Lichtinstallation in Berlin Autor

Zwischen den Jahren, zwischen den Welten

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Beim Endjahresputz noch Ungesagtes gefunden, das raus muss: Notizen über Europa und das große Rätsel des 21. Jahrhunderts, die Provinz und Rudolf Bahro, Erich Kästner und die AKK, den Individualismus und einen Satz aus den Römerbriefen – es ist also für (fast) jeden etwas dabei.

#1 In den Weihnachtstagen begegnete ich auf einer Wanderung in den stillen und einsamen Landschaften Zyperns einem Schäfer mit seiner Schafherde und einem Hütehund. Romantisch betrachtet, passte das ja ausgezeichnet zum Heiligen Fest, wenn der Schäfer nur nicht ganz in Fleckentarn gekleidet gewesen wäre. Außerdem telefonierte er die ganze Zeit; was ihm gute Laune verschaffte, ihn aber auch einer bukolisch-religiösen Betrachtung vollends entzog. Denn prompt musste ich wieder über das große Rätsel des 21. Jahrhunderts nachdenken: Wieso hat ein Schäfer irgendwo im Nirgendwo Europas ein so gutes und preiswertes Netz, das ihn unbekümmert und ausgiebig bei der Arbeit Kontakt halten lässt mit der Frau oder wem auch immer, während man außerhalb der Großstädte Deutschlands von Funkloch zu Funkloch tappt, bis sie einen Tunnel ergeben? Und dann schalt ich mich auch selbst schon wieder, weil ich in dem Moment nur wieder an diese Malaise denken konnte.

#2 Weihnachten und die besonderen Tage „zwischen den Jahren“ haben nicht nur den schönen Effekt, dass man mal nach Herzenslust ausschlafen, sondern auch zur Familie, in die Heimat, nach Hause fahren, die Schlagzahl des Alltäglichen reduzieren und sich offenen Auges umschauen kann. Doch etliche treten danach wie erlöst in ihren Stadtwohnungen über die Schwelle, weil sie des Familienprogramms schon nach einem Tag überdrüssig waren, aber, um des sozialen Friedens willen und weil sie sich ein Jahr nicht hatten sehen lassen und vom residualen Gewissen zum Durchhalten verpflichtet wurden, dann doch den anstrengenden Anstand wahrten und etwas länger blieben, zu viel aßen und tranken und nun als erstes einen Tulsi-Tee aus dem Bioladen aufsetzen, weil der nach Entschlackung und Buße zugleich schmeckt. Viele jedoch kommen beglückt zurück wie von der Kinderlandverschickung, denn sie gingen nach den üppigen Mahlzeiten spazieren, betrachteten die Veränderungen in der heimatlichen Provinz und fanden irgendwie auch Gefallen an dem, was sich nicht verändert hatte, und an der Unaufgeregt- oder rechtfertigungsfreien Abwesenheit von Themen, die in der Stadt, vor allem aber in der Metropole, immer alles und alle in Schwingung versetzt mit der politischen Magnitude von mindestens 5,0 auf der nach oben offenen Richterskala. Und wenn man die Augen offen hält, staunt man, dass in den kleinsten Dörfern dort, wo früher die Schweine und Hühner ihr Dasein fristeten, nun Maschinen stehen, die acht, neun Menschen Auskommen geben, Einheimische, Zweiheimische, es wird einfach gemacht und produziert, denn irgendwer muss die bedingungslosen Grundeinkommen der Städter ja finanzieren, und das Staunen über so viel Unternehmertum im Kleinsten und Kleinen, wird am Abendtisch mit der mild stolzen Feststellung scharf gewürzt: „Ihr da in Berlin habt vielleicht ‚Manufakturen’, wir aber haben noch richtige Fabriken.“ Aber dann ist man noch gut weggekommen, denn es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass man sich vielleicht auch hätte anhören müssen: „Wieso bist Du eigentlich vor der sozialen Kontrolle hier auf dem Dorf vor dreißig Jahren geflohen, wenn Du Dir jetzt in der Stadt von Deiner Community vorschreiben lässt, wie Du denken, reden und leben sollst.“

