Ein Sonnenuntergang der Post-Corona-Zeit in Tel Aviv David Harnasch

Kaffee mit der Schönsten Frau der Welt™ – und mit Hindernissen

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Noch bevor der aktuelle Konflikt ausbrach und wieder Raketen flogen, erfüllte unser Autor in Israel ein zwei Jahre altes Versprechen und lud eine Freundin zum Kaffee ein. Nebenbei bereiste er die deutsche Zukunft, denn in Israel ist die Pandemie inzwischen weitestgehend Vergangenheit. Was bleibt? Und welche Gewohnheiten verschwinden postpandemisch ganz schnell? Eine Reportage.

Es war irgendwann im Frühling 2019, meine langjährige Partnerin hatte mich vor ein paar Wochen verlassen, da stand ich zufällig im Rossmann in Berlin in der Kassenschlange direkt hinter der Schönsten Frau der Welt™, die ich zuvor nur virtuell kannte und mit der ich in den Tagen zuvor relativ intensiv chattete. Dieser Zufall war derart bizarr, dass man ihn als Wink des Schicksals verstehen musste. Also versprach ich, sie gelegentlich auf einen Kaffee einzuladen. Sollte nach Feierabend in Berlin kein Problem sein.

Einzig: Es kamen ein paar Dinge dazwischen. Meinerseits ein monatelanger Midlifecrises-Trip durch Südeuropa mit dem Campervan. Ihrerseits der Umzug nach Israel, denn wie jeder vermutet, der mal das Land bereist hat, ist die Schönste Frau der Welt™ selbstverständlich Israeli. Und mikrobiologischerseits SARS-CoV-2. Im dritten Monat des 2020-Novemberlockdowns fiel mir die Decke des vor meiner eigenen – aber eben leider vermieteten – Wohnung parkenden Vans auf den Kopf. Diese Pest ist ein Memento Mori. Und ich erinnerte mich an eine philosophisch-botanische Weisheit: „Probleme sind dornige Chancen.“ Es wird offensichtlich keinen After-Work-Kaffee mit ihr in Berlin geben – für Monate, mindestens. Aber wenn alles, was es braucht, um meine Einladung umzusetzen, zwei Dosen eines brandneuen, global umkämpften und raren Impfstoffs, drei PCR- und ein Antikörpertest, eine Einladung des Staates Israel, ein Flug zu einem zum Buchungszeitpunkt offiziell geschlossenen Flughafen, eine Reservierung in einem ebenfalls noch gesetzlich geschlossenen Hotel und zwei Bahntickets sind – dann mache ich halt das. Man braucht Ziele im Leben. Meines: Ich werde nicht vom Bus überfahren werden, ohne diesen Kaffee in genau dieser Gesellschaft getrunken zu haben.

Gesagt, getan

Ich betrete FFP2-maskiert die leeren Hallen des BER am frühen Morgen des 21. April 2021. Die Leere fühlt sich per se bizarr an, Flughäfen sind bitteschön lebendige Orte voller Menschen, die die erwartungsfroh freu-gestresste Energie Reisender ausstrahlen. Und dann ist da noch die Tatsache, dass dieses offensichtlich in den 1990er Jahren entworfene Gebäude brandneu aussieht, weil es das nun mal ist. Bei Autos ist das manchmal reizvoll, bei Architektur irgendwie unpassend. „Ihren Reisepass bräuchte ich bitte und ich hoffe in ihrem Interesse sehr, dass es ein israelischer ist.“ „Leider nein.“ „Haben Sie eine Einladung des Staates Israel?“ „In dreifacher Ausfertigung!“ Meinen Covid-Test, („Nicht älter als 72 Stunden!“) will niemand sehen. Der Flug ist angenehm ruhig, es gibt sinnvollerweise keine Getränke oder Essen, auch mit Duty-Free-Verkauf wird niemand belästigt. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt sich vermutlich dem polnischen Basketballteam Stal Ostrów Wielkopolski, das gefühlt 50% der Passagiere stellt und den FIBA Europe Cup gegen Ironi Nes Ziona mit 82:74 verlieren wird.

