„Attention, es spricht Daniel, der Weise.“

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Soeben ist Marko Martins Buch „Die Unschuldigen von Ipanema“ erschienen, Erzählungen aus der Welt des (gleichgeschlechtlichen) Eros zwischen Russland, Jerusalem, Tokyo, Marseille und Rio de Janeiro, wo die drei Titelhelden leben. Eingebettet in diese Prosatexte, die nicht von „Identitätspolitik“ erzählen, sondern von individuellem Wagemut und Renitenz gegenüber repressiven Kollektiven: Dialoge zwischen dem Ich-Erzähler und seinem Lebenspartner, dem nicht der Sinn danach steht, sich als „Schwarze Person“ selbst zu reduzieren, sondern der ebenso gutgelaunt wie provokant so manches zum Besten gibt über die Heucheleien und Verquältheiten des hiesigen Kulturbetriebs. Wir wünschen gute Lektüre!

(…)

Hatte ich also den coloured aus Kapstadt tatsächlich derart eingeschüchtert – trotz meiner Abwesenheit? Es täte mir leid, Daniel. Obwohl du ja…

Obwohl ich ja gar nicht so viel erzählt hatte. Nicht von der Dauer unserer Jahre, kaum etwas von deiner Herkunft. Um ihm, der damals doch noch Single war, nicht weh zu tun.

Trotzdem. Er hatte sofort verstanden. Denn wie etwa hätte der kluge Typ nicht wissen können, dass meinen Eltern und Großeltern, ja selbst den Urgroßeltern, eben kein widerwärtiger Regierungsdoktor einen Kamm durchs Haar geschoben hatte, um danach einzutragen, welcher „Rasse“ sie waren? Nicht auf Guadeloupe, wo die Sklaverei 1848 aufgehoben worden war. Über drei lange Jahrzehnte, nachdem Napoleon sie wieder installiert und das Befreiungsdekret von 1794 brutal weggewischt hatte. Anna Seghers hat darüber eine Novelle geschrieben, sogar ins Französische übersetzt, und nachdem wir uns in diesem Pariser Studentencafé im Frühjahr ´94…

Zwanzigstes Jahrhundert, mittlerweile…

Merci. Nachdem wir uns dort in die Augen geschaut hatten, vorsichtig ins Gespräch gekommen waren und, damals noch so endlich schüchtern, dann weiter ins Café Iguana an der Bastille zogen, hab´ dich, den kleinen Besserwisser aus Berlin…

Dann zum allerersten Mal gehörig verblüfft. Anna Seghers (du betontest es auf der letzten Silbe), Rétablissement de l´esclavage en Guadeloupe

Doch nichts davon hast du dann in Kapstadt erzählt. 

Nein, wo er doch ohnehin das Entscheidende ahnte und sich deshalb wohl auch ein wenig schadlos halten wollte, quasi in liebevoller Rache.

Kind der französischen Republik hatte er mich genannt…Wo er das wohl aufgeschnappt hatte? Klingt wie aus einem gaullistischen Schulbuch. Wahr und doch halb falsch. Als hätte es keine Bemerkungen, keine Blicke, keine Schimpfworte gegeben, dort in den Schulen der Sacré Republique. Und doch. Das Versprechen war nicht nur Illusion, die Sache mit Staatsbürgerschaft und gleichem Recht für alle nicht nur Nebelwerfen. Unser jüdischer Schuldirektor im Pariser Vorort, streng, aber gerecht. Der jüdische Hausarzt meiner Eltern. Meine erste scheue und natürlich platonische und nie und nimmer ausgesprochene Jugendliebe Laurent, der für mich eben Laurent war und nicht etwa ein Weißer. Die Musik von Kassav´ und die Chansons von Aznavour und Jean Ferrat. Aimé Césaire und Francois Mauriac. Edith Piaf dagegen, desolé… War mir immer zu kitschig, aber als wir dann zusammen im Cinema Paris am Kudamm saßen und dieses Biopic sahen, war schließlich auch ich…na, sagen wir: endlich voller Bewunderung.

Und dennoch, Florent. Jahre zuvor, die ersten gemeinsamen Monate in Berlin…  

Du meinst die Angestellte in der Humboldt-Uni, die trotz ihres vorgerückten Alters wahrscheinlich nicht Anna Seghers, zumindest nie deren karibische Novellen gelesen hatte? Fragte mich in ihrem überheizten Geranien-Linoleum-Büro doch tatsächlich, wo ich wirklich herkäme, als seien der französische Pass und die Unterlagen der Uni in Grenoble nur so eine Art Camouflage. 