Ich könnte mir vorstellen, dass es zum neuen Selbstbewusstsein der Provinz gehört, wenn man demnächst am Ortseingang einen Satz von AKK liest, den sie einen Tag nach ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden in einer Talkshow trocken unters Volk brachte: „Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land lebt nicht in einer Großstadt.“ Man tut aber allgemein anders. Sicher, es dieselt nicht so verdichtet in den deutschen Fergus Falls, von denen man auch nix Richtiges weiß und in denen kein Journalist lebt und für die man auch erst eine Dienstreisegenehmigung mit klarer Spesenvereinbarung braucht, aber soviel: man kann hier nicht ohne Auto recht leben, weil die U-Bahn fehlt und die Deutsche Bahn die Strecken schon vor Jahrzehnten stillgelegt hat, eben weil man individuell lieber aufs Auto setzte. Auto in der Stadt und auf dem Land – das sind zwei unterschiedliche Paar Reifen. Immerhin, die stillgelegten Bahnstrecken sind jetzt wunderbare Fahrradwege über Land und wochenends stark frequentiert. In der Freizeit sind sich Provinz und Stadt dann nahe.

#3 Natürlich hat auch die Provinz ihr allgemeingültiges gesellschaftliches Paradigma: Die Geschlechtertürme des Wohlstands „auf dem Land“ sind unbegreiflicherweise Schwimmbäder, Spaßbäder, Wohlfühloasen, die jede Kleinstadt und Gemeinde ihr Eigen nennen wollte in den vergangenen Jahrzehnten und sich von diesem Wahn auch nicht abhalten ließ, als sich diese Anlagen fast alle als höchst defizitär erwiesen. Und wenn es nicht mehr geht und der Stadtkämmerer vor dem Ausgleichsstock warnt, dann muss eine Lösung her für die energieintensive Immobilie, wo es schon bedenklich leckt im Dach und die Kacheln reihenweise abfallen. Das Restaurant, wo es immer lecker Pommes, Wurst und Cola gab mit Blick auf die Poser und Beautys am Badebecken, hat schon länger keinen Pächter mehr, und die Mitternachtssauna zieht auch nicht recht. So gehen die Einnahmen rasant runter wie die Wasserrutsche. Dann, als die Hoffnung schon dahin ist und die Schließung der Badeanstalt absehbar, hat der Kämmerer plötzlich doch noch einen Investor an der Hand. Er komme – so hört man auf der Straße, beim Bäcker oder im Wartezimmer – aus dem Nahen Osten und wolle aus dem Bad ein Hamam machen, was ja gut und schön sei, aber doch nur die falschen Leute anziehe. Zu einem Kulturkampf mit Hashtag reicht es nicht, aber der Bürgermeister kriegt Zunder, der Investor hat es sich anders überlegt oder vielleicht auch gar nicht so gemeint. So bleibt im Schwimmbad alles beim Alten. Es will sich einfach nicht alles so leicht ändern.

#4 Und manchmal heißt das Motto: Vorwärts in die Vergangenheit! Erst tauchte Friedrich Merz wieder auf, dann das wahnsinnige atomare Wettrüsten und jetzt auch noch das Thema Walfang. Kürzlich fiel bei mir zuhause Rudolf Bahros Logik der Rettungdes Nachts einfach so aus dem Regal. Keine Ahnung, was das bedeutet. Jetzt fehlt nur noch, dass der Deutschlandfunk von morgens bis abends die Bots spielt oder Ina Deter.

#5 „Was gibt es schon Neues! Wie viel wichtiger ist es doch, das zu kennen, was niemals veraltete.“ Henry David Thoreau

#6 Es ist nicht das schlechteste, was man über die Europäische Union sagen kann, wenn man behauptet, sie sei in erster Linie ein materielles und kein ideelles Projekt. Zwar wird immer wieder betont, dass die EU auf dem Gebot der Friedenssicherung gegründet sei, doch wer sich zum Beispiel in Paphos, der europäischen Kulturhauptstadt 2017, auf Zypern umschaut, der erblickt viele Renovierungen und Restaurierungen auf Kosten der EU, die dieser steinalten, markanten Stadt gutgetan haben. Hier – weit weg von Brüssel, Paris und Berlin – sieht man diese Vorzüge der Mitgliedschaft zum europäischen Club ganz pragmatisch; die periodisch vorgebrachten neuen Ideen für eine Reform bzw. Vertiefung bzw. Entwicklung der EU betrachtet man gelassen oder gar desinteressiert: Man hat ja ein Vetorecht, wenn etwas zu weit gehen sollte und vergessen wird, dass Erdogan quasi mit einem Bein auf der Insel steht und der Nahe Osten ganz nah ist. Da hilft es aber auch, zu einer großen, starken Gemeinschaft zu gehören, ohne sich gleichzeitig vom Visionenfieber in Westeuropa anstecken zu lassen. Man hat wie die Iren und Portugiesen unter einigen Opfern und der Zuhilfenahme der EU die Finanzkrise erst einmal gut in den Griff gekriegt. Jetzt soll es erst einmal in ruhigen Fahrwassern weitergehen. Bevor man die alten Fehler wieder macht: Luftschlösser mit billigem Geld.