Auf dem Weg durch den Flughafen Ben Gurion beantwortet sich eine Frage, die ich mir selbst stellte: Ist diese Stadt, in die ich ja schon jahrelang verliebt war, bevor ich eine ihrer Bürgerinnen zur Freundin hatte, ein gigantisches Denkmal für die siebeneinhalb Jahre, die ich mit der Zweitschönsten Frau der Welt™ liiert war – oder das Spielfeld, das sie mir zuvor auf wundervollste Weise bot? Als ich die zentrale Halle des Terminal 3 betrete, kann man mein breites Grinsen mit Sicherheit trotz der Maske deutlich erkennen. Kein Ort der Welt ist mehr Heimat als Tel Aviv.

Noch bevor der obligatorische und kostenfreie Covid-PCR-Einreisetest ansteht, will das Gesundheitsministerium den Aufenthaltsort aller Einreisenden sowie eine israelische Handynummer erfahren, um über das Testergebnis zu informieren. Problem: Die Zweitschönste Frau der Welt™, die mir erheblich bei der Reiseplanung assistierte und selbstverständlich gerne ihre Nummer zur Verfügung gestellt hätte, hatte irgendwann mal eine neue SIM-Karte angeschafft und also zwei verschiedene Nummern in meiner Datenbank hinterlassen, von denen eine mit Sicherheit tot ist. Kurzerhand gebe ich die Nummer meiner Freundin A. an. In der Schlange zum PCR-Test lese ich auf großen Plakaten, dass ich die „Test2Fly“-App bräuchte. Der Download misslingt, weil ich keinen israelischen Personalausweis samt Nummer habe. Braucht man alles nicht, erklärt mir die junge Frau hinter dem Tresen, bevor ich den Nasenabstrich bekomme. Da die Ankunftshalle gesperrt ist und ich also weder eine SIM-Karte kaufen noch Bargeld abheben kann, bitte ich die Dame, die den Taxistand managt, beim Fahrer sicherzustellen, dass ich mit Kreditkarte zahlen kann. Ein kurzer Wortwechsel zwischen den beiden findet statt und ich steige ein. Die Fahrt geht nicht zum Hotel, sondern zum Assuta-Krankenhaus im äußersten Nordosten Tel Avivs, direkt grenzend an die furchtbare Stadt Bnei Brak. Dort angekommen erfahre ich, dass mein Fahrer erstens keine Karten akzeptiert, zweitens den Taxameter nicht eingeschaltet hatte und drittens 100 Euro für die Fahrt fordert. Ich kenne die üblichen Preise, drücke ihm 50 Euro in die Hand und drohe mit der Polizei. Wir sind uns jetzt schnell einig.

Ohne Test kein Fest

Für etwas über 100 Euro kann ich hier in der Serologie einen Antikörpertest machen, der meine Impfung beweist und dessen Ergebnis direkt dem Gesundheitsministerium zugeht. Vernünftigerweise vertraut Israel dem deutschen Impfpass von zwölf bis Mittag. Bis das Ergebnis vorliegt, habe ich in Hotelquarantäne zu verbleiben. Semilegal besorge ich mir noch FFP2-maskiert eine SIM-Karte, bevor ich im Setai einchecke. Die älteste Struktur im Gebäude ist eine Mauer aus der Ära der Kreuzzüge, der charakteristische Eingang des Komplexes führte erst in ein osmanisches Gefängnis, dann in ein britisches und schließlich in ein israelisches Polizeirevier. Nach 20 Jahren liebevoller Renovierung beherbergt das Gebäude nun eines der besten Hotels der Welt. Pro-Tipp für die nächste Pandemie: Reserviert man sein Zimmer noch, während sowohl in Israel als auch in Deutschland totaler Lockdown herrscht, weil man antizipiert, Ende April einreisen zu können, zahlt man nur einen Bruchteil des regulären Preises.

Noch auf dem Weg ins Hotel erreicht mich eine Whatsapp von A:

„DAVID שלום,

לפי הנתונים המופיעים במשרד הבריאות, הנך שוהה בבידוד עד לתאריך 04/05/2021 בשעה 23:59, בעקבות חזרתך מחו“ל.

הנחיות לבידוד, אפשרות לקיצור, מידע על בדיקות ועוד:  https://go.gov.il/home-isolation

العربية: https://go.gov.il/home-isolation-ar

English: https://go.gov.il/home-isolation-en

למידע נוסף ניתן לפנות לקופ“ח או לקול הבריאות 5400*

בברכה,
משרד הבריאות
can you please call them and let them know it’s not your phone number? they are tracking phones and I don’t want them to think I need to be in quarantine now..“

Anweisung der Zweitschönsten Frau der Welt™: „Assuta’s lines closed at 6pm today, too late to reach them now. And the MOH wouldn’t be able to help until they get approached by Assuta. 1. Tell your friend to take a chill pill. Nobody would make her quarantine or anything. 2. They have your email address, no? If they’ll send the results to your email I could try and help once you get it.“

Ich verspreche A. dennoch, mich gleich am nächsten Morgen darum zu kümmern, dass im Ministerium meine neue Nummer dem Fall zugeordnet wird.

