Kuhhörner für die Herstellung des biodynamischen "Präparats 500". Paul Miller, Creative Commons Attribuzione 2.0 Generico

Ich esse kein Bio mehr (2)

Verbraucher essen Bio, weil sie glauben, es sei gesünder und eine moralisch überlegene Form der Landwirtschaft. Doch nimmt man die Behauptungen Punkt für Punkt unter die Lupe, bleibt vom Heiligenschein nichts übrig.

Jede Landwirtschaft ist ein Eingriff in die Natur. Es ist daher sinnvoll, sie so zu betreiben, dass Ressourcen geschont werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Praxis unter Berücksichtigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse immer wieder geprüft werden. Wie in der Medizin und anderen wichtigen Bereichen müssen dafür alte Ideen verworfen und neue Technologien genutzt werden.

Dubiose und starre Ideologie

Der Biolandbau jedoch verweigert sich jeder Modernisierung. Seine Vorschriften entspringen keiner modernen wissenschaftlichen Analyse, sondern einem tradierten Glaubenssystem aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, das aus der sogenannten Lebensreformbewegung hervorging. Sie lehnte Urbanisierung und Industrialisierung ab und predigte die Rückkehr zu einer „naturgemäßen Lebensweise“ unter Verzicht auf industrielle Hilfsmittel. Die anthroposophisch geprägten Demeter-Höfe praktizieren sogar Magie, mit der sie die Fruchtbarkeit von Böden und Tieren erhöhen und Schädlinge bannen wollen. So werden etwa zur Herstellung des „Präparats 500“ Ende September Kuhhörner mit Kuhfladen gefüllt und bis Ostern im Boden vergraben. Der im Kuhhorn befindliche Mist zieht angeblich „Äther- und Astralkräfte“ an und sorgt für eine „belebende Düngungskraft“, wenn einige 100g des ausgegrabenen Mists in etwa 50 Liter Wasser verrührt und dann „bei bedecktem Himmel“ versprüht werden. Die Anwendung ist Pflicht für jeden Demeter-Betrieb.

Biobauern ist – technische Vorrichtungen und Motoren ausgenommen – so ziemlich alles verboten, was seit Mitte des 18. Jahrhunderts in der Landwirtschaft an innovativen Methoden und Erkenntnissen hinzugekommen ist: Mineraldünger, synthetische Pestizide, moderne Züchtungstechniken, Gentechnik sowieso. Biolandbau ist wie eine Medizin, die Röntgen, Antibiotika, Hormonpräparate und Antikörper ablehnt.

Ginge es dem Biolandbau ernsthaft darum, die Umwelt zu schonen, gesunde Lebensmittel zu produzieren und dabei gleichzeitig die Verschwendung von Ressourcen durch Schädlingsbefall und Unproduktivität zu minimieren, würde er sich modernen Technologien wie etwa neuesten Methoden der Gentechnik oder umweltschonender Bodenbearbeitung öffnen. Doch hier stehen ideologische Prinzipien gegen Fakten.

Die Rückwärtsgewandtheit hat in den letzten Jahren noch zugenommen. Inzwischen werden zunehmend auch Hybridsorten und die seit den 1940er Jahren durch Mutationszüchtung erzeugten Sorten abgelehnt.

Zu den ideologischen Prinzipien gehört nach wie vor die Ablehnung von Industrie und Moderne und die Glorifizierung von kleinbäuerlichen Lebensformen (bzw. der Subsistenzwirtschaft in der Dritten Welt), die vor allem christlich und patriarchalisch geprägt sind. Hinzu kommt eine ausgesprochen neokolonialistische Missionshaltung gegenüber Entwicklungsländern. Biolandbaulobbyisten kämpfen international dafür, dass Bauern in Afrika und Asien moderne Produktionsmethoden vorenthalten werden.

Moral – Anspruch und Wirklichkeit

Charakteristisch für den Biolandbau ist sein großes Sendungsbewusstsein, das sich aus der vermeintlichen moralischen Überlegenheit gegenüber allen anderen landwirtschaftlichen Produktionsweisen ableitet. Das Marketing der Ökolandbauverbände besteht weltweit vor allem darin, konventionellen Landbau schlecht zu machen und zu versuchen, über parlamentarische und außerparlamentarische Aktivitäten der ungeliebten Konkurrenz die Produktionsmittel zu verbieten: Ganz oben auf dem Wunschzettel der Biolandbau-Lobby stehen Steuern auf Pestizide und Mineraldünger sowie Verbote von Glyphosat, Neonicotinoiden, Gentechnik und neuesten molekularbiologischen Methoden wie Gene Editing (CRISPR/Cas & Co.). Puristen fordern sogar das Verbot von Hybridpflanzen und möchten zu den unproduktiven, anfälligen Sorten aus der Zeit vor der Grünen Revolution der 1960er Jahre zurückkehren.

