Mit den Anschlägen des 11. Septembers begann die antisemitische Revolution. Foto: TheMachineStops (Robert J. Fisch) Lizenz: CC BY-SA 2.0

Antisemitismus: Angriff auf die Aufklärung

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Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn beschreibt in seinem Buch „Globaler Antisemitismus“ den Angriff auf die Aufklärung.

Drei Wellen der Demokratisierung erkannte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington: Die erste begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts und hatte ihren Ursprung in der Amerikanischen und Französischen Revolution, ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte, beginnend mit Mussolinis Machtergreifung in Italien, die Gegenbewegung ein. Die zweite Demokratisierungswelle begann mit dem Vormarsch der westlichen Alliierten ab 1943, die Gegenbewegung erfolgte ab den späten 50er Jahren und führte unter anderem zu den Militärdiktaturen in Südamerika und Griechenland. Die dritte Demokratisierungswelle nahm ihren Anfang Mitte der 70er Jahre, und die Angriffe von Al Qaida auf die Twin Towers in New York am 11. September 2001 markieren den Beginn der Reaktion. Alle drei waren Bewegungen gegen Demokratie und Aufklärung, das ist eine der zentralen Thesen in Samuel Salzborns Buch „Globaler Antisemitismus – Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne“. Und alle drei Gegenbewegungen, schreibt Salzborn, waren und sind nicht nur gegen Demokratie und Aufklärung gerichtet, sondern auch antisemitisch gewesen.

Salzborn arbeitet, anschaulich gemacht durch historische Belege, heraus, dass der Antisemitismus das verbindende Element sämtlicher Kämpfe gegen die Demokratisierung war und dass sich dies bis heute, in einer Zeit in der sich zu christlichen, faschistischen und islamistischen Antisemiten auch ein postmoderner Antisemitismus gesellt hat, nicht geändert hat.

Die erste Welle gegen Demokratie und Aufklärung ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, der unter anderem die Demokratien in Deutschland, Italien, Griechenland, Spanien und Portugal zum Opfer fielen und die im Nationalsozialismus und der Shoah ihren Höhepunkt fand, zeigt Salzborn, etablierte das völkische Denken und machte aus dem Antisemitismus eine Massenbewegung: „Im Rahmen der völkischen und rassistischen Aufladung des Antisemitismus in Europa entwickelte sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend eine nationale Grenzen negierende und als politische Bewegung auch Grenzen überschreitende antisemitische Gemeinschaft als soziale Bewegung (…)“.

Die zweite Welle der Gegenaufklärung zerstörte die zahlreichen Demokratien in Südamerika und Asien. Für sie war der Antisemitismus die Binde-Ideologie und diese führte auch zu antisemitischen antiimperialistischen Bewegungen, „deren Höhepunkt der Linksterrorismus der 70er Jahre war“.

Die dritte Welle setzte mit den Terroranschlägen des 11. September ein: „Seither werden vor allem die westlichen Demokratien aufgrund der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus gezwungen, Freiheitsrechte zugunsten der inneren und äußeren Sicherheit einzuschränken, was ein internes Entdemokratisierungspotential für die demokratisch verfassten Staaten beinhaltet.“ Aber für Salzborn ist die dritte Gegenwelle auch „der klar erkennbare Beginn einer antisemitischen Revolution: Der islamische Antisemitismus, der im internationalen Kontext die gegenwärtig einflussreichste Form des Antisemitismus darstellt, integriert dabei ebenso wie die beiden anderen Formen des transnationalen Antisemitismus ein gewaltförmiges und auf die physische Tötung von Jüdinnen und Juden zielendes Potenzial. Nach dem Nationalsozialismus und dem Linksterrorismus ist der islamische Antisemitismus die dritte supranationale Bewegung.“

Aber warum lässt sich der Antisemitismus als zentraler Bestandteil in jeder der drei Wellen gegen Demokratie, Freiheit und Aufklärung finden? Der Antisemitismus, erklärt Salzborn mit Verweis auf den kanadischen Philosophen und Historiker Moishe Postone, „ist zwingend auch die Negation des Versprechens der Aufklärung auf Individualität und Subjektstatus, ist kurzum die Rebellion gegen das Versprechen auf Freiheit und Gleichheit“, denn der Antisemitismus ist die „Unfähigkeit und Unwilligkeit abstrakt zu denken und konkret zu fühlen.“

Und diese Unfähigkeit, zeigt Salzborn, verbindet Rechtsradikale, Antiimperialisten, Islamisten und die „Israelkritiker“ postmoderner Provenienz.

Samuel Salzborn
Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. 
Beltz Juventa, Weinheim, Basel 2018, 24,95 Euro




Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.