Marcus Welsch

Tagebuch aus Deutschland (1): Verzweifeln am Nationalpazifismus

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

In Deutschland ist man offenbar immer noch nicht gewillt, der Realität dieses Krieges ins Auge zu schauen. Unseren Autor – ein Dokumnetarfilmregisseur, der viel in der Ukraine unterwegs ist – verzweifelt daran. Sein Tagebuch erscheint in loser Folge an dieser Stelle.

 „Ich weiß nicht, wann dieser Krieg zu Ende sein wird und welchen Preis wir für unseren Sieg zahlen müssen. Aber ich möchte ein paar Worte über die kollektive Verantwortung des Westens für all das sagen, was hier vor sich geht. Ihr habt zu lange und zu unverschämt mit den Tätern dieses Kriegs verhandelt. Ihr habt lange zwischen Euren Prinzipien und Eurer Bequemlichkeit geschwankt und dabei alle Verpflichtungen der Partnerschaft vergessen. Ihr habt zugelassen, dass die russische Propaganda Euer Bewusstsein mit Lügen über »ukrainische Nazis« und den »Bürgerkrieg in der Ukraine« oder den »gesellschaftlichen Konflikt« überschwemmt hat. Ihr habt eine Mitverantwortung.
Nach allem, was die Russen in Mariupol, Charkiw, Tschernihiw und anderen ukrainischen Städten angerichtet haben, kann es meines Erachtens keinen Kompromiss mit dem heutigen Russland geben. Denn dies ist kein Krieg zwischen der russischen Armee und der ukrainischen Armee. Es ist ein Krieg zwischen der russischen Armee und dem ukrainischen Volk. Was hier geschieht, ist ein Völkermord. Die Russen dezimieren bewusst und systematisch die Zivilbevölkerung der Ukraine. Sie zerstören die Infrastruktur, bombardieren Schulen, Theater, Museen, Kirchen, Wohngebäude.“

Serhij Zhadan 

Es fällt auf, dass angesichts des Krieges in Deutschland die pauschale Forderung nach Frieden besonders beschworen wird. Das wurde bei den letzten beiden Großdemonstrationen in Berlin deutlich. Zerknirscht stellen diejenigen fest, die Jahre lang vor der russischen Botschaft in Berlin in sehr überschaubaren Gruppen gegen die aggressive Politik des Kremls demonstriert haben, dass die beiden letzten Massenkundgebungen in Berlin von denjenigen dominiert werden, die in den letzten Jahren eher den linken Konsens gegen eine bessere Verteidigung bedient haben und für ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland einstanden. Dass bei vielen Pazifisten derzeit aber auch ein Umdenken stattfindet, kann man nur mit Respekt sehen. Das braucht Zeit.

Auch wenn der weltweite Protest und die bekundete Solidarität gegenüber den Menschen in der Ukraine sehr bewegend ist, droht hier allerdings eine neue Spaltung. Die Mehrheit der ukrainischen Demonstranten hatte bereits am 27.März aus Protest gegen die Rednerlisten der Hauptdemonstration am großen Stern, auf der viele Ukrainer nicht zugelassen waren, eine eigene Kundgebung am Neptunbrunnen abgehalten. Auch fallen Beobachtern bei der jüngsten Großdemonstration in Berlin die professionellen Sprecher der linken Umwelt- und Friedens-Massenorganisationen auf, die sich trotz der Beschwörung eines – wie auch immer gearteten – Friedens sichtlich schwer tun mit der neuen Realität. Neben dem Beharren alter Weisheiten (Konfliktmediation statt Aufrüstung) ist wenig vom Freiheits- und Selbstbestimmungs-Anspruch der ukrainischen Nation zu hören.  

Natürlich sind die Massendemonstrationen eine der wichtigen Ausdrucksformen des Schocks und Protest angesichts eines entfesselten Angriffskrieges Russlands. Man weiß nicht, wie die Mehrzahl der Demonstranten denken. Ich habe in den letzten Tagen aus meinem deutschen Freundeskreis immer wieder Anrufe erhalten, die in der Frage mündeten, warum die Ukrainer sich nicht einfach ergeben. Dann würde doch der Krieg schneller aufhören.  

