Kalte Dusche für die Energiepolitik

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Heidelberger Physiker üben öffentliche Kritik an der deutschen Energiewende und bezeichnen die Maßnahmen als fehlgesteuert und ineffizient. Unsere Autorin hat sich das Papier näher angeschaut.

Derzeit geraten die Dinge in der Klima- und Energiediskussion gewaltig in Bewegung. Doch mit Kritik an der dysfunktionalen deutschen Energiewende taten sich bislang nur die „Exe“ hervor: Ex-Politiker, Ex-Abgeordnete, Ex-Manager, Ex-Professoren. Durchschnittsalter: 70 Jahre. Dagegen hatten die Ja-Sager und Glaubensstarken stets das Argumentum ad hominem parat, es handle sich hier um die irrelevante Meinung von Ewiggestrigen, die sich in der neuen Energiewelt eben nicht zurechtfänden.

Ein neuer Wind?

Daher freut mich, dass nun endlich auch einmal aktive (und nicht nur pensionierte) Wissenschaftler das sagen, was ich seit langem sage. Weht jetzt endlich ein neuer Wind? Ich fand es ja selber etwas sonderbar, dass ich als Geisteswissenschaftlerin seit Jahren mache, was eigentlich der Job der Natur- und Ingenieurwissenschaften wäre: die real existierende Energiewende konstruktiver Kritik zu unterziehen, statt üppig fließende staatliche Energiewende-Drittmittel zu verbrauchen und zu schweigen.

Evidenz gegen Illusion

Nun haben die Physiker Dirk Dubbers, Johanna Stachel und Ulrich Uwer (Physikalisches Institut der Universität Heidelberg) den Mund aufgemacht. Sie beschreiben unter dem Titel „Energiewende: Fakten, Missverständnisse, Lösungen – ein Kommentar aus der Physik“ die Energiewende als das, was sie ist: Ein Projekt mit schöngerechneten Zahlen und gern geglaubten Illusionen, das seine selbstgesetzten Ziele im Klimaschutz nicht erreicht.

Die drei Wissenschaftler skizzieren, warum das Energiewende-Rezept einzig einer durch Subventionen hochgezüchteten überteuerten Erneuerbaren-Industrie nützt, nicht aber den Klimazielen oder dem Wirtschaftsstandort. Mit einem „Weiter so!“ und „Mehr vom Selben!“ – nämlich immer weiterem Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken – würden Probleme nicht gelöst. Solche Forderungen beruhten, so die Heidelberger Kritik, häufig auf Fehlinterpretationen von Daten und Zahlen über (vorgebliche) Energiewende-Erfolge. Der häufigste Fehler sei die notorische Verwechslung von gigantischer installierter mit zwergenhafter nutzbarer Leistung bei Wind- und Sonnenkraft, die Vermengung von Durchschnittsproduktion mit Tageslastgängen sowie die Gleichsetzung von Strom- mit Energiewirtschaft.

Das Heidelberger Papier ist somit eine erfrischende kalte Dusche der Erkenntnis für unsere Entscheider in diesem Sommer des klimatischen Missvergnügens.

Kritik der Lösungsvorschläge

Die Diagnose stimmt. Doch die präsentierten Lösungsansätze sind allenfalls durchwachsen. Offenbar bekamen die PhysikerInnen auf halber Strecke Angst vor der eigenen Courage. Vieles bleibt ungesagt, und auch die Kritiker bleiben gewissen Illusionen über die Perspektiven insbesondere der Solarenergie verhaftet.

Weitgehend unkritisiert bleiben die übersteigerten Erwartungen der Deutschen an technologische Entwicklungssprünge auf dem Gebiet der Speichertechnik, die seit Jahren als unmittelbar bevorstehend ausgegeben werden. Nur ansatzweise diskutiert wird die Tatsache, dass angesichts der Herausforderungen der – als Königsweg des Klimaschutzes betrachteten – Sektorkopplung sehr wohl die Stromerzeugung die Schlüsselfrage sein wird, möchte man Wärmesektor und Mobilität wirklich nachhaltig dekarbonisieren. Studien, die die Energiewende affirmieren, benennen einen bis zu siebenfach erhöhten Strombedarf im Vergleich zum heutigen Verbrauch, behaupten allerdings, diese Herkules-Aufgabe sei auch unter den Bedingungen einer ausschließlich auf Erneuerbaren basierenden Versorgung zu stemmen. Diese Lösung wäre allerdings nur um den Preis der Totalzerstörung unserer Landschaften zu haben, ganz abgesehen von der Ungewissheit der Speicher-Entwicklung im Großmaßstab.

Die von den Heidelberger Physikern vorgeschlagenen Solarkraftwerke in Wüstenstaaten sind definitiv keine Lösung, denn sie bedeuten nichts anderes als unsere heutige Abhängigkeit von solchen Ländern in grün. Auch erzeugt man damit dasselbe Problem, das wir auch schon von der Öl- und Gasversorgung oder aus der Atomstaats-Diskussion kennen: wie sichert man das zugehörige Übertragungsleitungssystem gegen Terroristen und Diktatoren-Eigensinn? Die meisten Erneuerbaren sind und bleiben eben in jeder Hinsicht Schönwetter-Technik: im Normalbetrieb volatil, in Krisenzeiten verwundbar.

Deutsche Ergänzungs(t)räume

Hinzu kommt eine Grundsatzfrage: warum eigentlich sollen immer andere Länder – ob Frankreich mit seinen Kernkraftwerken, das uns in diesem Sommer häufig aushilft, Norwegen mit seinem ausbaufähigen Wasserkraft-Potenzial, nach dem so viele Grüne schielen, oder eben die von der Heidelberger Gruppe imaginierten künftigen Sonnenenergie-Staaten – als Ergänzungsraum der deutschen Energiewende dienen? Ist es nicht endlich Zeit, für machbare Lösungen im eigenen Land, unter eigener Verantwortung zu streiten?

Der Elefant im Raum

Und damit wären wir wieder mal bei der Kernenergie, dem gern beschwiegenen Elefanten im Raum der deutschen Energiepolitik. Erstaunlicherweise stößt die Heidelberger Gruppe, etwas verzagt, in dem Papier sogar bis dorthin vor: Atomkraft sei nun mal CO2-frei und bereits erprobt, und man solle doch ihre Risiken noch einmal vor dem Hintergrund der Klimawandel-Risiken reevaluieren. Diese vorsichtige Aussage ist angesichts der bislang beobachteten Schweigespirale ein guter Anfang, aber eben nur ein Anfang.

Denn will man mit Klimaschutz und Sektorkopplung Ernst machen, ohne den Preis dafür exorbitant steigen zu lassen, dann muss man sich, physikalisch gesprochen, von den Niedrigenergie-Flüssen verabschieden und zu hochenergetischen Prozessen der sub-atomaren Ebene zurückkehren. Das bedeutet: „Split, not emit“, die Kernspaltung gehört zu einer effizienten Klimastrategie.

Wir müssten erstens den Atomausstieg zügig kassieren und stattdessen den Kohleausstieg vorziehen; zweitens, eine staatliche Bestands- und Planungsgarantie für noch laufende KKW bieten; drittens, für Neubauten moderner Reaktoren, für kerntechnische Forschung und Entwicklung sorgen. Das würde nichts anderes bedeuten als eine kleine deutsche Revolution. Erwartbar ist das angesichts des jahrelangen kollektiven energetischen Selbstbetrugs zwar nicht, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.