Sie möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Greenpeace Polska

Genug diskutiert. Zeit, zu handeln!

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Von der Kanzlerin bis zur AfD: Das ganze Land arbeitet sich erregt an der „Fridays for Future“-Bewegung ab. Dabei stünde uns ein wenig Gelassenheit besser. Zehn Thesen zu den Schülerdemos für mehr Klimaschutz   

Die freitäglichen Demonstrationen junger Menschen für den Klimaschutz polarisieren. Die einen finden sie super, sehen in ihnen das richtige Signal und sind voller Hoffnung auf einen Politikwechsel; die anderen finden sie lächerlich, bigott und nutzlos. Mit jeder Woche, so scheint es, schwindet die Zahl derer, die den „Schulstreik fürs Klima“ emotionslos hinnehmen. In Familien und im Bekanntenkreis entzünden sich lebhafte Diskussionen: Sag mir, wo Du stehst!

Dies, das werden Kritiker wie Verfechter anerkennen, ist ein greifbares Resultat. Es gibt – endlich wieder! – eine Bewegung junger Menschen für ein Thema, das ihnen am Herzen liegt. Eine Bewegung, die Tausende auf die Straße bringt und noch weitaus mehr, die sich darüber Gedanken machen und miteinander diskutieren. Wer hätte das der Jugend, die so oft als ich-bezogen, verhätschelt und politikfaul beschrieben wird, zugetraut? Dass sich hier so viele anregen lassen und aktiv werden, und dass sie hier eine Gesellschaftsform vorfinden, in der sie das gefahrlos tun können, das macht froh.  

In einigen Tagen, am 15. März, soll die „Fridays for Future“-Bewegung mit einem internationalen Demonstrationstag einen Höhepunkt erreichen. Eine gute Gelegenheit, auf den bisherigen Verlauf zu schauen und zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Dazu zehn Thesen.  

Diskussionen sind zuweilen hitzig und man vergreift sich im Ton. Das war und ist bei „Fridays for Future“ ebenso. Mit Abstand betrachtet, wird dieser Wunsch immer deutlicher: Argumentiert in der Sache und maßvoll im Ton. Dazu ein paar Beispiele.

  • Wenn Schüler zu einer Demo gehen, sollte man sie Demonstranten nennen. Sie bleiben zwar dem Unterricht fern, korrekt. Aber Schulschwänzer sind im allgemeinen Sprachgebrauch dann doch eher jene, die ausschlafen oder Unfug treiben. Diese Zuschreibung ist nicht treffend. Was die Fehlzeiten betrifft, dazu unten mehr.
  • Die Äußerungen von Greta Thunberg sind provokant. Sei es der Wunsch (oder besser die Drohung), die Eliten der westlichen Welt mögen „in Panik“ geraten oder das Datum für den Kohleausstieg in Deutschland – wohlgemerkt von diversen Fachleuten wochenlang abgewogen – einfach mal als „absurd“ abzutun. Selbstverständlich dürfen diese inhaltlich kritisiert werden. Greta Thunberg als  Person zu diffamieren, ist inakzeptabel. Dies gilt ebenso für alle anderen Protestierer und auch für die Kritiker.
  • Auf den Hinweis, die Kinder mögen zum Unterricht gehen, entgegnete ein Blogger und Journalist via Twitter: „Zur Schule gehen? Als riete man einem Krebskranken, nun mit oberster Priorität in die Altersvorsorge zu investieren. Was sollen diese Kinder denn mit Schulbildung, wenn sie keine Welt mehr haben?“


    Man sollte die Schulbildung nicht unterschätzen, gerade für mögliche Reaktionen auf den Klimawandel. Wenn man Glück hat, und im Lehrplan sind noch ein paar Stunden Geowissenschaften übrig geblieben, dann weiß man auch, dass dieser Planet nicht kleinzukriegen ist, seit mittlerweile viereinhalb Milliarden Jahren schon. Im Gegenteil, auch aus gravierenden Krisen, die sehr weit über das hinausgehen, was hier derzeit passiert, hat er sich immer wieder berappelt. Die Erde, einschließlich unserer Spezies, ist extrem anpassungsfähig. Dass eine nachhaltige, ressourcenschonende Lebensweise besser ist und weniger Stress bedeutet, steht außer Frage. Weltuntergangsvokabeln helfen trotzdem nicht weiter.

