Naturpark Val d'Orcia - Unnatürliche Kulturlandschaft Ludger Weß

Biolandbau: Glaube statt Wissenschaft

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Der Biolandbau beruft sich gern darauf, wissenschaftliche Methoden zu verwenden. Das mag in Teilbereichen zutreffen, aber seine Grundprinzipien beruhen auf mystischen Vorstellungen.

Was ist falsch am Biolandbau? Die Ziele sind es nicht: Landwirtschaft sollte möglichst schonend und sparsam mit Boden, Luft, Wasser und anderen Ressourcen umgehen. Die Weltbevölkerung wächst und landwirtschaftliche Fläche ist nicht endlos.

Aber: Die besten Wege, ressourcenschonende Landwirtschaft zu betreiben, versperrt der Biolandbau seinen Anhängern auf geradezu irrsinnige Weise. Er verbannt fast alle Technologien, die seit den 1920er Jahren entwickelt wurden – darunter molekulare Genetik, Zell- und Gentechnik und moderne Pflanzenschutzmittel – aus dem Arsenal seiner Methoden. Sie gelten samt und sonders als „unnatürlich“, und Lobbyisten des Biolandbaus setzen alles daran, diese Technologien auch anderen Landwirten zu verbieten.

Vergessen wird dabei, dass Landwirtschaft an sich unnatürlich ist: Wer Nahrungspflanzen anbaut, kann das nicht „im Einklang mit der Natur“ tun, sondern muss in die Natur eingreifen: roden, pflügen, säen, jäten, Schädlinge bekämpfen, düngen, bewässern, Ernte schützen, Pflanzen züchten. Jeder einzelne dieser Schritte hat Folgen für das vielbeschworene ökologische Gleichgewicht. Jeder verändert Boden, Lebensräume, Biodiversität, Gene und das Klima. 

Diese Folgen sind jedoch angeblich weniger gravierend, wenn der Anbau mit „natürlichen Methoden“ erfolgt. Was dabei „natürlich“ ist, folgt im Biolandbau einer einfachen Maxime: Erlaubt ist nur, was in der Natur irgendwo vorkommt. Düngemittel, die künstlich hergestellt wurden, sind ebenso verboten wie Pflanzen oder Pflanzenschutzmittel aus Labor und Fabrik. 

Unsinniger Naturbegriff

Vertreter des Biolandbaus leiten das alles aus einem Naturbegriff ab, der aus dem 18. Jahrhundert stammt und seit dem 19. Jahrhundert widerlegt ist. Seine Verfechter konstruieren einen Gegensatz zwischen „natürlich vorkommenden“ Substanzen und chemisch-synthetisch hergestellten und verbieten den Einsatz letzterer. Zu welchen Verrenkungen das führt, wenn der Biolandbau ein Mittel halten will, das in der Natur nicht vorkommt, ist an anderer Stelle beschrieben (Spoiler: natürlich ist ein Mittel, wenn die NASA Spuren davon in einem Meteoriten findet). 

Wissenschaftlich begründen lässt sich dieser Gegensatz nicht. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts haben Wissenschaftler festgestellt, dass der Stoffwechsel von Lebewesen auf den gleichen Chemikalien beruht, die sich auch im Labor herstellen lassen; Lebewesen zeichnen sich nicht durch eine besondere Vis vitalis, eine mysteriöse Lebenskraft, aus. Kein Lebewesen kann unterscheiden, ob ein Zuckermolekül in seiner Nahrung von einer Pflanze, aus einer Raffinerie oder aus dem Labor eines Chemikers stammt. 

Lebewesen können auch nicht unterscheiden, ob eine Chemikalie, die ihnen in der Nahrung oder der Umwelt begegnet, irgendwo anders in der Natur vorkommt oder nicht – wie sollte das auch möglich sein? Moleküle tragen keine Etiketten und Lebewesen haben keine Register, in denen alle natürlich vorkommenden Stoffe für einen Abgleich festgehalten sind.