Aber echte Unruhe treibt Europa woanders um. Die Brennpunkte heißen Italien, Ungarn, Polen, aber auch – fast schon vergessen – Katalonien. Und war da nicht auch was in Frankreich? Der Gelbwesten-Protest und das Schwanken Macrons sollte Europa viel mehr zu denken geben als jede Frechheit Orbans oder Salvinis. Fällt Frankreich, fällt die Union. Macron, das hat sich sehr schnell gezeigt, hat zwar große Pläne für die EU, aber keinen Plan für sein eigenes Land. Man konnte auch in Frankreich mit jedem reden, mit dem man wollte, aber man fand keinen, der Macrons EU-Visionen so wichtig fand wie die deutschen Medien. Was nutzen die ganzen Auslandskorrespondenten, wenn sie nur die eigene Deutschsicht verstärken?

Aber es gibt natürlich keinen Zweifel, dass die Union als Wirtschafts- und Finanzgemeinschaft in einer globalisierten Welt erhebliche Vorteile hat und größere Sicherheiten bietet, als es die Nestwärme der kleinen Völker leisten könnte. Da sind die Schweiz und Norwegen nur die Ausnahmen der Regel unter besonderen Bedingungen aus Finanzkapital und fossilen Ressourcen. Das wissen die allermeisten Staaten der EU auch weiterhin, aber dieses Wohlstandsargument für die EU wird von den Nationalstaatsüberwindern in den Medien gerne als neoliberal diffamiert und als Pluspunkt zurückgedrängt. Derweil pflegen gerade die Mitgliedsstaaten im Osten eine kalt berechnende Distanz: man nimmt die Vorzüge der EU gerne in die Haushalte auf, hält sich aber nicht immer an die Regeln und Grundsätze der Gemeinschaft und pflegt eine ganz eigene Autonomie. Skrupel haben diese Länder nicht, denn sie wollen in ihrer eigenen Bedeutung nach Jahrzehnten hinter dem eisernen Vorhang ihren Nationalismus leben und nicht immersiv in einem großen Ganzen EU aufgehen. Auf die Realität mit Exit- und Status-Quo-Politik reagieren die Herzkammern Europas mit Hypertonie, mit einer Flucht nach vorn in eine voluntaristische Zukunft aus Visionen. Sicher, die Bedeutung des Nationalstaats wird abnehmen. Aber zunächst braucht es mehr gemeinsame Öffentlichkeit und legitimierte übernationalstaatliche Institutionen. Doch wer forciert das Nationale abschaffen will, der wird das Nationale erst recht bekommen.

#7 Letztens, in diesem Zusammenhang, mal wieder Carlo Schmid gelesen, genauer die „Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948“, und über das Glück nachgedacht, dass wir Leute wie ihn hatten bei der Formulierung unseres Grundgesetzes. Das, was der Sozialdemokrat Schmid vor 70 Jahren an Grundsätzen für das gedeihliche und friedliche Zusammenleben innerhalb Deutschlands und in Europa formulierte, hat an Aktualität und Richtigkeit nichts eingebüßt:

„Ich brauche hier nicht an die großartigen Gedanken Immanuel Kants zu erinnern, dort in seiner Schrift Vom Ewigen Frieden, wo er sagt, daß der Staat selber den Menschen nur dann ins Recht einzubetten vermöge, wenn er selber im Verhältnis zu den anderen Staaten in das Recht eingebettet sei. Ich glaube darum, daß das Grundgesetz eine Bestimmung enthalten sollte, die besagt, daß die allgemeinen Regeln des Völkerrechtes unmittelbar geltendes Recht in diesem Lande sind, daß also das Völkerrecht von uns nicht ausschließlich als eine Rechtsordnung, die sich an die Staaten wendet, betrachtet wird, sondern auch als eine Rechtsordnung, die unmittelbar für das Individuum Rechte und Pflichten begründet. … Wir wollen uns doch nichts vormachen: in dieser Zeit gibt es kein Problem mehr, das ausschließlich mit nationalen Mitteln gelöst werden könnte. So wie die Ursache aller unserer Nöte eine übernationale Grundlage hat, so können wir auch die Mittel, dieser Nöte Herr zu werden, nur auf übernationaler Grundlage finden. … Freilich sollen die Internationalisierungen, die geschehen, echte Internationalisierungen werden und nicht einseitige Hypotheken zu Lasten des deutschen Volkes.“