Endlich der Impfpass!

Checkin im Setai: Endlich will mal jemand meinen deutschen PCR-Test sehen und ich darf mit dem Impfausweis angeben. Nun gelte ich innerhalb des Hotels als immun, zum Nachweis erhalte ich ein Armband, mit dem ich mich auf dem Gelände frei bewegen darf. Die Maskenpflicht im Freien wurde erst vor drei Tagen aufgehoben, in Innenräumen gilt sie noch. Gäste wie Personal folgen brav, so lange sie sich bewegen, es gilt aber eine völlig unwissenschaftliche Ausnahme für jeden, der sitzt. Verlassen darf ich das Hotelgelände erst, sobald der Antikörpertest ausgewertet ist. Zum ersten Mal seit 16 Monaten sitze ich also am Abend in einer Bar. Die Rechnung für mich alleine wird dreistellig in Euros, es ist mir vollkommen gleichgültig. Die Freude am schieren Hiersein ist überwältigend. Ich verdrücke ein paar Glückstränen. Als ich am nächsten Morgen erwache, sehe ich die mir von A. weitergeleitete SMS des Ministeriums vom Vorabend:

תוצאת בדיקת ה PCR לקורונה של DAVID HARNASCH שבוצעה בתאריך 21/04/2021 היא שלילית.

במידה והנך נדרש לבידוד או חולה מאומת, קבלת הודעה זו אינה משנה הנחיות לבידוד ואינה מהווה אישור החלמה.

The covid19 swab test (PCR) result of DAVID HARNASCH that was taken on 21/04/2021 is negative.

If you were required to self-isolate, or if you were confirmed to have covid-19, this message does not change isolation requirements and does not confirm recovery

Sowie die Bestätigung des Antikörpertests:

DAVID שלום,

על פי הנתונים שהתקבלו בתאריך 21/04/2021 15:42

, הנך פטור/ה מבידוד. לקבלת אישור החלמה בכתב יש לפנות לגורם הרפואי המטפל.

לידיעתך, אם הצהרת על שהותך בבידוד בשל ליווי אדם אחר, עליך להישאר בבידוד לצורך קבלת דמי בידוד.

מידע נוסף למחלימים מקורונה: https://go.gov.il/corona-recovered

בברכת בריאות,
משרד הבריאות

Ich bin also frei. Vom Labor kam per Mail außerdem das konkrete Ergebnis des Tests: Mein Antikörpertiter liegt bei 303, als immun gelte ich ab 15. Ich muss wohl ein halbes Kilo alleine an Antikörpern zugenommen haben seit der Impfung.

Dass ich auch sonst an Gewicht gewinnen werde, ist absehbar, denn das Hotel liegt keine 50 Meter sowohl vom Stammhaus der großartigen Traditionsbäckerei Abuelafia als auch von „Dr. Shakshukka“ entfernt. Auf den Straßen tragen vielleicht noch 5% der Leute Maske. In den engen arabischen Geschäften Jaffas sieht man Masken in etwa jedem zweiten Gesicht – und zwar konsequent unter dem Kinn. In den Bussen, Zügen und Taxen hingegen liegt die Quote korrekt getragener Masken bei 100%. Das darf auch in Deutschland bitte gerne eine Weile so bleiben. Was hingegen leider außerhalb der Hotels und höherpreisigen Restaurants bereits nirgendwo mehr zur Verfügung steht: Desinfektionsmittel. Die Spender dekorieren noch überall die Gegend, aber niemand ist mehr motiviert, sie zu befüllen.