Um diese Forderungen durchzusetzen, beeinflussen die Lobbyisten des Biolandbaus die öffentliche Meinung darüber hinaus immer wieder durch Angstkampagnen und spektakuläre Behauptungen aus Studien, die sich bei näherem Hinsehen als wissenschaftlich unhaltbar oder gefälscht herausstellen. Kampagnen operieren regelmäßig à la Trump mit verdrehten Fakten und offenen Lügen (erinnert sei an die Muttermilchstudie der Grünen, die Anwendung falscher Grenzwerte oder die Behauptungen, der Biolandbau verwende keine Pestizide, Glyphosat sei für Millionen Krebsfälle verantwortlich, das BfR benutze „Leserbriefe von Monsanto“ als Bewertungsgrundlage, Gentechnikpflanzen verursachten Krebs usw.).

Forschungsergebnisse, die den Kampagnenbehauptungen widersprechen, werden nicht diskutiert, sondern diskreditiert, Wissenschaftler und Institutionen, die zu missliebigen Ergebnissen kommen, als Industrielakaien diffamiert. Zu dieser Strategie gehört auch sprachliche Brunnenvergiftung durch Wortschöpfungen wie „Genfraß“, „Chemiebauer“, „Giftmischer“, „Brunnenvergifter“, „Merkelgift“, … Abweichlern wie Urs Niggli, dem langjährige Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL), der sich differenziert über die gentechnische Methode CRISPR/Cas in Bezug auf Pflanzenzüchtung geäußert hatte, schlägt wütender Protest entgegen. Unter dem Beifall der Biolandbau-Lobbyisten wurden Felder verwüstet („Feldbefreiung“) und Forschungseinrichtungen zerstört. Im letzten Jahr hat die Polarisierung der Diskussion um Glyphosat zu Morddrohungen gegen Mitarbeiter des Bundesamts für Risikoforschung und Briefbomben gegen Mitarbeiter der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA und eines Biotechnologieunternehmens geführt.

All diese Aktivitäten stehen in starkem Kontrast zum Duktus der moralischen Überlegenheit, den der Biolandbau für sich beansprucht. Es wird höchste Zeit für einen realistischen Blick auf die Biolandwirtschaft.

Fazit

Im Jahr 2050 wird die Landwirtschaft knapp zehn Milliarden Menschen ernähren müssen. Wenn dazu nicht der größte Teil des Planeten in Ackerland verwandelt werden soll, muss die Nahrungsmittelproduktion produktiver werden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO rechnet vor, dass allein die globale Getreideproduktion um 46 Prozent wachsen muss, um diese Menschen zu ernähren. Nutzbare Anbauflächen auszuweiten, sei aber nur in einem sehr geringen Umfang von circa vier Prozent möglich.

Weitere Produktionssteigerungen werden also nur gelingen, wenn es eine Landwirtschaft gibt, die sich wissenschaftlichen Erkenntnissen und neuen Technologien nicht verweigert. Die viel gescholtene konventionelle Landwirtschaft hat im Verein mit Industrie und Forschung in den letzten Jahrzehnten viel unternommen, um Anbaumethoden und Pflanzen zu entwickeln, die nicht nur hohe Erträge, sondern auch ressourcenschonendes Wirtschaften ermöglicht. Durch den Einsatz von Gentechnik konnte schon jetzt der Einsatz von Pestiziden weltweit deutlich reduziert werden. In Indien reduzierte die Gentechnikbaumwolle den Insektizidverbrauch um 41 Prozent, während sie zugleich die Ernte um 30-40 Prozent erhöhte . Diese Art der Landwirtschaft verdient breite Unterstützung. Es ist an der Zeit, der Biolandwirtschaft den Heiligenschein zu nehmen. Ich kaufe ihre Produkte nicht mehr.

Lesen Sie hier den ersten Teil.



Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. Sein berufliches Engagement in der Biotechnologie-Industrie, seine Skepsis gegenüber den Segnungen der Bio-Landwirtschaft und sein Eintreten für Vernunft in der von "Chemie und Genen" verseuchten öffentlichen Debatte bringen dem "Monsanto-Knecht" regelmäßig den Vorwurf des Lobbyismus ein ("Lüge, Hetze, Verdrehungen"). Anfang 2017 erscheint sein Wissenschaftsthriller "Oligo" bei Piper Fahrenheit. Ludger Wess kommentiert hier privat.


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