Trump verrät Israel

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Der vom amerikanischen Präsidenten angekündigte Abzug aus Syrien ist eine Katastrophe für den jüdischen Staat. Der Regierung Netanjahu geht es nun wie allen Geschäftspartnern Trumps: Sie wurde aufs Kreuz gelegt.

Erinnert sich noch jemand an die begütigenden Stimmen, die sich erhoben, nachdem jener rechtsradikale Unterhaltungsstar 2016 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte? Es werde scjon nicht so schlimm, hieß es. Nichts werde so heiß gegessen, wie es gekocht worden war. Gewiss, die Rhetorik des Kandidaten DJT sei übel gewesen, aber das Amt werde ihn zähmen. Außerdem seien da noch die Erwachsenen rund um das 70-jährige Wutbaby herum, die ihn zähmen, auf ihn einwirken, ihm die richtigen Maßnahmen ins Ohr flüstern würden. Gary Cohn. Jim Mattis. John Kelly. Vielleicht sogar seine eigene Tochter.

Und dann war da noch Israel. Manche Israelfreunde hielten Barack Obama (trotz der Sederabende und Chanukkafeiern im Weißen Haus und obwohl Michelle Obamas Cousin Rabbi einer schwarzen jüdischen Gemeinde ist) für einen Antisemiten. Andere hielten ihn mindestens für naiv. Obama konnte Netanjahu offenbar nicht ausstehen. Er neigte offenbar zu der Meinung, der israelische Siedlungsbau sei das größte Hindernis für den Frieden im Nahen Osten. Und dann war da noch der Atomdeal mit dem Iran, eingefädelt – zumindest am Anfang – hinter dem Rücken des israelischen Verbündeten.

Unter DJT konnte es doch nur besser werden, nicht wahr? Und tatsächlich: DJT verlegte die amerikanische Botschaft nach Jerusalem. (Bravo!) Er kündigte das Atomabkommen mit dem Iran. (Bravissimo! Obwohl nie klar wurde, wie eigentlich ein Embargo aussehen soll, das nur von einer Seite aufrechterhalten wird.) Er ernannte einen Botschafter, der Siedlungsbau ganz klasse findet. Er verstand sich mit Netanjahu offenbar glänzend. Halleluja!

Von all diesen Hoffnungen ist am Ende des Jahres 2018 nur ein rauchender Trümmerhaufen übriggeblieben.

Die Erwachsenen, die auf das Wutbaby DJT achtgeben sollten, haben das Kinderzimmer im Weißen Haus verlassen (oder sind gefeuert worden). Als letzter ging Jim Mattis, der einen Abschiedsbrief hinterließ, wie es ihn in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben hat: Mattis bezeichnete den amerikanischen Präsidenten öffentlich – natürlich ohne Verwendung dieser Vokabeln, aber doch sehr deutlich – als Idioten, der im Grunde ein Vaterlandsverräter sei. Er konnte sich nicht einmal zu einer der üblichen Höflichkeitsformeln am Schluss durchringen. Von nun an wird dies eine ungefilterte Präsidentschaft DJTs sein; der einzige Schutz, den es von nun an gibt, ist das Repräsentantenhaus. Das ist allerdings sehr viel.

Weicheier

Und Israel? DJT hat öffentlich angekündigt, dass er Afghanistan den Taliban überlassen möchte. Schon das ist eine Katastrophe: Nun weiß jeder islamische Fundamentalist, dass Amerikaner Weicheier sind, die man besiegen kann, wenn man sie nur lange genug terrorisiert. Zusätzlich verkündete er aber auch noch den Rückzug aus Syrien. Und das erhöht das Risiko für Israel in einem Maße wie nichts, was Obama je getan hat.

Die Verlegung der Botschaft nach Jerusalem war ein symbolischer Akt. Die Kündigung des Atomabkommens war eine Maßnahme, über die man geteilter Meinung sein kann. (Das gesamte israelische Sicherheitsestablishment war für dieses Abkommen.) Dass nun aber dem vom Iran gestützten genozidalen Assad-Regime erlaubt wird, ganz Syrien zurückzuerobern (die Kurden, die nun eine türkische Invasion fürchten müssen, bitten in ihrer Not eben jenes Assad-Regime um Unterstützung), das ist für Israel ein Desaster. Nichts weiter. Bislang galt folgende Logik: Israel musste hinnehmen, dass die Hisbollah den Libanon regiert und dort Raketensysteme installiert, die immer mächtiger und immer zielgenauer wurden. Jeder Militärschlag gegen den Libanon hätte einen Krieg auslösen können. In Syrien hingegen schlug Israel immer wieder aus der Luft zu, um den Iran und seinen Milizen in die Schranken zu weisen. Nun werden die Quds-Brigaden des Qassem Soleimani sich auch in Syrien ungeniert bewegen und ihre Raketen auf den jüdischen Staat richten. Der Ring der Belagerung schließt sich enger. Noch kein Wort habe ich dabei über den „Islamischen Staat“ verloren, der, kurz vor seiner endgültigen Niederlage, sich nun (mit heimlicher Unterstützung des Assad-Regimes) wieder als Machtfaktor in Syrien etablieren wird.

Vielleicht wird Israel schon im Sommer einen Krieg um seine Existenz führen müssen. Danke, DJT!

Allerdings war die Hoffnung, der rechtsradikale Unterhaltungsstar aus Queens – der bekanntlich zu jener Sorte Antisemiten gehört, die Juden mögen – werde irgendwie „gut für Israel“ sein, immer schon ziemlich dumm. Donald John Trump hat bisher noch jeden Geschäftspartner, mit dem er zu tun hatte, mit dreister Unverschämtheit aufs Kreuz gelegt. Warum hätte er sich ausgerechnet Israel gegenüber anständig verhalten sollen?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".