommen die „smarte“ Technologie und die Speicher ins Spiel, die in den Erzählungen unserer Energiewendler immer in der Rolle der guten Fee auftreten. Das Märchen geht so: Es war einmal der deutsche Michel, dem erst Fukushima und dann Greta zeigten, wo der Hammer hing, und der im ökologistischen Furor alle seine zuverlässigen Stromerzeugungs-Kapazitäten in Stücke schlug. Der Michel weinte sehr, doch da kam Smart Grid auf einem Einhorn-Mobil herbeigefahren, blies etwas digitalen Feenstaub über die Trümmer, und überreichte dem Michel ein neues Super-Wunder-Speicherschwert. Wo der Feenstaub hinfiel, wuchsen die digital gesteuerten Stromnetze, und wo der Michel mit seinem Schwert dreinfuhr, entstanden statt der AKWs und Kohlekraftwerke Power-To-Gas-Anlagen und Elektrolyseure. Am siebten Tage schaute der Michel auf seine Arbeit, und siehe, sie war sehr gut gelungen.

Wenn wir nun das Märchenbuch wieder zuklappen, erkennen wir, dass wir die täglich als Beinahe-Realität herbeizitierten Speicher im Industriemaßstab nicht haben, und auch 2030, zur ersten Etappe des Massiv-Kohleausstiegs, nicht haben werden. Zudem ist absehbar, dass solche extensiven Unternehmungen zwecks Ernte und Aufbewahrung unzuverlässiger Wind- und Sonnenenergie extrem teuer und umweltschädlich sind. Sie können schwerlich als ökologisch, wirtschaftlich sinnvoll oder gar sozialverträglich verkauft werden. 

Was man tun könnte, aber nicht tut

Überdies müssten gemäß des grünen Präventionsprinzips erst einmal die Risiken einer digital gesteuerten Stromversorgung bewertet werden: angesichts einschlägiger Erfahrungen mit Cyber-Attacken auf Stromnetze und Maschinensteuerungen sicherlich keine schlechte Idee. Auch hier müsste die Netzagentur die Rolle des Mahners spielen. Aber sie setzt sich nicht durch. Risikoannahmen, wenn auch falsche, werden in diesem Land bekanntlich nur für Atomkraftwerke diskutiert. 

Man kann mit digitaler Netzleittechnik und Netzausbau sicherlich ein Netz optimieren. Das würde sogar Sinn ergeben, wenn man Kernenergie und Erneuerbare gemeinsam nutzen würde. Das wäre die effizienteste und auch günstigste Art, eine Elektrizitätswirtschaft zu dekarbonisieren, wie kluge Regierungen erkannt haben und wie es nüchterne, professionelle, aber außerhalb Deutschlands produzierte und in Deutschland nicht gelesene Studien bestätigen.

Doch wenn sie gelesen werden, werden sie missbräuchlich zitiert: Frau Kemfert  gelang das Kunststück, die Kernenergie-Studie des Energiewirtschafts-Spezialisten William D‘haeseleer (Universität Leuven)  zu zitieren, um die Kernenergie damit als „zu teuer und zu gefährlich“ (Fußnote 14) zu diskreditieren, obwohl D’haeseleer in dieser für die Europäische Kommission angefertigten Untersuchung unterm Strich das Gegenteil sagt, wie man im „Executive Summary“ seiner Studie ganz einfach nachlesen kann. 

Yogakurs in der Notaufnahme

Aber unsere unsere Regierung ist nicht klug, und die wenigen Expertinnen und Experten, denen sie ihr Ohr leiht, sind Jasager. Daher wird das Axiom des deutschen Sonderwegs nicht angetastet, demzufolge man allein mit den Niedrigenergie-Flüssen aus Luftbewegung und Sonnenschein ein Industrieland im trüben Nordwesten des europäischen Kontinents mit Strom versorgen könne. Damit wir uns nicht vertun: gemeint ist ein Mehrfaches der Strommengen, die wir heute bereits verbrauchen, denn Wärme- und Mobilitätsmarkt sollen ja auch noch mitversorgt werden, und die Serverfarmen für die erneuerbare Industry 4.0 fressen jede Menge davon.

Was ist also zu halten von dem Streit zwischen Kemfert und Homann? Hier wird einem Schwerverletzten in der Notaufnahme ein Yogakurs verschrieben, während die Notärzte sich miteinander prügeln.




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.