Der Krieg gegen die Dicken (3)

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Dritter Teil unserer Adipositas-Serie – mit einem versöhnlichen Ausblick, der Wege aus dem Alarmismus und den Diätspiralen weist und die Gesellschaft verbessern könnte.

Die Gewichtsnorm muss von den Ernährungs- und Gesundheitsexperten verteidigt werden – gemäß ihres Diskurses: zum Wohle der Gesundheit der Bevölkerung. Daher wird ein ganzes Waffenarsenal von präventiven, gesundheitsförderlichen und kurativen Mitteln eingesetzt, um dem Übel Übergewicht und Adipositas zu Leibe zu rücken.

Die Legitimation von Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas gerät jedoch ins Schlingern, wenn nüchtern betrachtet wird, erstens, welche Gesundheitsgefährdungen mit ihnen verbunden sind, und zweitens, warum Prävention und Therapie betrieben werden. Der BMI wird herangezogen, um die Grenzen zu bestimmen, ab wann ein Mensch als übergewichtig oder als adipös gilt. Eine Person mit einem BMI zwischen 25 und 30 gilt als übergewichtig. Ab einem BMI über 30 wird von Adipositas gesprochen. Übergewicht wird bereits als potenziell gesundheitsgefährdend eingestuft, Adipositas ebenfalls und gilt in jedem Fall als behandlungsbedürftig.

Was aber, wenn der BMI als Index, der eine Richtschnur für Gesundheitsgefährdung darstellen soll, grundsätzlich in Zweifel gezogen werden muss und der empirischen Überprüfung nicht standhält, wie die Medizinerin und Hochschulprofessorin Anja Kroke 2013 darlegte? Was aber, wenn auch Metaanalysen für Übergewicht als Gesundheitsgefährdung Entwarnung geben, etwa die Arbeit der amerikanischen Forscherin Katherine Flegal und ihres Teams? Was aber, wenn die vor dem BMI benutzten Indices wie Normalgewicht nach Broca auch nicht mit Gesundheit und Krankheit korrelierten? Was, wenn nahezu alle empirischen Studien aufzeigen, dass die Prävention von Übergewicht und Adipositas sowie die Therapie hiervon mit den klassischen Mitteln von Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltenstherapie langfristig nicht erfolgreich sind? Was, wenn wir wissen, dass eine Gruppe von Adipösen keine Gesundheitsprobleme hat, die mit der Adipositas im Zusammenhang stehen? Was, wenn empirische Studien nahelegen, dass auch eine erfolgreiche Gewichtsabnahme die Lebenserwartung nicht erhöht? Das, was Medizinprofessor Wolfram Döhner und sein Team aufgrund von Studien als Befund ansehen, wurde bereits in der griechischen Antike von Ärzten angenommen, „dass man nämlich diese Krankheit nicht zu heilen im Stande sei, ohne der allgemeinen Gesundheit zu schaden“.

Wir müssten dann mit diesen Befunden das Adipositasphänomen ganz neu betrachten und es offenbar anders angehen. Bislang galt: Adipositas als Gesundheitsproblem muss an der Wurzel behandelt werden. Durch Prävention und frühzeitiges Eingreifen soll bereits Übergewicht verhindert werden, damit daraus nicht Adipositas entsteht.

Aber wir sahen im bisher Mitgeteilten, dass dieser Ansatz faktisch mehr als nur halbherzig umgesetzt, ideologisch aber massiv vorgetragen wird, man kann sagen: massiv hysterisch. Man könnte von irreführendem Alarmismus sprechen, der umso heftiger vorgetragen wird, je erfolgloser er ist. Sinnvoller als Alarmismus scheint zu sein, die Fakten unideologisch zu betrachten: Übergewicht ist im Durchschnitt nicht gesundheitsabträglich. Adipositas ist nicht automatisch pathogen. Wer körperlich fit ist, dem schadet Adipositas wenig. Zu plädieren wäre für einen gelasseneren Umgang mit Übergewicht und Adipositas; vorzuschlagen wäre, die Fahnen auf Halbmast zu senken, eingedenk, dass im Durchschnitt die Lebenserwartung der gesamten bundesdeutschen Bevölkerung immer noch steigt und auch die Adipösen daran teilhaben. Es geht nicht darum, die Adipositasproblematik klein zu reden, sondern darum, nüchtern abzuwägen, welches Individuum wie und in welchem Umfang Schaden nehmen kann an einer Adipositas, aber auch: welchen Nutzen Adipositas bei bestimmten Erkrankungen hat.