Die augenscheinlichste Änderung im Stadtbild seit zwei Jahren sind die unzähligen neuen Radwege, derentwegen Straßen zu Einbahnstraßen umgewidmet wurden. Tel Aviv, das niemals schläft, ist ohne ausländische Touristen und Geschäftsreisende viel, viel ruhiger als je zuvor erlebt. Die Gastroszene der Stadt war immer schon extrem schnell wandlungsfähig, aber jetzt scheint etwa jeder vierte Laden die Pandemie entweder nicht überlebt zu haben oder noch nicht mit genügend Nachfrage für einen finanziell sinnvollen Betrieb zu rechnen. Eines meiner beiden „Büros“ existiert nicht mehr in der gewohnten Form: Aus dem Café Landwer am Dizengoffplatz wurde schon vor der Pandemie das „Pasia“, das nun mit 30% Discount für seine Wiedereröffnung wirbt. Statt der mir ohne israelischen Staatsbürgershaft nicht zugänglichen Green-Passport-App zeige ich meinen deutschen Impfausweis, um innen platznehmen zu dürfen. Die Hostess ist trotz der deutschen Steinzeittechnik „Papier“, mit der ich sie belästige, völlig begeistert: „You are our first guest from abroad in over a year! Welcome to Israeeeeeeel!“ (Diesen Satz sollte ich beinahe jeden Tag hören, oft verbunden mit der Frage, ob ich einen Kurzen aufs Haus mit dem jeweiligen glücklichen Begrüßer trinken will.) Mein Kellner ist ein christlicher Araber und hat sichtlich großen Spaß daran, wieder Gäste empfangen zu dürfen. Zwar gilt während meines gesamten Israel-Aufenthalts von zwei Wochen unverändert Maskenpflicht innen und die Vorschrift, den Impfstatus zu belegen, doch ich schaffe es nur in den ersten Tagen, irgendwem meinen Impfpass zu zeigen. Es interessiert danach einfach niemanden mehr, obwohl ich dauernd in irgendwelchen Innenräumen sitze. Jeder weiß, ob und dass er bzw. sie selbst geimpft ist und auch, dass das Gegenüber es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist. Ich selbst spiegle den Maskenstatus meiner jeweiligen Gastgeber aus purer Höflichkeit. (Wobei ich natürlich die Zwischenformen „Rüsselfrei“ und „Kinnladenhalter“ nicht mitmache. Ganz oder gar nicht.) Den Quatsch, sich maskiert durch ein Aerosolarium voller sitzender Unmaskierter zu bewegen, um dann selbst unmaskiert sitzend tief zu inhalieren, mache ich – wie die meisten anderen Hotelgäste – schon nach ein paar Tagen nicht mehr mit. Das Hotelpersonal hält ca. weitere fünf Tage durch, bevor es ebenfalls auf gründliche Egalheit setzt. In Supermärkten, die zu Ketten gehören, werden noch am Tag meiner Abreise Masken getragen, im unabhängigen Lebensmitteleinzelhandel schon am Tag meiner Ankunft nicht mehr. Betritt man eine Shoppingmall, ist es ein Gebot der Höflichkeit gegenüber den Wachleuten, die vor jedem Eingang stehen (oft selbst mit Maske unter dem Kinn), wenigstens für den Moment der Taschen- bzw. Rucksackkontrolle eine aufzusetzen. Innen werden überwiegend Masken getragen, während das in Geschäften derselben Filialisten außerhalb der Malls schon weniger üblich ist. Die Wachleute scheinen den psychologischen Unterschied zu machen.