Gerade weil uns die Natur je nach Jahreszeit und Umwelt täglich neue, wilde  Mischungen von Stoffen entgegenwirft (der chemische Cocktail einer Erdbeere ist z.B. hier beschrieben), sind die Enzyme in unserer Leber, dem wichtigsten Entgiftungsorgan, sehr unspezifisch: Sie zerlegen größere Moleküle mit Standardreaktionen. In sehr seltenen Fällen führt das zu Zwischenprodukten, die giftig sind (ob das bei einem Pflanzenschutzmittel oder Medikament passieren kann, wird vor der Zulassung ausführlich untersucht). In ihrem Abbauverhalten unterscheiden sich Substanzen, die aus Bakterien, Pflanzen oder Tieren stammen, nicht von solchen, die bei chemischen Reaktionen im Labor entstanden sind. Im übrigen produzieren auch Mikroorganismen und Pflanzen Stoffe, die Nerven schädigen, Krebs und Mutationen auslösen, hormonelle Wirkung entfalten, Leber, Herz, Nieren und andere Organe zerstören, Allergien hervorrufen und chronische Erkrankungen verursachen.

So sind viele „natürliche“ Gifte, die der Biolandbau einsetzt, toxikologisch äußerst bedenklich: Das aus Tubawurzeln gewonnene Rotenon verursacht Parkinson (und ist deshalb inzwischen in der EU verboten), die im Chrysanthemenextrakt (Pyrethrum) enthaltenen Gifte sind krebserregend und schädigen auch menschliche Nerven. Salze des Schwermetalls Kupfer können bei Anwendern Leberkrebs verursachen. Dennoch verwendet sie der Biolandbau, weil sie natürlichen Ursprungs sind. In dieser Logik wären auch Dioxin und Asbest erlaubte Pflanzenschutzmittel (wenn sie z. B. Schadinsekten töten würden) – schließlich handelt es sich bei Dioxin und Asbest um natürlich vorkommende Stoffe. 

Natürlich und persistent

Asbest und Dioxin sind auch schöne Beispiele für persistente Naturstoffe. Es ist keineswegs so, dass die Natur nur Stoffe herstellt, die schnell wieder abgebaut werden. Asbest ist eine Sammelbezeichnung für natürlich vorkommende Mineralien; Dioxine entstehen bei Wald- und Buschbränden, Vulkanausbrüchen usw. regelmäßig in erheblichen Mengen. Asbest ist biologisch nicht abbaubar; Dioxin kann in der Natur nur unter ganz speziellen Bedingungen von einigen wenigen Mikroorganismen zerlegt werden. Das im Biolandbau verwendete Kupfer ist ein anderes Beispiel: Einmal ausgebracht, kann es aus dem Boden nicht mehr entfernt werden; es reichert sich an und verschwindet allenfalls durch Auswaschungen – dann akkumuliert es in Gewässern.

Aber auch viele Stoffe, die von Organismen produziert werden, reichern sich in der Umwelt an, verbreiten sich in der Nahrungskette und brauchen Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis sie abgebaut werden. Dazu zählen die mittlerweile mehr als 5000 bekannten chlor-, brom- oder iodorganischen Verbindungen, die Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere produzieren. 2006 entdeckten Chemiker der Universität Hohenheim in Lebensmitteln sogar eine bislang unbekannte Organobrom-Verbindung natürlichen Ursprungs, die sich in der Nahrungskette anreichert.  Sie wird von Mikroorganismen am Meeresboden hergestellt und findet sich in Proben auf der ganzen Welt, auch in Muttermilch und in der Luft. Aus Routineproben der Lebensmittelüberwachung sind Fische bekannt, in denen dieser Naturstoff höher konzentriert vorliegt als alle anthropogenen Schadstoffe (Summe der PCB-Kongenere, DDT und Metabolite sowie weitere Chlorpestizide und Umweltchemikalien) zusammen. Auch auf diesen Stoff trifft zu, was Umweltschützer halogenierten aromatischen Kohlenwasserstoffen pauschal attestieren: potenziell negative gesundheitliche Auswirkungen.

Wer jetzt einwirft, der „Chemiecocktail“, mit dem uns die Industriegesellschaft angeblich täglich konfrontiert, berge Risiken durch unbekannte bzw. unvorhersehbare Wechselwirkungen, sollte möglichst keine Obstsalate mit exotischen Früchten und kein Gemüseallerlei mehr zu sich nehmen (auch ohne synthetische Pflanzenschutzmittel pure Chemiecocktails) und fordern, Kochbücher vom Markt zu nehmen. Schließlich ist bislang für kein Kochbuch nachgewiesen, dass die dort vorgeschlagenen Kombinationen von Nahrungsmitteln auf ihre Wechselwirkungen getestet sind – zumal beim unnatürlichen Erhitzen von Nahrung (Tiere kochen und braten nicht) bislang nicht ausreichend charakterisierte Produkte entstehen. 

