Sahra Wagenknecht ist der Dieter Bohlen der Politik

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Sahra Wagenknecht hat in einem Interview die programmatischen Grundzüge ihrer neuen Sammlungsbewegung „Aufstehen“ skizziert. Sie ähnelt einer Casting-Show für Bildungsverweigerer.

Schon immer waren fehlende Bildungsangebote ein Argument der Leistungsverweigerer, mit dem sie ihren Prekariatsstatus begründeten. Jeder hat selbstverständlich den Marschallstab im Tornister und verfügt über das Talent eines Ingenieurs, Juristen oder Chefarztes – nur leider hat es niemand sonst erkannt und entsprechend gefördert. Bildung ist aus Sicht vieler Deutscher eine verdammte Bringschuld des Staates, die möglichst mundgerecht und vor allem kostenlos serviert werden muss. Regelmäßig treten Studenten in den Bildungsstreik, weil ihrer Ansicht nach die vielerorts erhobenen Studiengebühren ein himmelschreiendes Unrecht darstellen – und dabei lässig ausblenden, dass kostenloses Studieren vor allem eine Subvention von Kindern aus wohlhabendem Hause ist und eine gezielte Förderung der Leistungsbereiten aus finanzschwachen Familien wesentlich gerechter wäre.

Das alles hat dazu geführt, dass Bildung ein Allerweltsgut geworden ist, das so selbstverständlich verfügbar ist wie Strom aus der Steckdose. Man kann es nutzen oder auch sein lassen – und viele verzichten dann auch darauf. Man kann ja immer noch Lotto spielen oder darauf hoffen, bei DSDS den Jackpot abzuräumen. Doch jetzt kommt Sahra Wagenknecht, der Dieter Bohlen der Politik. Und mit einer nur noch bei den Talentwettbewerben anzutreffenden Ignoranz gegenüber fehlender Qualifikation polemisiert sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegen das geplante Einwanderungsgesetz, hält das unterfinanzierte Bildungssystem für den Hauptgrund des Arbeitskräftemangels und behauptet, dass es zynisch sei, „junge Leute mit einem Numerus Clausus vom Studium abzuhalten“ und „dann die qualifizierten Fachkräfte aus armen Ländern zu holen“. Tatsache ist hingegen, dass einer der wichtigsten Gründe für fehlende Fachkräfte nicht etwa das mangelnde Bildungssystem ist, sondern der mangelnde Wille, dieses auch zu nutzen. Bildung ist nicht nur eine Bringschuld, sondern auch eine Holschuld.

Ohne Bildung in ein nagelneues Leben XXL

Doch mit ihrer populistischen Dopplestrategie schlägt Wagenknecht gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens darf sich jeder Drückeberger in Zukunft auf den zu hohen Numerus Clausus berufen und zweitens dem Flüchtling die Schuld geben, wenn es dann auch mit dem Ausbildungsplatz nicht klappt. Klingt nach einer handfesten Verschwörung! Und selbstverständlich hat die rechtsdrehende PR-Linke von der „Kommunistischen Plattform“ auch dafür die passende Antwort: „In einer grenzenlosen Welt regieren die Multis.“ Man ersetze Multis durch jüdisches Finanzkapital – und schon sind wir bei einer der gängigsten Verschwörungstheorien, die sowohl links wie rechts funktioniert. Und dass Grenzen gut sind, hat Wagenknecht schon erkannt, seitdem sie den Mauerbau als längst überfällige Maßnahme gegen das Wirken des Klassenfeinds begrüßte.

Für Wagenknecht ist die neue Sammlungsbewegung eine Art Castingshow für Bildungsabbrecher – frei nach dem Motto: Du kannst zwar kein Englisch, aber zu dem aktuellen Smash-Hit einigermaßen lippensynchron die Laute nachäffen. Wer mit Wagenknecht aufsteht, landet vielleicht am Abend schon in einem nagelneuen Leben XXL, in der Bildung komplett überflüssig ist und es allein auf die Behauptung von irgendwas ankommt. Wagenknecht ist die Hoffnung der Gestrandeten, die Mutter Theresa der Getränkemärkte, vor denen sich schon morgens die heimliche Elite trifft, um pünktlich das Bildungsangebot aus der Flasche zu studieren.

Kreuzzug der Gekränkten

Nun wollen wir nicht allzu viel Spott über diesen neuen Kreuzzug der Gekränkten verbeiten. Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht den Bildungsweg beschreiten können, denen sie sich erträumt haben. Der NC ist es aber ebenso so wenig der Grund dafür wie die große Migranten-Verschwörung der Multis. In vielen Fächern gibt es gar keinen Numerus Clausus und dass in der Medizin einer existiert, hat seine Gründe. Natürlich wären in dem teuersten aller Fächer mehr Studienplätze wünschenswert, aber ob deswegen jeder deutsche Abiturient Arzt werden sollte, der dies auch wünscht, steht auf einem anderen Blatt. Sonst haben wir bald den Facharzt im Fernstudium.

Stattdessen keilt auch hier Wagenknecht gegen Mediziner aus anderen Ländern. Es sei zynisch, „Ärzte aus dem Irak, Syrien, dem Niger oder anderen armen Ländern“ zu holen, anstatt Deutsche zum Studium zuzulassen. Was Quatsch ist, weil der Arzt aus Syrien nicht geholt wird, sondern in der Regel als Flüchtling zu uns kommt und wir nicht etwa zu wenig Ärzte haben, sondern nur zu wenig dort, wo sie gebraucht werden. Und zynisch ist dabei nur die Tatsache, dass Wagenknecht die Armut anderer Länder als Argument benutzt, um den deutschen Arbeitsmarkt von Ausländern zu säubern

Und wenn die hummeressende Linke Wagenknecht mal ein Krankenhaus besuchen würde, wüsste sie auch, wie es um die medizinische Versorgung auf dem Lande bestellt ist. Da sich viele deutsche Ärzte lieber um eine der lukrativen Facharztzulassungen in der Großstadt prügeln, arbeiten etliche Krankenhäuser in Notbesetzung – mit Ärzten, die in 12-Stunden-Schichten zwischen Behandlung, Visite und der Erstellung von Arztbriefen hin und herpendeln. Da sollte der rot-braun wählende Bildungsverweigerer froh sein, wenn ein syrischer Kardiologe bereit ist, den nach intensivem Alkohol- und Nikotin-Abusus notwendig gewordenen Stent zu legen.




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.