Naturlandschaft, vom Menschen gestaltet Ludger Weß

Der Irrsinn mit dem Bio

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Was ist Natur? Was ist natürlich? Darüber streiten Philosophen seit der Antike. Anhänger des Biolandbaus scheinen es genau zu wissen. Für sie ist der Einsatz von „Chemie“ und „Genen“ unnatürlich. Doch weder die Natur noch die Biolandwirte halten sich an diese Definition. Das zeigt: Der Naturbegriff ist untauglich, um über den Einsatz von Techniken zu entscheiden.

Biolandbau, so glauben die meisten Menschen, setzt nur auf Methoden, die „natürlich“ sind. Alles, was in der Natur nicht vorkommt – Mineraldünger, Gentechnik und chemisch-synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat oder Neonicotinoide – ist verboten. Erlaubt hingegen ist, was in der Natur zu finden ist: Düngung mit Exkrementen, Pflanzenschutz mit Schwermetallen oder Giftstoffen aus Pflanzen, Pilzen und Bakterien sowie der Anbau von Sorten, deren Erbgut durch radioaktive Strahlung verändert ist.

Nun hat der Biolandbau ein Problem: Er hat kein wirksames Mittel gegen Pilze, sodass in feuchten Sommern schon mal die komplette Ernte auf dem Feld durch Pilzbefall vergammelt. Bis vor ein paar Jahren hatte er Kaliumphosphonat. Das war als „Pflanzenstärkungsmittel“ zugelassen, ist aber in Wirklichkeit ein chemisch-synthetisches Fungizid, das in der Natur nicht vorkommt. Daher wurde es den Biobauern von der EU-Kommission verboten (Chemiker erkennen Phosphonat übrigens sofort als nahen Verwandten des Glyphosat; es wirkt aber nur auf Pilze).

Weil Phosphonat schmerzlich fehlt, gibt es Ausnahmeregelungen (nota bene: Julia Klöckner, die neue Landwirtschaftsministerin, bezog grün-mediale Prügel, weil sie den Biolandwirten in Ausnahmefällen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel erlauben wollte – hätte sie bloß Phosphonat gesagt und auf die seit Jahren bestehenden Ausnahmeregelungen ihrer grünen Ministerkolleginnen in den Bundesländern verwiesen!). Parallel dazu versuchen die Lobbyverbände des Biolandbaus, den Nachweis zu erbringen, dass Kaliumphosphonat doch in der Natur vorkommt. Und jetzt – Heureka! – haben NASA-Forscher Spuren davon in einem Meteoriten gefunden, der vor Millionen Jahren nach einer kosmischen Katastrophe vom Mars auf die Erde gelangt ist. Pure Natur also.

Wann ist Natur natürlich?

Forscher haben aber auch herausgefunden, dass in der Natur die Übertragung von Genen von einer Art auf die andere häufig vorkommt: Farne nutzen Gene von Moosen, Schnecken haben Algen-Gene integriert, manche Gräser gleich den kompletten Photosyntheseweg anderer Arten geklaut und Insekten tauschen Gene mit Bakterien und höheren Pflanzen aus. Der Natur sind „Artgrenzen“ keineswegs „heilig“, schon das Konzept von Grenzen in der Natur beruht auf Vorstellungen, die nationalstaatlichem Gedankengut entspringen.

Man muss übrigens gar nicht an exotische Orte reisen, um überschrittene Artgrenzen zu finden, sondern nur den nächsten Bioladen besuchen: Da gibt es biodynamisch angebaute Süßkartoffeln, ein natürlich vorkommendes Gentechnik-Erzeugnis, dessen Nahrhaftigkeit auf fremden Genen beruht. Die wurden vor etwa 8.000 Jahren durch das in der Gentechnik beliebte Agrobacterium von einem bislang unbekannten Organismus auf die wild lebenden Vorfahren der Süßkartoffel übertragen. Zeit, die Gentechnik als Methode des Biolandbaus zu begrüßen, weil sie eindeutig in der Natur vorkommt?

Moderne Pflanzenzüchter haben diese Methoden übrigens längst hinter sich gelassen. Sie nutzen mit dem Genome Editing eine Methode, die von der Natur in Jahrmillionen entwickelt und verfeinert worden ist. Fast alle Bakterien schützen sich damit gegen Virusinfektionen. Dabei werden keine Gene übertragen – verändert wird genau ein Gen, und dabei auch nur eine ganz exakt zu bezeichnende Stelle. Statt mit der groben Keule der bislang üblichen Mutationszucht, die zehntausende Gene auf einmal zerschlägt und aus ihren natürlichen Zusammenhängen reisst, sind Mechanismen des Genome Editing wie CRISPR-Cas Präzisionswerkzeuge, die nur an einer Stelle eine gewünschte Veränderung vornehmen und den Rest der Gene unangetastet lassen. Nichts wird zugefügt, nichts wird ausgeschnitten oder umgelagert – es ist ein höchst eleganter, minimalistischer Korrekturmechanismus, der in der Natur Tag für Tag milliardenfach angewandt wird.