Einmal abgesehen davon, dass diese proto-pazifistische Haltung genau dem Militär-Kalkül Russlands zugute kommt, seine militärische Angriffskriege gegebenenfalls auch auf weitere Länder auszuweiten, frage ich mich, ob meine deutschen Freunde – die alle nicht aus der Friedensbewegung stammen – sich mit den Konsequenzen auseinander gesetzt haben, die eine russische Okkupation der Ukraine bedeutet. Mit einer pauschalen Friedensforderung ist keinem geholfen. Sie vernebelt die notwendige Klärung, wie man dem zynischen Angriffskrieg richtig begegnen soll. 

Unsere ukrainischen Freunde haben mehr verdient als ein paar Appelle. Es geht schlicht um die Existenz ihrer Freunde, Familien und ihrer Nation. Der Gedanke, man solle sich einfach ergeben, ist aber noch mit einer ganz anderen Konsequenz verbunden. Es ist schwer vorzustellen, dass Putins Abteilungen des Inneren und diverse Dienste des Kremls nicht für die Zeit nach der Okkupation geplant haben. Die Kreml-Kritiker, Schriftsteller und Akteure der Zivilgesellschaft, die sich für Umweltbelange, Antikorruption oder  LGBT-Rechte bis in die kleineren Städte der Ukraine mutig eingesetzt haben, werden die ersten sein, die im erweiterten Reich Putins für immer in Gefängnissen und Lagern verschwinden werden. Falls jene Akteure der Zivilgesellschaft die erste Phase der Besatzung und Säuberung überhaupt überleben. Ob das den Gewerkschaftsführern und Umweltverbänden bei den Reden auf der Großkundgebung bewusst war?  

Wer den Nachrichten aus Belarus nach dem August 2020 oder dem Verschwinden der mutigen Akteure der Proteste in Hong Kong wenig oder keine Aufmerksamkeit schenkt, dem ist vermutlich auch die tödliche Konsequenz des Gedankens einer Kapitulation der Ukrainer nicht bewusst. Das ausbleibende Eintreten für die Selbstbestimmung und Verteidigung der Ukrainer lässt einem ratlos zurück. Ist es denn wirklich so schwer zu verstehen, dass eine Besatzungspolitik Russlands nichts mit einem friedlichen Leben am Bodensee oder der Protestkultur in Kreuzberg zu tun hat?  Ein Kollege, der auf der Krim geboren wurde, schreibt: „Kennt Deutschland nur die Perspektive des Angreifers? Kann Deutschland keine Freiheit schätzen, weil es sie nie errungen, sondern immer geschenkt – und sogar aufgezwungen – bekam?“ Die Haltung vieler Friedensbewegter erinnert an jenen National-Pazifismus der das sichere Leben für sich selbstverständlich in Anspruch nimmt, aber es anderen verwehrt. Und vor was haben die Organisatoren der Großdemonstrationen Angst, dass sie die Ukrainer nicht mehr zu Wort kommen lassen?  

Meine polnischen Freunde reiben sich unterdessen die Augen. Vergleicht man die Verteidigungsbereitschaft in Einzelumfragen in Europa, steht Deutschland an letzter Stelle.

Unser Gastkolumnist Marcus Welsch war die letzten zehn Jahre Dutzende Male in Polen, der Ukraine und anderen Staaten Mittel- und Osteuropa unterwegs. Er ist als Dokumentarfilmregisseur oft mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan durch den Osten seines Landes gefahren. Warum ihn jetzt das Reden in Deutschland über Krieg und Frieden um den Schlaf bringt, beschreibt er hier in einem mehrteiligen Tagebuch.

Teil 2, 3 und 4 des Tagesbuches finden Sie hier, hier und hier.




Über