Hier haben die Geretteten gerade erfahren, dass sie nach Europa dürfen. Foto: Til Biermann

Was erwarten die „Alan Kurdi“-Geretteten von Europa?

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Die 40 Afrikaner werden auch Ablehnung und Hass erfahren. Im Vergleich zu ihren Erlebnissen in der Heimat und vor allem in Libyen wird Europa aber einem Paradies gleichen.

Am Sonntagmorgen holte die maltesische Marine 40 Afrikaner vom deutschen Retterschiff „Alan Kurdi“ ab. Sie sollen in Europa verteilt werden. Das Schiff hatte sie Mittwochmorgen von einem hochseeuntauglichen Schlauchboot vor der libyschen Küste aufgenommen.

Ein Liberianer antwortete auf die Frage, in welches Land in Europa er gerne wolle, das sei ihm gleich. Hauptsache nicht mehr Libyen. Er wolle weiter als Automechaniker arbeiten, dafür zur Schule gehen, um die notwendigen Zertifikate zu erhalten. Viele andere sagten, ihr Traumziel sei Deutschland. Da gäbe es Arbeit, so ihre Hoffnung.

Die Menschen nahmen einen Weg auf sich, der meist mehrere Jahre dauerte. Auf dem Weg wurden sie ausgeraubt und gefoltert, erniedrigt. Sie mussten sich dann wieder verdingen, um Geld für die Schlepper und zum Leben zu verdienen. Nie gewiss, ob der Lohn für einen Tag oder eine Woche auch gezahlt wird, oder ob sie am Ende in die Mündung einer Kalaschnikow schauen. Schwarzafrikaner sind in Libyen weitgehend rechtlos. Einige sind stark traumatisiert.

Am Tag vor der Abholung durch die maltesischen Behörden hatte Beatrice (27), Mutter von Djokovic (3), Mamaman (2) und Angel (1), noch erzählt, wie schwer das Leben in Libyen war. Als afrikanische Frau hätte sie das Zimmer, in dem die Familie untergekommen war, fast nie verlassen können. Draußen wäre sie in Gefahr gewesen, in Zwangsprostitution zu geraten.

Ihr Mann Yannick (32) musste aus dem Haus, um arbeiten zu gehen. Oft hätten seine arabischen Arbeitgeber ihn aber nicht bezahlt und ihn mit vorgehaltener Waffe zum Arbeiten gezwungen. „Manchmal hatten sie Mitleid, wenn ich ihnen sagte, dass ich drei Kinder zu ernähren habe. Dann gaben sie mir 10, 20 Dinar (6 bis 12 Euro).“

Beatrice (27) erzählt an Bord der „Alan Kurdi“ vom Martyrium in Libyen. Ihr Mann Yannick (32) hat Angel (1) auf dem Arm. Davor: Mamaman (2) und Djokovic (3), benannt nach dem serbischen Tennisstar. Er hat schon eine Kugel in die Schulter bekommen. Foto: Til Biermann

„Sogar für zerschossene Häuser müssen Afrikaner hohe Mieten zahlen“, sagte Beatrice. Als sie darüber sprach, dass sie nicht mal ihre eigene Religion ausleben konnte, kamen ihr die Tränen: „Man muss eigene Kultur verstecken. Wenn Du Christ bist, musst Du dich wie ein Moslem verhalten. Man kann nicht mehr in die Kirche, weil man Angst hat.“

Yannick hofft jetzt, in Europa arbeiten zu dürfen. „Wir wollen in Sicherheit leben. Und ich will meine Familie ernähren“, sagte er zu Abschied.

Ibrahim (35) aus der Elfenbeinküste, selbst Moslem, erzählte, dass es den Libyern allerdings nicht um Religion gehe. Sondern um Hautfarbe. „Die Libyer sind Rassisten. Als Schwarzer hast Du da keine Rechte. Es ist schlimmer als die Hölle“, sagte er. Er hatte seine Frau auf dem Weg durch die Sahara verloren.

Innerhalb der „Alan Kurdi“-Crew wurde angesprochen, wie es jetzt wohl für die 40 Menschen werden würde. Es war klar, dass ihnen ein anderes Klima entgegenschlagen würde als an Bord. Das wurde gegenüber den Flüchtlingen aber nicht kommuniziert, womöglich um sie nicht noch weiter zu belasten, ihnen ein paar Tage Ruhe zu geben.

Die Tage an Bord waren sie sehr herzlich aufgenommen worden. Sie wurden bekocht, ihnen wurde zugehört. Ein Mann aus der Elfenbeinküste, sagte: „Das erste Mal kann ich darüber reden. In Libyen hört Dir keiner zu.“ Es waren für sie die ersten Tage seit Jahren, an denen sie so etwas wie Sicherheit fühlen konnten – nachdem ihnen bewusst wurde, dass es nicht zurück nach Libyen geht, wo sie als abgefangene Bootsflüchtlinge in Lagern gelandet wären.

Diese Menschen mögen ein schiefes Bild von Europa und ihrer Zukunft haben. Ihnen wird nicht bewusst sein, dass ihnen eine jahrelange Ämterschlacht mit einer letztendlich wahrscheinlichen Ablehnung bevorsteht. Die libyschen Schlepper logen sie ja schon an, als sie sagten, die Lichter dort im Norden seien Europa – und eigentlich waren es Ölplattformen vor der libyschen Küste.

Klar ist aber auch: Egal welch Ablehnung, Kälte und welcher Hass ihnen teilweise in Europa entgegenschlagen wird – im Vergleich zu Libyen, wo sie nach eigener Aussage schlechter behandelt wurden als Hunde – mehrere Gerettete hatten Schusswunden – wird der friedliche, reiche Kontinent ein Paradies sein.

Der Autor befindet sich für „BILD“ seit 17 Tagen auf der „Alan Kurdi“. Hier ist das Logbuch.




Til Biermann ist Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“ und treibt sich, wenn er nicht in LA ist, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.