Er will immer nur reden Christian Lindner

Äquidistanz statt Urteilskraft

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An Worthülsen mangelt es in der deutschen Debatte rund um Russland nicht. Leider stecken hinter „Dialog“ und „Perspektivwechseln“ oft vor allem Ahnungslosigkeit und falsche Äquidistanz.

Im Herbst des Jahres 1920 fanden in Amerika turnusgemäß Präsidentschaftswahlen statt. Es waren die ersten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, und so nimmt es nicht wunder, dass der republikanische Senator Warren G. Harding einen klaren Sieg errang: Harding hatte im Wahlkampf der ermüdeten Nation erfolgreich eine „Return to Normalcy“ versprochen.

Auch heute, fast hundert Jahre später, scheint eine Rückkehr zu einem als „Normalität“ fehlgedeuteten Zustand für manche unwiderstehlich. So ließe sich zumindest der jüngste Vorstoß des amerikanischen Präsidenten interpretieren, der am Freitag öffentlichkeitswirksam vorschlug, Russland sollte wieder in die G7 zurückkehren – das sei zwar nicht „politisch korrekt“, aber, wie Trump in der ihm eigenen philosophischen Tiefe weiter ausführte, „we have a world to run“.

Es half Trump dabei jedoch nicht, dass die neue italienische Regierung aus linken und rechten Krawallbrüdern diesen absurden Vorschlag feierte: Die verbleibenden fünf Mitglieder der Gruppe der sieben Industrienationen lehnten ihn rundheraus ab. Abgesehen davon, dass der Vorfall die Frage nach der Sinnhaftigkeit des G7-Formats wieder mit neuer Dringlichkeit aufgeworfen hat, zeigt er vor allem eines: Trump treibt die politische Isolation der USA innerhalb des Westens weiter konsequent voran.

Arme Opfer und Provokateure

Der politischen Einsamkeit steht jedoch weiterhin eine unerwartete gesellschaftliche Nähe gegenüber. Gerade in Deutschland gibt es ein nicht zu vernachlässigendes Milieu, dem Russland bis heute vor allem als armes Opfer gilt und in dem die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine, der Abschuss eines Verkehrsflugzeuges mit 298 Toten, die Manipulation von Wahlkämpfen und pausenlose Eingriffe in die öffentliche Meinungsbildung in Europa und Nordamerika als natürliche, quasi automatische Antwort auf meist nicht näher definierte „Provokationen“ des Westens verstanden werden.

Letztere bestehen dann, fragt man genauer nach, meist in der westlichen Ursünde, die staatliche und strategische Souveränität der postsowjetischen Staaten Osteuropas respektiert und etwa die baltischen Staaten in die NATO aufgenommen zu haben, anstatt dies aus höflicher Rücksichtnahme auf die Einwände des Hauptaggressors Russland zu unterlassen.

So überbieten sich in Deutschland seit Langem verschiedenste Kräfte in ihren Wiederannäherungsbestrebungen. So teilte Christian Lindner, der schon im vergangenen Bundestagswahlkampf mit Vorschlägen zur „Einkapselung“ der Krimkrise ungut aufgefallen war, auf Twitter mit, Trumps Forderung sei „einmal ein vernünftiger Vorschlag“ gewesen, und verabsäumte es auch nicht, das zentrale intellektuelle Anästhetikum der deutschen Russlanddebatte hinterherzuschieben: „Bei Kontroversen hilft nur mehr und nicht weniger Dialog.“

Öffentlich-rechtliche Kremlperspektiven

Dass sich seit 2014 in Moskau die höchsten Repräsentanten Deutschlands und unzähliger anderer EU-Länder die Klinke in die Hand geben, ist zwar Fakt, findet in dieser Weltsicht jedoch nicht statt. Stattdessen machte auch das vom WDR verantwortete „Investigativmagazin“ Monitor am Freitag Werbung für Trumps Idee und bereitete in einem knapp neunminütigen Beitrag ein Best-of antiwestlicher Kremlpropaganda für das interessierte deutsche Fernsehpublikum auf. (In einer später veröffentlichten Entschuldigung schob man pflichtschuldig nach, der Beitrage wage lediglich „einen Perspektivwechsel, wonach AUCH der Westen den Konflikt anheizt.“)

Vorfälle wie dieser illustrieren immer wieder, wie wenig Deutschland wirklich in seiner Rolle angekommen ist: Die Deutschen sind bis heute ein Volk geblieben, das einerseits einem tiefsitzenden Antiamerikanismus frönt und den amerikanischen Präsidenten hasst, das dessen Politik vis-à-vis Russland aber andererseits goutiert. Wer diese politisch-kulturelle Schizophrenie in a nutshell zusammengefasst sehen wollte, für den war der gestrige Freitag, an dem ein FDP-Vorsitzender nach Jahren sinnlosen Geredes im Gestus des Tabubrechers mehr Dialog forderte und der WDR-Beitrag von RT Deutsch geretweetet wurde, ein reines Fest.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com