  • Dies betrifft auch die Formel, wonach man „uns die Zukunft stiehlt“, wie es mehrfach hierzulande zu hören und zu lesen ist. Hand aufs Herz: Gerade Deutschland wird vom Klimawandel wesentlich geringer getroffen als beispielsweise die Polargebiete, der Mittelmeerraum oder Asien. Deutschland hat objektiv gute Voraussetzungen, um sich an den Klimawandel viel besser anzupassen und gegen die Folgen zu wappnen als zahlreiche andere Länder. Wenn hier an irgendetwas Mangel herrscht, sei es Nahrung, Rohstoffe oder oder Energie, dann wird es im Ausland (weg)gekauft. Man kann das verurteilen, aber es ist die Realität. Sollte sich die Aussage auf alle jungen und künftigen Generationen der Welt beziehen, dann ist sie eher nachvollziehbar und ehrenwert.

Allein, es fällt schwer, das wirklich zu glauben. Es gibt etliche weitere Bedrohungen für eine lebenswerte Zukunft: (Staats-)Terrorismus, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Sklaverei, himmelschreiende Chancenungleichheit selbst hier in Zentraleuropa, Mangel an fruchtbarem Boden, an Wasser, an frischer Luft. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Thematisiert werden diese Punkte von den Protestierenden aber nur selten. Das ist schade und eine vertane Chance.

Was folgt aus den Protesten? Der Auftrag, zu handeln, an alle Beteiligten.

  • Kritiker der Bewegung: Schaut doch einmal über manch komisches Plakat und kollektives Hüpfen hinweg und seid mal ehrlich: Die Demonstranten haben recht. Klimaschutz trägt zu einer lebenswerten Zukunft für uns und unsere Kinder bei. Die Diskussionen der jüngsten Zeit sollten wir fortführen und überlegen, was wir konkret tun können. Muss die Flugreise wirklich sein? Muss es Fleisch in großer Menge sein? Muss schon wieder eine neues Smartphone, ein weiteres Elektrogerät her, die zwar sparsam im Verbrauch sein mögen, aber in der Herstellung extrem ressourcenintensiv sind? Es ist eine schöne Ausrede, dass sich zuerst die Politik kümmern möge, der einzelne aber niemandem Rechenschaft schuldig sei. Auch wenn das selbst Mitglieder der Grünen behaupten, es ist schlicht falsch.
  • Schulen und zuständige Behörden: Die Proteste zeigen, dass das Thema den Schülern sehr wichtig ist. Eine bessere Motivation könnt Ihr Euch nicht wünschen. Dann los, startet Projekte zum Thema. Wie wäre es mit einem Besuch im Großkraftwerk, auf einer Windfarm, Gespräche mit Energieexperten und Naturschützern? Selbstverständlich mit offener Diskussion über die Vor- und Nachteile, Kosten und Auswirkungen der jeweiligen Technologie. Und schaut, dass Ihr den Kindern und Jugendlichen die Grundlagen beibringt.

Eines der Plakate zeigte eine Kuh und ein Kernkraftwerk, jeweils mit riesiger Wolke aus schlimmem Kohlendioxid. Sagt Ihnen, dass bei den Rindviechern das größere Problem das Methan ist und dass Kernkraftwerke einschließlich Vorkette ähnlich wenig Treibhausgase pro Kilowattstunde erzeugen wie Windkraftwerke. Und tragt Ihnen die freitäglichen Fehlzeiten ein, wenn Ihr ernst genommen werden wollt. „Freigestellt für zivilen Ungehorsam“ ist ein bisschen seltsam. Wie reagiert Ihr, wenn die Schüler für andere Themen auf die Straße gehen, die sie ebenfalls betreffen? Gegen die soziale Spaltung, die Rentenlücke, den Pflegenotstand? Und was, wenn es gegen Migranten geht?

Schule ist eine große Errungenschaft, sie ist zu wichtig, um einen Tag pro Woche fehlen zu können. Selbstverständlich ist sie auch zu wichtig, um durch schlechte Planung und Arbeitsbedingungen hervorgerufenen massiven Lehrermangel und damit verbundenen Stundenausfall hinzunehmen.