#8 Kein Witz, für die Salonkolumnisten wollte ich den Fabian – Die Geschichte eines Moralisten, den vor fast neunzig Jahren erschienenen Roman Erich Kästners, ins Heute holen. Das war vor etwa zwei, drei Monaten. Dann kam etwas dazwischen, wie immer etwas dazwischen kommt. Jetzt habe ich das Fragment wieder hochgeholt, das den Beginn des Romans aktualisiert – und es passt:

Ich sitze im Schwarzen Café und lese die Schlagzeilen meiner Tageszeitung: „EU-Parlament will Verbot von Einwegplastik“, „Im Jemen droht eine Hungerkatastrophe“, „Der Schreck der Investoren“, „Fahrverbote für Dieselfahrzeuge auch in Mainz?“, „Kronprinz verurteilt Tötung Kashoggis“, „Paketbomben bei CNN, Clinton und Obama“, „Öl unter Druck“, „Chinas Raketen“, „Eine Partei tut sich selbst weh“, „Keine neuen Raketen in Europa“, „Neuer Migrantenzug aufgebrochen“, Das Recht der Maschinen“, „Blutbad am Luangwa“, „Ein Tanz auf Ruinen“, „Größter Jackpot aller Zeiten geknackt“, „Sie glaubte nicht ans Ende der Welt“, „Adornos Glatze taugt nur noch zum Comic“. – Das tägliche Pensum also. Nichts Besonderes.Ich heiße nicht Fabian, aber für einen Tag könnte ich es sein. Denn wie er probiere ich im Kopf gern viele Sätze. Der Rest ist Wahrheit. In einer Redaktion erlebe ich, wie der Realität nachgeholfen wird, bis sie eine Schlagzeile ergibt. Der Journalist erklärt mir das so: „Ich helfe, das Verkehrte konsequent zu tun. Alles, was gigantische Formen annimmt, kann imponieren, auch die Dummheit.“ Danach wird getrunken. …

#9 Was ich auf den letzten Drücker im alten Jahr gelernt habe: das Wort „Lügenreportage“. Daneben gute einordnende Analysen zum SPIEGEL-Fall  – und manche hochtrabende, die in dem Fall bzw. Sturz eines begnadeten Blenders und Märchenerzählers, der die Gattungsgrenzen zu seinem Zwecke aufgelöst hatte und den kaum jemand außerhalb der Redaktionen und der sie nährenden Milieus kannte, ein Symbol oder Paradigma für alles mögliche erkannte. Das Fabulieren wird nicht erklärt, es wird fortgesetzt.

#10 Individualist. Die Person hatte wirklich dieses Wort benutzt: Individualist. Eher beiläufig, mitten im Gespräch: „Er als Individualist…“, sagte die Person. Das überraschte mich, ließ mich aufhorchen. Jahre, vielleicht Jahrzehnte hatte ich das Wort nicht mehr gehört: Individualist. Wahrscheinlich stand es schon auf einer Liste aussterbender Wörter, so wie Quäker oder Monarchist. Die Person hätte möglicherweise auch einen Satz bilden können mit „Ich als Mann…“ oder „Ich als Schwarzer…“ oder „Ich als Philosoph…“ oder „Ich als Anderer…“ Aber merke: Wenn eine Professorin beispielsweise von den „Anderen“ redet und sie hochleben lässt – dann bist Du nicht gemeint, niemals. Denn die „Anderen“ sind immer die anderen, Du darfst das Wort nicht benutzen, das wäre falsch. Du würdest ausgrenzen. Also, schweig! Oder pflege Deinen altmodischen Individualismus zu Tode!

#11 Es ist doch so: Unsere Tragik bewegt sich im Rahmen vermögenswirksamer Leistungen. Unser Befinden regelt der Benzinpreis. Seit die Zahnpasta Geschmack hat, sind wir nicht mehr zu retten. Die Kuh kann nicht kochen, der Mann nicht gebären – von Gesetz wegen steht ihnen ein Ausgleich zu. Traditionsvereine pflegen den Sozialismus gemeinnützig. Mordbrenner lernen wie Soziologen zu reden. Vierradgetrieben möchten wir fliehen vor dem Weltgeschehen. Ein Kollege von mir würd gerne die Toten befragen zu unseren Problemen. Wie soll das weitergehen?

#12 Zum Ende ein Satz aus den Römerbriefen: „Seid nicht klug um euer selbst willen.“ Das wäre doch was für uns alle im neuen Jahr.




Lektor und gelegentlich Autor