Hier in D.C. thronte Konföderierten-General Albert Pike AgnosticPreachersKid, Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Was keine „Cancel Culture“ ist

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Viele werfen dieser Tage mit dem Ausdruck „Cancel Culture“ um sich. Hannes Stein wird an dieser Stelle – aus seiner amerikanischen Sicht – eine Definition versuchen, und zwar vor allem, um zu sagen, was „Cancel Culture“ alles NICHT ist. Voilà:

Erstens. Die Opfer der „Cancel Culture“ sind meistens Linke und Linksliberale. Rechte sind von ihr überhaupt nicht betroffen. Es handelt sich also um ein Phänomen der linksliberalen Selbstzerfleischung.

Zweitens. Es geht dabei um Lappalien. Entweder der Anlass ist offenkundig lächerlich (wie im Fall jenes Professors, der vom Dienst suspendiert wurde, weil er auf Zoom davor warnte, das Füllwort „jigger“ zu verwenden, das bei ungenauem Hinhören wie eine rassistische Beschimpfung klang), oder es geht um uralte Tweets (wie im Fall der jungen Journalistin, die als 17-Jährige tatsächlich rassistisch über Amerikaner asiatischer Herkunft getweetet, dafür aber längst um Verzeihung gebeten hatte). 

Drittens. Das Ziel der „Cancel Culture“ ist die ökonomische Existenzvernichtung des Betroffenen. Jemand soll gefeuert werden, seinen Lehrstuhl verlieren, in hohem Bogen aus seinem oder ihrem Büro fliegen.

Ich weiß nicht genau, wie viele Leute in den Vereinigten Staaten der „Cancel Culture“ zum Opfer gefallen sind. Es gab ein paar prominente Fälle bei der „New York Times“, die vor allem dafür sprechen, dass dort ein wirklich mieses Betriebsklima herrscht. Es gab ein paar Fälle im akademischen Bereich. Vielleicht geht es insgesamt um 1000 Menschen. Sollten es so viele gewesen sein, war jeder einzelne dieser 1000 Fälle Unrecht – und deutet auf eine erschreckende Intoleranz hin (auch Unbarmherzigkeit: die Unfähigkeit, Menschen eine Jugendtorheit zu vergeben). Aber im Alltag der meisten Amerikanerinnen und Amerikaner (all jene, die nicht in Manhattan wohnen und weder für eine Zeitung oder Fernsehstation noch für eine Uni arbeiten) spielt „Cancel Culture“ keine Rolle. Nicht mal eine kleine. I know what I’m talking about.

Allerdings gibt es ja auch jenseits dieses sehr speziellen Phänomens ziemlich handfeste Debatten. Hier nun eine kleine Zusammenstellung all dessen, was von manchen Amerikanern als „Cancel Culture“ bezeichnet wird, meines Erachtens aber keine ist:

# Wenn ein Verlag sich weigert, das Buch eines Politikers zu drucken, nachdem jener Politiker – Josh Hawley – eine Bande von Verbrechern am 6. Januar 2021, dem Tag eines faschistischen Putschversuchs, mit erhobener rechter Faust gegrüßt hat. Das First Amendment schützt Leute, die Meinungen äußern – auch abwegige, irre oder widerliche Meinungen – vor staatlicher Verfolgung. (Pädophile dürfen für das Recht auf Sex mit Kindern werben, das Zeigen der Naziflagge ist in Amerika legal.) Es verpflichtet Verlage aber nicht, diese abwegigen, irren oder widerlichen Meinungen zu veröffentlichen.  

# Wenn ein Gouverneur – Andrew Cuomo – sich verantworten muss, nachdem mittlerweile sechs Frauen ihn bezichtigen, er habe sie sexuell belästigt; nachdem klar geworden ist, dass seine Fehlentscheidung, im März 2020 Covid-Patienten in Pflegeheime zu verlegen, zu Hunderten von Toten geführt hat; nachdem wir jetzt wissen, dass er versucht hat, diese Toten aus der Statistik zu tilgen; nachdem bekannt geworden ist, dass er seinen Bruder Chris, der für den Nachrichtensender CNN arbeitet, begünstigt hat, als der schwer an Covid-19 erkrankte.

# Wenn eine Erbengemeinschaft sich entschließt, Bücher eines Kinderbuchautors – Dr. Seuss – aus dem Verkehr zu ziehen, in denen er Figuren in einer Weise zeichnete, die ohne Zweifel rassistisch ist; und zwar während eine Welle rassistischer Gewalt und übler Beschimpfungen auf Amerikaner asiatischer Ankunft niedergeht (unsere koreanischen Nachbarn können ein Lied davon singen). Übrigens hat Theodore Seuss Geisel in den Vierzigerjahren befürwortet, dass Amerikaner japanischer Herkunft in Internierungslager in den Rocky Mountains eingesperrt wurden – nicht obwohl, sondern weil er ein überzeugter Demokrat war. Und wer das für einen Widerspruch hält, soll bitte die Seiten in Jill Lepores Buch „These Truths“ lesen, die vom großen Franklin Delano Roosevelt handeln.

# Wenn Statuen gestürzt werden, die Vaterlandsverräter und Rassisten gewidmet sind, die von 1861 bis 1865 für die „konföderierte Armee“ gekämpft haben und von einem bekannten Verein für Denkmalspflege namens Ku Klux Klan errichtet wurden. Wenn Kasernen neu benannt werden sollen, die aus seltsamen Gründen immer noch die Namen solcher Vaterländsverräter und Rassisten tragen.    