Verteilungen und Identität

Der Krieg gegen die Adipositas hat für unsere Gesellschaft wichtige positive Effekte. Er führt zwar nicht dazu, dass sich die Anzahl derjenigen, die adipös sind, verringert oder dass sich der durchschnittliche BMI der Bevölkerung reduziert. Es liegt in der Logik einer Kriegserklärung, dass sich über diese Erklärung der Feind erst richtig organisiert und sich mit dem Label Adipositas identifiziert. Dünn und dick sind die zentralen Kennzeichen zweier Bürgerkriegsparteien. Konnte in den vormodernen Zeiten über die Kleiderordnung (welcher Stand trägt welche Kleider?) die Gesellschaft strukturiert werden, so gelingt dies heute über zwei quasi dichotome Klassen: dünn und dick. Allerdings wurden diese Merkmale in den letzten 100 Jahren ausdifferenziert. Unterschied man bis ins 19. Jahrhundert hinein simpel zwischen dick und dünn, so kann heute jedem Menschen qua Berechnung von Gewichtsindikatoren (Broca oder BMI) ein Wert zugewiesen werden: zwei oder drei Prozent Übergewicht, 17,5 Prozent Untergewicht etc. Der Gesellschaftskörper wird damit einerseits feingliedrig differenziert, strukturiert und die als bedrohlich wahrgenommene anonyme Masse geordnet. Andererseits findet jeder Mensch seinen Platz in der Rangordnung von dünn zu dick. Menschen können sich dann damit auseinandersetzen, warum sie ein Übergewicht von fünf Prozent haben; sie können ihre gesamte Biografie dahingehend befragen, was schief gelaufen ist, was Mutter oder Vater bloß falsch gemacht haben. Die Zuweisung eines Rangplatzes wirkt dementsprechend identitätsstiftend.

Ähnlich wie der moderne Diskurs über die Sexualität und die damit verbundenen Praktiken, so können auch der Diskurs über das Gewicht und daran geknüpfte Praktiken Identität verleihen. Ob wir wollen oder nicht wollen, wir sind gleichsam gezwungen, uns über unsere Sexualität und unser Gewicht zu definieren – und das in einem beängstigenden präokkupierenden Ausmaß. Die Problematisierung des Gewichts lässt sich als Opium für das Volk beschreiben, das den politisch aktiven Bürger im Prinzip gar nicht mehr entstehen lässt.

Der innergesellschaftliche Krieg zwischen dick und dünn ist für unsere Gesellschaft sinnstiftend. Auf diesem Kriegsschauplatz werden traditionelle ethische Werte und historische Entwicklungen wie die derzeitige Überflussgesellschaft, die Etablierung neuer Formen der sozialen Distinktion, der Zivilisationsprozess, der moderne disziplinierte Körper und die Probleme der Massengesellschaft verdeckt verhandelt. Auf diesen Krieg kann möglicherweise gar nicht verzichtet werden, weil er unsere Gesellschaft so vortrefflich und unnachahmlich strukturiert. Dieser Krieg muss anders als andere Kriege dafür sorgen, dass der Gegner, die Adipösen, nicht verschwinden, sondern eher zunehmen. Mit einer potenziellen Niederlage des Gegners verschwänden wesentliche Elemente gesellschaftlicher Strukturierung.