Feinstoffliche Mystik oder Betrug?

Das Dogma des Biolandbaus, nur Stoffe einzusetzen, die in der Natur vorkommen, ist unwissenschaftlich. Wissenschaftlich wäre es, jede Substanz auf ihre Giftigkeit und ihr Abbauverhalten zu untersuchen und danach zu entscheiden, welche unter welchen Umständen verwendet werden kann. Denn schließlich können auch Chemikalien, die von Lebewesen oder bei Naturvorgängen produziert werden, für Mensch und Tier ebenso giftig sein wie künstlich hergestellte. Sie können sich anreichern und die Umwelt nachhaltig beeinflussen. Auch die krebserregendsten Stoffe in unserer Nahrung sind natürlichen Ursprungs: Schimmelpilzgifte und Alkohol. Es ist pure Mystik, natürlichen Substanzen irgendwelche „ganzheitlichen“, heilsamen, sanften, „feinstofflichen“ oder „energetisch“ wertvolle Eigenschaften zu unterstellen. Das Werbeversprechen, irgendein Nahrungsmittel oder Kosmetikum sei „ohne Chemie“, ist nicht nur blanker Unsinn, sondern Betrug: Nichts ist automatisch gesünder oder vorteilhafter, weil es nur aus Naturstoffen besteht. 

„Natürliche“ Pflanzenzucht?

Ähnlich obskur behandelt der Biolandbau die Erzeugung neuer Sorten. Die Zucht von Pflanzen ist ein künstlicher Eingriff in die Natur, den der Mensch seit einigen zehntausend Jahren praktiziert, um Pflanzen nahrhafter, wohlschmeckender, ertragreicher und widerstandsfähiger zu machen. Der Biolandbau lehnt nicht die Pflanzenzucht, wohl aber alle Verfahren als unnatürlich ab, bei denen moderne technische Methoden eingesetzt wurden. Dazu zählen nicht nur klassische Gentechnik und Genome Editing, sondern auch die Hybridzucht einschließlich der CMS-Technik und mittlerweile auch die künstliche Mutagenese, bei der Chemikalien oder energiereiche Strahlung eingesetzt werden.

Dass diese Verfahren als unnatürlich gelten, ist nicht rational zu erklären. Der Austausch von Genen zwischen Arten („horizontaler Gentransfer“), wie er bei der klassischen Gentechnik praktiziert wird, um z. B. Bakterien menschliches Insulin herstellen zu lassen, kommt in der Natur bei zahllosen Pflanzen und Tieren vor. In der Natur tauschen selbst Pflanzen und Tieren Gene miteinander aus. Unser Darmbakterium E. coli hat praktisch alle seine Fähigkeiten nicht durch klassische Evolution, sondern durch horizontalen Gentransfer erhalten. Auch wir Menschen enthalten Dutzende Gene, die aus anderen Organismen stammen und durch Viren und Parasiten in unser Erbgut gelangt sind. Ein Überblick findet sich hier. Die vielzitierten Artgrenzen, deren Überschreiten als unnatürlich oder sogar widernatürlich dargestellt wird, ist eine Fiktion, die mit der biologischen Realität nichts zu tun hat. Sie beruht auf dem Missverständnis, dass Organismen nur dann Gene miteinander austauschen können, wenn sie sich paaren.  

Artgrenzen und Evolutionstempo

Auch Genome Editing wird in der Natur seit Jahrmillionen praktiziert, denn nur so können Bakterien sich gegen Viren zur Wehr setzen. Hybride sind ebenfalls keine menschliche Erfindung: Sie spielen eine herausragende Rolle in der Evolution. Mutationen durch Strahlung sind der Normalfall in der Natur. Gerade die Ablehnung der Mutationszüchtung ist besonders skurril: Die Mutationsrate durch künstliche Bestrahlung zu erhöhen, ist nach den Prinzipien von Hardlinern des Biolandbaus nicht korrekt, weil das das „Tempo der Evolution“ erhöhe – was aber, wenn der Pflanzenzüchter in Gegenden umzieht, in denen die natürliche Hintergrundstrahlung höher ist? Ist der Transport von Pflanzenmaterial in Flugzeugen oder Raumfähren unnatürlich, der Transport ins Hochland von Tibet aber nicht, obwohl das Ziel in allen Fällen wäre, das Erbgut einer erhöhten kosmischen Strahlenbelastung auszusetzen?