Zur schönsten Frau der Welt™

Nach einigen Tagen Tel Aviv habe ich mich hinreichend eingelebt, um den Weg nach Jerusalem anzutreten. Zwar pflegen beide Städte ein Verhältnis, das dem von Köln und Düsseldorf vergleichbar ist, und ich weiß sehr genau auf welcher Seite ich in der israelischen Version stehe. Aber Jerusalem ist eben auch endlos faszinierend und voller Geschichte – und vor allem grade so leer wie nie. Außerdem ist der letzte Wunsch, den ich in der Klagemauer unterbrachte, neun Jahre her. Und obwohl ich als agnostischer Atheist und Hardcore-Arier an genau nichts glaube, muss ich zugeben: Es wurde geliefert wie bestellt und es hielt fast acht Jahre. Es wäre also unter agnostischen Gesichtspunkten fahrlässig, keinen neuen Wunsch zu äußern. Um einen Bahnhof und also dann einen Zug betreten zu dürfen, muss man unter der Nummer *5770 einen Zugang buchen. Man gibt an, welchen Zug man zu nehmen gedenkt und bekommt dann per SMS den Link zu einem QR-Code, der vom Sicherheitspersonal am Eingang des Bahnhofs gescannt wird. Im Bahnhofsgebäude wie auch im (ziemlich leeren) Zug tragen wieder alle Maske. Eine süße Safta (Hebr. „Oma“) von geschätzt 1,45 Meter drängelt sich am Schalter vor. Natürlich lasse ich sie gewähren, und natürlich macht mich das zum Fraier (Hebr. „Tölpel, der sich über den Tisch ziehen lässt“), denn der Erwerb ihrer Fahrkarte ist mit längeren Verhandlungen und größerem Wortbedarf verbunden als mein letztes Immobiliengeschäft. Der Shuk in Jerusalem ist leer, das Essen köstlich. Auf dem Weg zur Altstadt treffe ich Yonatan Abramowicz. Der Gitarrist macht Aufnahmen für sein neuestes Youtube-Video, weiß eine Tonne interessanter Dinge über Jerusalem (ich hatte z.B. keine Ahnung, dass für die Kolonne Wilhelm II. ein Loch in die Altstadtmauer geschlagen wurde), weshalb wir die kommende halbe Stunde gemeinsam um die Altstadt spazieren. Vom Virus hat er hingegen gar nichts kapiert. Statt einer Maske, die ihn ja tatsächlich in der FFP2-Version ziemlich gut schützen würde, hat er ein Face-Shield improvisiert, indem er eine große Plexiglasscheibe an sein Brillengestell montiert hat. Er führt dieses Nonsensekonstrukt mit sich, ohne es aber wirklich aufzusetzen, dafür fällt es mehrfach zu Boden. Er ist der erste und einzige Israeli auf meiner Reise, von dessen negativem Impfstatus ich erfahre. Er meint, das Virus lehre uns Menschen, dass wir die Natur nicht beherrschen könnten. Ich meine, die Impfung beweise, dass wir das sehr wohl können. Wir sind uns in Sympathie einig, uneinig zu sein. Zum Abschied bietet er mir den Ellenbogen zum Gruß an, ich ihm meine durchgeimpfte Hand. Er schlägt ein.

Die Altstadt ist leer, die Händler langweilen sich zu Tode, ich finde es zum ersten Mal in meinem Leben nicht furchtbar stressig, mich hier aufzuhalten. An der Klagemauer steht noch das Konstrukt, welches den Strom der Besucher in irgendwie pandemiekonforme Bahnen lenken sollte, doch es wird nicht benötigt, kaum jemand ist hier. Ich schreibe den Namen der schönsten Frau der Welt™ auf einen Zettel und stopfe ihn zwischen die Steine. Der Empfänger wird schon wissen, was er damit anzufangen hat. Anschließend begebe ich mich in die Katakomben links der Klagemauer. Was noch vor sechs Wochen vollkommen undenkbar war, fühlt sich so normal an, dass es mir erst im Nachhinein aufgefallen ist: Ich stand grade mit über hundert großteils unmaskiert betenden Haredim in einem schlecht durchlüfteten Raum und kam nicht auf die Idee, außer Comirnaty und einer Kippa irgeindeine andere Vorkehrung zu benötigen. Dass ausgerechnet diese von der Pandemie so hart getroffene Gemeinschaft nur wenige Tage später beim größten zivilen Unglück in der Geschichte Israels mit über 40 Todesopfern bei der Feier ihres allerfröhlichsten Feiertags Lag BaOmer (der unfassbarerweise seit Jahrtausenden ausgerechnet an das Ende einer Seuche erinnert) am Berg Meron getroffen werden würde, ahnte da noch niemand. Am Tag nach der Tragödie traf ich A. wie verabredet – aber diskret am Hotelpool statt im Straßencafé. „I find it insensitive to just show off how much we all in HaBua (hebr. „Die Blase“ – meint den Großraum um Tel Aviv namens Gush Dan) don’t care about anything going on outside on a day like this.“ Recht hat sie. Und ist damit doch die einzige in HaBua.

Im deutschen Lockdown glaubte ich, Museen, Kinos, Galerien ebenso zu vermissen wie Restaurants und Bars. Das würde ich mir gerne weiterhin einreden, um mich für kultiviert zu halten, aber Tatsache ist eben: Ich war an 14 Tagen jeden einzelnen Tag im Hotelpool schwimmen. Und ich war an jedem einzelnen Tag in mindestens einem Restaurant. Sonstige kulturelle Erfahrungen, die physische Anwesenheit erfordern: Keine. Street Art gucken zählt nicht. Prä-Lockdown habe ich Raucherbars gemieden, einfach weil ich den Gestank in den Klamotten nicht mochte. Jetzt konnten mir die Läden gar nicht verqualmt genug sein. Der Höhepunkt an einem Tagesausflug nach YokneAm (Natur, so schön sie dort auch ist, hatte ich eigentlich nun wahrlich genug in 2020) war die Fahrt in einem Auto dorthin mit zwei unmaskierten Freunden sowie die Weinprobe in der Tulip Winery danach.