# Wenn eine private Firma – Twitter – einen amerikanischen Präsidenten sperrt, nachdem der die für jedermann öffentlich einsehbaren Geschäftsbedingungen der Firma Twitter verletzt hat, indem er durch Lügen (insbesondere die Lüge, er habe 2020 die Wahl gewonnen) seine Anhänger zu Gewalt aufgerufen hat. Das First Amendment schützt, wie gesagt, vor staatlicher Verfolgung, es regelt nicht den geschäftlichen Verkehr unter privaten Einrichtungen und Personen. Gewiss kann man die Monopolstellung kritisieren, die Firmen wie Twitter genießen. Allgemein gesprochen erscheint mir, dass Twitter nicht genug Leute von seiner Plattform entfernt. Die Frage „Warum fliegt Trump raus, warum fliegen nicht Vertreter des iranischen (oder chinesischen) Regimes hinterher?“ ist ja berechtigt. Ich finde, beide sollten diese Form der Öffentlichkeit nicht genießen. Im Fall von Vertretern des mörderischen „Islamischen Staates“ hat Twitter sich meiner Ansicht nach verantwortungsvoll verhalten und sie planmäßig gesperrt.  

# Wenn jemand Tucker Carlson öffentlich widerspricht. (Alles, was es über Tucker Carlson zu sagen gibt, hat John Oliver gesagt, und zwar hier:

# Wenn zwei Firmen – Dominion und Smartmatics – den rechtsradikalen Propagandasender „Fox News“ um Beträge in Milliardenhöhe verklagen, weil Fox News wochenlang Folgendes behauptet hat: Die Wahlmaschinen jener beiden Firmen hätten Stimmen, die eigentlich für Trump abgegeben worden waren, zugunsten von Joe Biden verbucht, und zwar auf Veranlassung des toten venezolanischen Diktators Hugo Chavez hin. Diese Lüge ist zwar grotesk, aber sie wird von Millionen Amerikanern geglaubt – und sie hat Dominion und Smartmatics messbaren ökonomischen Schaden zugefügt. Da das Geschäftsmodell von „Fox News“ darauf beruht, groteske Lügen zu verbreiten, ist es legitim, dem Sender diese Geschäftsgrundlage mit den Mitteln des Zivilrechts zu entziehen. Dabei wird ja niemandem (Gott bewahre) das Lügen verboten. Es wird möglicherweise nur etwas schwieriger, mit dieser speziellen Lüge Geld zu verdienen.    

# Wenn das FBI feststellt, dass die größte terroristische Bedrohung in den Vereinigten Staaten zurzeit von weißen Rassisten ausgeht und diese zur Fahndung ausschreibt.

Ich weiß nicht, inwiefern sich all dies ins Deutsche übertragen lässt. Ich bin jetzt schon zu lange weg und kann das aus der Ferne kaum beurteilen. Allgemein gesprochen kommt mir die Übertragung amerikanischer Debatten auf deutsche Verhältnisse oft wenig hilfreich vor. Das war schon bei der vielbeschworenen „Political Correctness“ der Neunzigerjahre der Fall, für die es in Deutschland in Wahrheit überhaupt kein Pendant gab. (Ein deutscher Philip Roth hätte keinen Roman wie „The Human Stain“ schreiben können, und zwar einfach deshalb, weil es solche Fälle nicht gab. In Germany wurden keine Professoren entlassen, weil sie Studenten, die ethnischen Minderheiten angehörten – welchen Minderheiten denn, bitte? – unabsichtlich mit einem beleidigenden Ausdruck belegt hatten. Dabei habe ich noch gar nicht über den herrlich verrückte Grundeinfall des Romans gesprochen, nämlich dass Professor Coleman Silk selber ein Schwarzer ist, der weiß genug aussieht, um als Jude durchzugehen.)

Hier herrschen in so vieler Hinsicht andere Ausgangsbedingungen als in Europa. Wir stehen an der Schwelle eines großen demografischen Umbruchs: Nach 2035 werden in den Vereinigten Staaten mehr Nichtweiße als Weiße leben. Wir haben nur zwei politische Parteien. Eine dieser beiden Parteien ist zu einer offen autoritären, offen antidemokratischen Partei geworden. Die andere Partei ist in Wahrheit gar keine, sondern eine breite Koalition, die von ziemlich weit links bis zu Leuten reicht, die in Deutschland in der CDU wären. 

Studentinnen und Studenten müssen für ihr Studium bezahlen, und zwar wahnsinnig viel Geld. Geisteswissenschaften zu studieren, ist in den Vereinigten Staaten heute kaum noch möglich – schon deshalb, weil es auf diesem Gebiet kaum Jobs gibt. Der Journalismus ist in einer viel existenzielleren Krise als in Deutschland: Es gibt wirklich bald überhaupt keine Lokalblätter mehr. (Vielleicht ist das die echte „cancel culture“; jedenfalls macht mir das ziemlich große Sorgen.)  Nun zum Positiven: Die amerikanische Geschichtsschreibung hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte radikal gewandelt, und zwar zum Guten. Noch in den Achtzigerjahren galt der Bürgerkrieg bei uns allgemein als Tragödie, nicht als gerechter Krieg – und die „Rekonstruktionsphase“ der Jahre 1866 bis 1877 als ungerechter Revanchismus. Heute erkennen wir, dass in jenen elf Jahren der erste heroische Versuch unternommen wurde, Amerika zu einer multiethnischen Demokratie zu machen, ein Versuch, der mit Gewalt gestoppt wurde, nachdem sich die Unionstruppen aus dem Süden zurückgezogen hatten. 

Und so weiter.

Kurzum: Ich habe nur eine Ahnung – aber nicht mehr – was in Deutschland als „Cancel Culture“ zu bezeichnen wäre. Kann sein, dass es bei Euch ein Riesenproblem ist. Hier in den Vereinigten Staaten eher nicht. 




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".