Kommt hinzu: Allein auf einem ein Hektar großen Weizenfeld entstehen pro Jahr 20 Milliarden Mutationen. Die Weizenkörner verarbeiten und essen wir dennoch und die angrenzenden Pflanzen, die ebenfalls durch das Sonnenlicht mutiert werden, lassen wir wachsen, ohne Angst zu haben, dass sich die Mutationen in der Natur ausbreiten, „auskreuzen“ und die Biodiversität durcheinanderbringen. 

Wäre der Biolandbau in Sachen Pflanzenzucht konsequent, müsste er den Anbau von kernlosen Weintrauben und Melonen stoppen, das Veredeln und Pfropfen unterlassen (das ist Vermehrung durch Klonen, wobei zwischen Edelreis und Unterlage auch Gene übertragen werden) und damit auf die meisten Kern- und Steinobstsorten verzichten, Triticale und Weizen ablehnen (Chimären aus verschiedenen Arten) und sowie fast alle modernen Hochertragssorten verbannen, weil sie durch chemische oder physikalische Eingriffe erzeugt wurden und daher im Sinne der EU-Gentechnikrichtlinie als GVO gelten.

Fazit

Der Natürlichkeitsbegriff des Biolandbaus lässt sich weder wissenschaftlich begründen noch wird er konsequent durchgehalten. Er nimmt willkürliche Setzungen vor. Das aber hat nichts mit Vernunft, sondern mit Glauben und Gefühlen zu tun – beides schlechte Ratgeber, wenn es um die Ernährung der Menschheit geht.

Inzwischen mehren sich die Studien, die davor warnen, den Biolandbau als Mittel zu sehen, um die Welt zu ernähren und das Klima zu schützen. Ökolandbau benötigt für die gleichen Erträge mehr Fläche als der konventionelle Anbau und dieser Flächenbedarf führt zu weiterer Entwaldung  und erhöht damit den CO2-Ausstoß, statt ihn zu verringern.

Zur Erinnerung: Die Ziele des Biolandbaus sind nicht falsch und auch nicht alle seine Methoden. Mischkulturen, Fruchtfolgen, der Einsatz von Nützlingen u.v.a. hat der Biolandbau auf die Tagesordnung gesetzt – Methoden, die inzwischen auch von Landwirten praktiziert werden, die auf synthetische Pflanzenschutzmittel, Mineraldünger und Hochleistungssorten nicht ganz verzichten wollen.

Falsch ist der Dogmatismus des Biolandbaus, und es wäre verheerend, wenn er, wie seine Verfechter immer wieder verlangen, weltweit und flächendeckend praktiziert würde. Mit Bio lässt sich die Welt nicht ernähren, es sei denn, alle Menschen würden Vegetarier, die Feucht- und Almwiesen sowie die Steppen dieser Welt könnten für den Getreideanbau genutzt werden, es würden keine Lebensmittel mehr verderben und weggeworfen werden (zur Erinnerung: im Biolandbau vergammeln Jahr für Jahr Tonnen von Lebensmitteln auf den Feldern, weil die Biobauern keine wirksamen Pflanzenschutzmittel einsetzen), man würde auf den Anbau von Treibstoffpflanzen und Genussmitteln verzichten (Tee, Kaffee, Wein und Hopfen sind nicht überlebensnotwendig) und niemand würde mehr als die Kalorien zu sich nehmen, die in Ernährungsempfehlungen der WHO errechnet wurden.  

Im Klartext: Es müssten nicht nur die Bewohner von Berlin-Mitte und Downtown Manhattan auf Hafermilch, Gemüsebratlinge und Tofusteaks umsteigen, sondern auch alle Chinesen, alle Afrikaner, alle Russen und ein paar Milliarden weitere Menschen. Man kann sich das wünschen, aber es erinnert an den Lösungsvorschlag der katholischen Kirche zur Bekämpfung von AIDS: Wenn alle Menschen auf vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr verzichten, benötigen wir keine Hightech-Medizin gegen HIV mehr, denn die Seuche findet ein natürliches Ende.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.