Deutschland wartet mit Bürokratie

Am Tag vor meinem Rückflug durchlebe ich am eigenen Leib falsche Risikoabwägung durch die Politik. Ohne einen negativen PCR-Test, der nicht mehr als 48 Stunden vor meiner Landung (sportlich!) in Deutschland durchgeführt worden sein darf, nimmt mich EasyJet nicht an Bord, denn das schreiben die Behörden so vor. Das Risiko, dass ich als Durchgeimpfter (eine Information die dem deutschen Staat vorliegt, schließlich fand die Impfung unter erheblicher Zettelwirtschaft im Impfzentrum Freiburg statt, weshalb sie jedoch wahrscheinlich irgendwo auf Faxpapier verstaubt) sowie als Rückkehrer aus einem Mikroinzidenzgebiet, in dem 90% aller Erwachsenen geimpft sind und das kurz vor der Herdenimmunität steht, FFP2-tragend irgendwen meiner ja ebenfalls geimpften Mitpassagiere mit Covid anstecke, ist ziemlich genau: Null. Wer mal in Tel Aviv war, der weiß, dass hingegen die Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden, wenn man per Mietelektroroller jeweils elf Kilometer zum Coronatest und zurück durch die Stadt gurken muss, alles andere als bei Null liegt. Ich buche den Expresstest (Ergebnis binnen drei Stunden) für 300 Euro und sitze anschließend mit A. im Café, und mache Fotos von Graffiti, die einen befreundeten Hund zeigen, als A.s Handy piept:

„תוצאת בדיקת ה PCR לקורונה של DAVID HARNASCH שבוצעה בתאריך 04/05/2021 היא שלילית. במידה והנך נדרש לבידוד או חולה מאומת, קבלת הודעה זו אינה משנה הנחיות לבידוד ואינה מהווה אישור החלמה.

The covid19 swab test (PCR) result of DAVID HARNASCH that was taken on 04/05/2021 is negative. If you were required to self-isolate, or if you were confirmed to have covid-19, this message does not change isolation requirements and does not confirm recovery“

Das sind gute Nachrichten, da mir tatsächlich – frühblüherallergiebedingt – schon seit zwei Tagen die Nase läuft. Der Mail mit dem entsprechenden PDF musste ich noch eine halbe Stunde hinterhertelefonieren, dann halte ich auch dieses Dokument von der Rezeption frisch gedruckt in Händen. Heute Morgen stand das bestellte Taxi der Firma Hadar zehn Minuten vor dem Termin schon vor dem Hotel. Diesen Bericht verfasse ich an Bord von EJU5832, wo ich aktuell keine Maske trage, weil das Bier, für das die Airline als Monopolist mit 6,50 € je Dose (0,33l) exakt denselben Preis aufruft wie buchstäblich jede noch so schäbige Bar in Tel Aviv und das inzwischen wieder an Bord verkauft wird, schlecht mit Maske trinkbar wäre.

Und der Kaffee mit der Schönsten Frau der Welt™? Der war vorzüglich, und sie war außerdem lustig und schlau und schlagfertig und überhaupt rundherum anbetungswürdig und wir haben uns blendend amüsiert und viel gelacht. Jetzt wurde sie als Reservistin eingezogen, worüber sie froh ist, denn in einer solchen Krise konstruktiv an einer Lösung arbeiten zu können, ist allemal gesünder, als besorgt im Bunker zu sitzen. Das Kaffeedate wird wiederholt werden: Ab Juli schon dürfen geimpfte Alleinreisende als Touristen nach Israel.




Verbringt als Digitalnomade prinzipiell nie mehr als sechs Wochen am selben Ort. Lebt in einem Campervan. Schreibt. Spricht. Reflektiert Licht. Berät. War Chefredakteur des Magazins "liberal" der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und Gründer und Prokurist bei PAGIDO, sowie Mitgründer und Geschäftsführer der Salonkolumnisten. Ist u.A. auch zu finden bei Welt Online im Video, schriftlich u.A. hier bei den Salonkolumnisten, sowie im früheren Bewegtbild des Cicero (hier archiviert) und im noch älteren Videoblog "Bildschirmarbeiter".