John Bolton und die Donaumonarchie

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Mit seinem neuen Sicherheitsberater holt Trump sich einen Mann von angriffsfreudiger Entschlusskraft, der den richtigen Blick auf Nordkorea und den Iran hat. Doch unser Autor befürchtet unbeabsichtigte Konsequenzen seiner Berufung.

Franz Conrad von Hötzendorf gehörte zu den letzten Chefs des Generalstabes der k.k. Armee. Er war ein prinzipienfester Mann – ein „Falke“, wie man heute sagen würde. Gab es irgendwo ein außenpolitisches Problem, wusste er sofort, was die Lösung war: erstens Krieg, zweitens Krieg und drittens wieder Krieg. Vornehmer ausgedrückt: Franz Conrad von Hötzendorf stand für „angriffsfreudige Entschlusskraft, zielbewussten Tatendrang und unbeugsamen Willen“. Schon früh war er dafür, Serbien dem Habsburgerreich einzuverleiben und die Doppelmonarchie (Österreich-Ungarn) in eine Tripelmonarchie (Österreich, Ungarn und Südslawien) zu verwandeln, um dem serbischen Nationalismus zuvorzukommen. Niemand konnte sich also über das wundern, was Franz Conrad von Hötzendorf am 28. Juli 1914 tat: Er erklärte Serbien den Krieg.

Dafür hatte er natürlich einen guten Grund: Genau einen Monat vorher hatte ein Attentäter den Thronfolger der Doppelmonarchie und seine innigst geliebte Ehefrau in Sarajevo ermordet. Jener Attentäter gehörte einer Organisation an, die man getrost als protofaschistisch bezeichnen kann, der „Schwarzen Hand“. Die „Schwarze Hand“ war eine Verschwörung von Offizieren, die 1903 den serbischen König Alksandar Obrenovic und seine Gattin massakriert und danach einen ihnen genehmen Marionettenkönig auf dem Thron installiert hatten. Davor war das Königreich Serbien der Doppelmonarchie freundlich gesonnen gewesen. Danach lehnte Serbien sich an das zaristische Russland, aber auch an Frankreich an und wollte alle Gebiete erobern, wo Serben wohnten – auch das von Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-Herzegowina.

Krieg mit neuen Mitteln

Die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an das Königreich Serbien war also weder verrückt noch vollkommen unmoralisch. Sie hatte nur einen klitzekleinen Fehler – einen Fehler, den der kluge Reaktionär Franz Ferdinand (der ständig mit ausgebreiteten Armen vor seinem Generalstab stand, um ihn vom Kriegführen mit Serbien zurückzuhalten) sehr scharf erkannte: Ein Feldzug gegen Serbien musste zwingend in einen Konflikt mit Russland führen. Und bei einem Krieg mit Russland würde die letzten beiden verbliebenen „echten Monarchien“ Europas einander zerstören. Zum Gaudi der jüngeren Mächte. Just so kam es dann ja auch – nur viel schlimmer, als der wahnsinnigste Pessimist sich das hätte im Juli 1914 vorstellen können. Die Generäle des Ersten Weltkrieges verstanden überhaupt nicht, dass sie einen hochtechnisierten Krieg führten, der sich grundsätzlich von den kriegerischen Auseinandersetzungen des vorigen Jahrhunderts unterschied: einen Krieg mit Eisenbahnen, Maschinengewehren, Schützengräben, Stacheldraht, Giftgas, am Ende auch mit Panzern. (Wir verstehen aktuell noch kaum, was die Möglichkeiten des Internetzeitalters für die Kriegführung bedeuten.)

Die Bilanz des Ersten Weltkrieges: 19 Millionen Tote. Die Donaumonarchie in Scherben. Die Bolschewisten an der Macht.

Warum mir das in diesen Tagen einfällt? Weil unser neuer National Security Advisor John Bolton heißt. Ein prinzipienfester Mann: „Angriffsfreudige Entschlusskraft, zielbewusster Tatendrang und unbeugsamer Wille“ beschreibt ihn recht genau. Der dumme und prinzipienlose Trump wird wie Wachs sein in seiner Hand. Und natürlich hat John Bolton vollkommen recht: Das Regime in Nordkorea ist grauenhaft. Es hat bisher noch jedes Abkommen gebrochen. Nur ein Phantast würde den iranischen Mullahs vertrauen.

Aber ich fürchte die unbeabsichtigten Konsequenzen. Dass es im Umgang mit Nordkorea überhaupt nur schlechte Möglichkeiten gibt, hat Mark Bowden hier dargelegt.

Und was passiert, wenn China, gegen das wir gerade einen völlig überflüssigen und gefährlichen Handelskrieg beginnen, sich im Falle eines Konflikts mit Nordkorea hinter seinen Klienten stellt? Wenn wir in einen Krieg mit China hineingeraten, der irgendwann für beide Seiten überhaupt nicht mehr beherrschbar ist? Wird Nordkorea für uns Amerikaner das, was Serbien einst für die Donaumonarchie war?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".