Alternativen zum Krieg gegen die Adipositas

Die Alternative zum Krieg bestände in einem gesellschaftlichen Dialog über die genannten Punkte und deren kritische Reflexion. Fragen, die aufgeworfen werden müssten, lauten:

  • Warum tragen wir ethische Diskussionen verdeckt über den Körper und die Schlankheitsnorm aus?
  • Warum kann Ethik nicht offen gesellschaftlich verhandelt werden?
  • Warum scheint es heute uncool zu sein, unvermittelt für ein maßvolles Leben einzutreten?
  • Haben wir andere Möglichkeiten, dem Überfluss entgegen zu treten als mit der Radikalisierung des Schlankheitsideals? Kann unsere Gesellschaft z. B. bessere Bewegungsmöglichkeiten schaffen (mehr und sichererer Fahrradwege, mehr und lustvolleren Schulsport)?
  • Brauchen wir eine soziale Distinktion mittels des Schlankheitsideals?
  • Brauchen wir überhaupt soziale Distinktion? Wenn ja, gibt es unschädlichere Instrumente als die Schlankheit?

Wenn der zentrale Effekt des Zivilisationsprozesses die Affektkontrolle darstellt, und wenn sich diese in einem schlanken Körper realisiert, könnte es dann nicht möglich sein, gesellschaftliche Gegensteuerungen zu entwickeln, mehr Toleranz und Gelassenheit hinsichtlich der Schlankheit zu bekommen? Eine Ernährungswissenschaft, die derzeit noch aus lauter Angst, dass die Bevölkerung noch dicker werden könnte, an den empirisch nicht haltbaren derzeitigen BMI-Grenzsetzungen festhält, könnte einen gewichtigen Beitrag zur Toleranz leisten, wenn sie der aktuellen empirischen Datenlage folgt. Diese Ernährungswissenschaft könnte mitteilen, dass sich vermutlich ab einem BMI von 35 für viele Menschen die Gesundheitsgefährdung erhöht und dass es bezüglich der Spannweite zwischen dem BMI von 25 und dem von 35 eine wenig gesicherte Datenlage gibt. Vielleicht führt diese Toleranz heraus aus dem für die westlichen Industrienationen üblichen Teufelskreis von sich zu dick fühlen, eine Diät machen, keinen Erfolg mit der Diät zu haben, depressiv auf den Misserfolg zu reagieren und noch mehr zu essen als davor.

Finden wir gesellschaftliche Gegensteuerungen zur vermeintlichen Einheit von diszipliniertem und schlankem Körper? Auf den disziplinierten Körper können wir heutzutage nicht verzichten. Wir können hiermit nicht zurückgehen und von alten Zeiten träumen. Alleine für den Straßenverkehr ist der disziplinierte Körper erforderlich. Aber Disziplin muss nicht übersetzt werden in Schlankheit. Diese Generalisierung ist obsolet. Auch ein übergewichtiger Körper funktioniert im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz.

Können wir die Bevölkerung, die als anonyme Massengesellschaft wahrgenommen wird, anders strukturieren als über die Gewichtsnorm, anhand derer Verteilungen erstellt werden und jedem ein Rangplatz zugewiesen wird, über den sich dann die Menschen eine Identität verschaffen? Oder: Ist die Angst vor der Massengesellschaft berechtigt? Muss sie überhaupt strukturiert werden über den Körper?

Mit diesen möglichen Alternativen zum Krieg gegen die Adipositas wäre das Wagnis verbunden, den Aufgeklärten Absolutismus aus der Demokratie heraus zu lösen. Ob dies möglich ist, ist zumindest zweifelhaft, weil die Thematisierung der Adipositas in der gesamten abendländischen Geschichte ein Mittel gesellschaftlicher Kontrolle des individuellen Körpers gewesen ist. Der Aufgeklärte Absolutismus ist also nicht nur eine bestimmte historische Epoche, sondern ein Kernelement abendländischer Politikgestaltung.

 

 

Über den Autor: Christoph Klotter ist Professor für Ernährungspsychologie und
Gesundheitsförderung an der HS Fulda und Psychologischer Psychotherapeut. Er lebt in Berlin. (Foto: Hochschule Fulda)

 

 

Wir danken außerdem dem Springer-Verlag (SNCSC) für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Dieser Text erschien zuerst im Buch „Fragmente einer Sprache des Essens“  (2014) von Christoph Klotter.




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