  • Eltern: Seid dankbar für solche Kinder. Sie halten uns den Spiegel vor. Kürzlich feierte sich eine Schule dafür, dass nach den „Fridays for Future“-Diskussionen die Klassenreise nun doch nicht mit dem Flieger nach Spanien gehen soll. Schüler, im Flugzeug, nach Spanien? Das habt Ihr Eltern  gutgeheißen, womöglich forciert? Haltet mich für altmodisch, aber meiner Meinung nach sind hier einige Dinge aus dem Lot geraten. Wenn Ihr die Kinder unterstützen wollt, geht mit gutem Beispiel voran. Glaubhaft. Nicht wie der Hochschullehrer, der sich mit seinen Kids solidarisch erklärt und daher samt Gattin mit zwei Fahrrädern posierte, die – freundlich formuliert – offenkundig sehr selten bewegt werden.
  • Politiker: Ihr habt es ja inzwischen auch mitbekommen. Setzt Euch zusammen, bietet etwas an. CO2-Steuer, massive Investition in Speicherforschung und Kernfusion, meinetwegen auch mehr heimisches Erdgas und Weiterbetrieb der Kernkraftwerke. Eine Landwirtschaft, die Klima, Flächenverbrauch, Umweltbelastungen, Tierwohl und Ernährungssicherheit gleichermaßen im Blick hat. Eine sinnvolle Verkehrswende, die echte Alternativen zum Autoverkehr bietet, nicht allein in Metropolen, sondern auch in der Fläche. Und so weiter.   
  • Medien: Bitte bestaunt und bewundert die Bewegung nicht, sondern begleitet sie kritisch, wie Ihr es sonst auch tut. Denkt nach, bevor Ihr Sätze schreibt wie „Greta Thunberg warnt vor dem Ende der Welt.“ Überlegt genau, ob wir hier in Deutschland bereits eine „Klimakrise“ haben. Falls nicht, dann das Kampagnenwort bitte weiter in Anführungsstrichen. Und bringt – sofern nach gut zwei Jahrzehnten Klimaberichterstattung noch nicht geschehen – allen Redakteuren bei, wie CO2 geschrieben wird: Mit C für Kohlenstoff, O für Sauerstoff und die 2 tiefgestellt. Wegen Glaubwürdigkeit und so.
  • Demonstranten: Ihr kommt am Schluss, weil Ihr eine besondere Rolle spielt. Ihr habt eine wichtige Debatte angestoßen, danke! Und nun? Jeden Freitag Plakate hochhalten, das nutzt sich irgendwann ab und Ihr lauft Gefahr, nicht mehr ernst genommen zu werden. Macht was Konkretes, diskutiert in Familie und Freundeskreis über Euer Konsumverhalten und handelt entsprechend. Wenn Euch die Umwelt am Herzen liegt, geht raus, macht bei Naturschutzprojekten mit oder sammelt Müll ein. Das ist wirklich ernst gemeint: Wir haben das mit ein paar Kumpels auch gemacht, mit elf, zwölf Jahren – ohne Impuls oder Betreuung durch Erwachsene. Ab in den Wald und Unrat aus den Büschen klauben. Es lohnt sich, in vielfacher Hinsicht.

Macht bei den weltweiten Demonstrationen am 15. März allen klar, dass Ihr entschlossen seid, für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Es ist die ideale Gelegenheit, um selbstbewusst den nächsten Schritt zu tun und zu sagen: „Ab sofort gehen wir wieder an allen fünf Wochentagen in die Schule. Weil wir verstehen wollen, wie die Welt funktioniert, weil wir Technologien erforschen und entwickeln wollen, die klima- und umweltfreundliche Energie für alle Kontinente liefert, weil wir allen Menschen auf der Erde eine lebenswerte Zukunft ermöglichen wollen.“

Ohne Euch wird das nicht gelingen.




Ralf Nestler, Jahrgang 1978, ist aufgewachsen im Osten des Bezirks Dresden, später Freistaat Sachsen. Studium der Geologie und Evangelische Journalistenschule. Seit 2007 Wissenschaftsjournalist bei der "Berliner Zeitung" und beim "Tagesspiegel". Ende 2016 bis Sommer 2018 Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam, jetzt freier Journalist in Berlin. Mit Faible für Geowissenschaften, Raumfahrt, Ostdeutschland und was sonst noch spannend ist.