Aber es hat dich nicht verbittert…

Vielleicht auch deshalb, weil ein solcher Pass nun doch so etwas wie eine gefühlte Schutzbarriere war und ich überdies in Paris aufgewachsen bin und mich nicht als afrodeutsches Kind etwa in Ostdeutschland hatte fragen lassen müssen, was ich hier wolle. Vermutlich sogar auch ein Privileg: Ich sag´ La France, und sofort sind es die Deutschen, die sich tapsig zu rechtfertigen suchen – „ollala, jö ne nong parler lö franzäh“. 

In Ruanda aber hatte dich dieser deutsche Entwicklungshilfedirektor aus Rheinland-Pfalz partout für einen Undercover-Tutsi gehalten und nur wissend gelächelt, als du nach dem Woher mit „Zuvor Paris, jetzt Berlin-Reinickendorf“ geantwortet hast…

Während danach jener Rezensent, der dein Buch mit der Ruanda-Titelerzählung besprochen hatte, voller Begeisterung schrieb – von zwei jungen Männern, die durch Somalia gestreift seien. Klar doch, ohnehin alles Afrika…

Werden wir trotzdem nicht zu selbstreferentiell!

Come on, Daniel. Nur ein bisschen Spott übers Milljöh, sozial und ethnisch homogen wie nur was, und trotzdem natürlich strengstens bedacht auf AchtsamkeitToleranz-Diversität-Inklusion. Schwule Akademiker mit buntem Brillengestell und eingefallenen Wangen unter dem Späthipsterbart, die mir auf den Reißverschluss starren. Vergrämt migrations-sensible Kuratorinnen und überaus wachsame Anklägerinnen „kultureller Vereinnahmung und Exotisierung“, über die dann junge syrische Veganservice-Lieferanten in Berliner Bars freilich so manche Geschichte zu erzählen wissen, etwa über forsch winselnde Berlin-Mitte-Bitten nach Du-weißt-schon-was…

Florent!

Daniel! Wo ich doch noch gar nicht ins Detail gehe…Oder die Tante aus dem Westteil der Stadt, die sich wunderte, dass du ein Südafrika-Tagebuch geschrieben hast: „Weshalb interessierst du dich plötzlich für Mandela? Ist das wegen Florent?“ Zum Schreien komisch, oder? Nicht zu vergessen der wein-vertilgende 68er aus Charlottenburg, der nach dem fünften Glas an deinen Tel Aviv-Stories moniert, dass du „diesen Lump Netanyahu“ nie erwähnst, und sich dann spätestens nach der dritten Flasche sorgt, dass „inzwischen fünfzig Millionen muslimischer Afrikaner auf der anderen Seite des Mittelmeers auf gepackten Koffern sitzen, wobei ich jedoch deinen Freund nicht kritisieren möchte….“

Also dich, den Ehemann, den katholischen Franzosen…  

Der´s dennoch mit nachsichtigem Lächeln quittiert.

Wobei du nicht immer so zurückhaltend bist. Denk´ an die Dame im Haus der Kulturen der Welt!

Die zuvor doch du zugetextet hattest, Daniel. Musstest die freundliche Feuilleton-Lady ja unbedingt über Putin, Xi oder wen auch immer belehren, obwohl sie doch schon ganz kleinlaut zu bedenken gegeben hatte, dass so was doch eher im Politikteil ihres Blattes stünde, während sie…

So dass ich ihr quasi solidarisch beisprang. Die Augen verdrehte, den Arm um deine Schulter legte und ironisch sagte: „Attention, es spricht Daniel, der Weise.“

Was es nur noch schlimmer gemacht hatte, Florent! Was nämlich sollte sie da heraushören – die Persiflage auf Lessing oder einen Verweis auf meine Hautfarbe? So dass sie…

…für einen Moment geradezu eingeschüchtert wirkte. Wie sich jetzt korrekt verhalten – critical witness oder critical whiteness? Was durchaus rührend war: All die in Jahrzehnten ausgestellte Be- und Verurteilungskompetenz, hohe Kunst des Daumen-hoch oder auch des elaborierten Mäkelns, plötzlich völlig weg, pusch! Nur weil ich, der vorwitzige Schwarze, ein kleines Späßle gemacht hatte.

Hast sie dann aber ebenfalls in den Arm genommen, von ihrer Unsicherheit befreit und in die Bar draußen auf die Sommerterrasse eingeladen. Welche Erlösung!

Mais oui…




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