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Alibijuden für Jesus und die AFD

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Der Gründer der „Juden in der AfD“ (JAfD), Dimitri Schulz, hat ein in jüdischen Kreisen außergewöhnliches Faible für einen antiken, durchaus umstrittenen Rabbiner, den Christen als den Sohn Gottes verehren – während Juden noch immer auf den Messias warten.

Der Rechtsanwalt Max Naumann war sich sicher: Der Antisemitismus rührt einzig daher, dass Juden sich zu jüdisch gerieren. Der erbitterte Zionistenfeind und Gegner der „Fremdjuden“, also der gläubigen Menschen aus Osteuropa, gründete 1921 seinen Verein nationaldeutscher Juden (VnJ). In dessen Satzung heißt es: „Der Verband nationaldeutscher Juden bezweckt den Zusammenschluss aller derjenigen Deutschen jüdischen Stammes, die bei offenem Bekennen ihrer Abstammung sich mit deutschem Wesen und deutscher Kultur so unauflöslich verwachsen fühlen, dass sie nicht anders als deutsch empfinden und denken können. Er bekämpft alle Äußerungen und Betätigungen undeutschen Geistes, mögen sie von Juden oder Nichtjuden ausgehen, die das Wiedererstarken deutscher Volkskraft, deutscher Rechtlichkeit und deutschen Selbstgefühls beeinträchtigen und damit den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer geachteten Stellung in der Welt gefährden.“

Des Weiteren konstatierte Naumann, ganz im Nazi-Jargon, die „Ostjudengefahr“ und die aus deren Zuwanderung resultierende „Sturmflut, die uns zu verschlingen droht“.

Im Umfeld der Machtübernahme schmiss sich der VnJ an die NSDAP heran und übersah huldvoll deren tödlichen Antisemitismus, indem man ihn sich teilweise zu eigen machte. Das Resultat ist bekannt: Schon 1935 wurde Naumanns Politsekte verboten, als erste jüdische Organisation – ein Juden-Verein sollte nicht das Spiegelbild nationalsozialistischen Denkens sein. Naumann durfte im KZ weiter über das deutsche Wesen sinnieren. Die Schafe, die am lautesten Heil geblökt hatten, genossen das Privileg, als erste zur Schlachtbank zu dürfen.

Dieser Tage ist ähnliches Geblöke erneut zu hören. Am 7. Oktober will sich die JAfD – die Interessenvertretung von Juden in der AfD – gründen. Was bei Naumann unbestritten war, sein Judentum, ist es bei dessen Pendant des 21. Jahrhunderts, Dimitri Schulz, keineswegs. Denn der 31-jährige Ingenieur glaubt an Jesus, verehrt die Mutter Gottes und hat in der AfD schon ein anderes Amt inne: Er ist Sprecher und Gründer der „Interessengemeinschaft Russlanddeutscher in der AfD“. Nun sind Schnittmengen zwischen Russlanddeutschen und jüdischen Aussiedlern aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion per se schon sehr, sehr selten. Schulz, der sich auf Facebook als „Follower of Jesus Christ“ bezeichnet und von seinen Sektenfreunden auch schon mal als „Aharon“ tituliert wird, begründet seine Kandidatur zur Landtagswahl auf Platz 14 der AfD-Landesliste in Hessen so (falsche Interpunktionen und Grammatik übernommen):

„Das Wort „Heimat“ ist für die deutsche Bevölkerung ein Fremdwort geworden […] Mein Ziel ist es, dem Begriff Heimat wieder eine Bedeutung zu geben. Die Demoralisierung in Form der Frühsexualisierung in den Schulen gilt es sofort zu stoppen und unseren Kinder die Werte, die Kultur und den Glauben unserer Heimat zu vermitteln“.

Das hätte Naumann gewiss auch unterschrieben, nur die Chanukka-Grüße von Schulz hätten seinen Bruder im Geiste wohl irritiert: „May you walk in the Light of Yeshua“. So christlich-meschugge geht es auf Schulz‘ Facebook-Seite zu – und man könnte meinen, er sei ein harmloser Wirrkopf. Doch Schulz pflegt Kontakte zu Neonazis aus dem deutschrussischen Umfeld, wie der „Wiesbadener Kurier“ berichtet. Es handelt sich dabei um den Arzt Aleksej Bach. Bach, der laut der Mainzer „Allgemeine Zeitung“ aus der AfD geschmissen wurde und dessen mittlerweile gelöschtes Facebook-Profil dieses Motto schmückte: „Toleranz ist medizinisch gesehen ein Versagen des Immunsystems. Die fremden Elemente (Bakterien, Viren, Keime) werden nicht mehr abgewehrt. Führt unweigerlich zum Tod.“ Jener Bach ruft zur Gründung einer Wehrsportgruppe und zum bewaffneten Kampf auf, zum „Horror Teutonicus“ (gemeint ist wohl Furor, aber Fremdsprachen sind Glückssache).

Auf zur Schlachtbank

Der gemeinsame Feind der deutschrussischen Kämpen ist klar – der Islam. Das war bei Naumann damals nicht so. Der Großmufti von Jerusalem war ein treuer Freund Deutschlands und der Nazis – nur mit den Juden, mit denen hatte er es nicht so.

Gleiches gilt im Übrigen für die Partei, die Schulz als Kostümjude vertritt. Wer bei der AfD, dort also, wo Gauland, Höcke & Co. das Sagen haben, als Jude auch nur darüber nachdenkt, sich instrumentalisieren zu lassen, ist entweder naiv-beratungsresitent – oder nur psychopathologisch zu definieren. Die „JAfD“ ist ein Irrweg. Und der durchsichtige Versuch, Minderheiten gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen – zur späteren Ehre der toitschen Heimat. Wer da mitmacht, kann nicht Jude sein, ethisch betrachtet – und manchmal auch rein halachisch. Denn nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.

 


Lesen Sie zum Thema „Juden in der AfD“ (JAfD) auch den Gastbeitrag von Alexandra Poljak, Präsidentin des Bundes jüdischer Studierender in Baden: Warum ich als Jüdin gegen die AfD protestiere.




Schreibt, berät und berät Schreibende sowie (Medien-)Unternehmen. Ist aber zuvörderst und mit Herzblut Journalist, Kommentator und Autor mit den Schwerpunkten internationale und nationale Politik, Jüdisches, Kultur und – als journalistisches Hobby –, American Football. Lebt in Hamburg und nach Möglichkeit in seinem Seelenversteck in Florida.