Grüne für neue Methoden der Pflanzenzucht

Dass diese der Natur abgeschaute Methode wertvoll ist, finden auch manche Vertreter des Biolandbaus. Der erste war Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in der Schweiz. Er findet es toll, dass CRISPR-cas die Abhängigkeit des Biolandbaus vom giftigen Schwermetall Kupfer verringern könnte. Denn das vergiftet Böden und Gewässer und erzeugt antibiotikaresistente Bakterien. Nun kommt Matthias Berninger hinzu, bis 2005 grüner Staatssekretär im von Renate Künast geleiteten Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Niggli und Berninger erklären öffentlich, sie sähen in der Methode die große Chance, sowohl die konventionelle als auch die Bio-Landwirtschaft ökologischer zu machen. Schließlich sei Genome Editing nur eine Form der Mutationszüchtung, wie sie seit den 1930er Jahren angewandt wird und keine Gentechnik.

Fundamentalisten wie der grüne Gentechnik-Sprecher Harald Ebner halten nach wie vor dagegen: „Auch neue Gentechnik ist Gentechnik; da gibt es kein Vertun“. Nur ist Genome Editing eben keine Gentechnik und findet sich, anders als Kaliumphosphonat, nicht bloß in genau einem Meteoriten, sondern in Myriaden von Lebewesen.

Was sagt das über Natur und Natürlichkeit? Natur ist so, wie die Grünen die Gesellschaft gerne hätten: bunt, offen für Fremdes und vollkommen undogmatisch. Die Anhänger der „Natürlichkeit“ sehen sie genau andersherum: voller Grenzen, Verbote und Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Sie sind also in Wahrheit gar keine Verfechter der Natur, so wie sie ist, sie sehen die Natur durch eine ideologische Brille. Natur ist für sie ein Etikett, dass nach Belieben aufgeklebt oder abgekratzt wird.

Die wenigsten Bio-Anhänger wissen das. Sie freuen sich, wenn „ohne Gentechnik“ auf dem Milchkarton steht, obwohl es gar keine Milch „mit Gentechnik“ gibt, und loben Weizen, Mais und Rosenkohl, der angeblich so vom Bio-Acker kommt, „wie die Natur ihn schuf“. Sie halten, wie auch Robert Habeck, Philosoph und Bundesvorsitzender der Grünen, diese Nutzpflanzen für ein Produkt der Evolution. Doch tatsächlich ist Weizen ein menschliches Kunstprodukt aus mindestens drei Getreidearten. Mais stammt aus einem Gras, dessen Erbgut mittelamerikanische Indios bis zur Unkenntlichkeit veränderten und Rosenkohl ist ein Abkömmling des unscheinbaren Wildkohls, dessen Seitentriebe durch Eingriffe ins Erbgut unnatürlich verdickt und zusammengestaucht wurden.

Ach, Europa!

In Europa schaden die Konsumenten von Biokost erst einmal sich selbst. Sie werfen Geld zum Fenster hinaus, weil sie glauben, damit etwas für ihre Gesundheit und die „Umwelt“ zu tun. Doch in Ländern, die von Europa abhängig sind, ist der Naturfetisch potenziell tödlich.

In Afrika frisst sich derzeit der Herbst-Heerwurm durch fast alle Nutzpflanzen; die Verwüstungen haben die Dimension einer Heuschreckenplage. Bananen sind auf dem Kontinent durch einen aggressiven Pilz akut vom Aussterben bedroht. Gegen diese Seuchen helfen weder Mischkulturen noch homöopathische Pflanzenstärkungsmittel.

Helfen könnte Genome Editing: Das Verfahren ist einfach und preiswert, die Patente sind für nicht-kommerzielle Züchter frei und es gibt bereits Dutzende afrikanische Universitäten und Forschungseinrichtungen, die damit einheimische Pflanzen und Sorten modifizieren, sodass sie resistent gegen Schädlinge, Stress und andere Faktoren werden. Das aber sollen sie bei Strafe von Handelshindernissen und Entzug von Entwicklungshilfe nicht, weil bornierte EU-Politiker und eine durch Angstkampagnen von Umwelt-NGOs komplett verwirrte Öffentlichkeit die Verwendung von Reagenzgläsern und Petrischalen als gefährliche Gentechnik ansehen und glauben, resistente lokale Sorten schadeten Kleinbauern, sobald Fachleute an der Zucht beteiligt waren, die über mehr als „indigenes Wissen“ verfügen.

Um mit der Filmemacherin Katarina Schickling zu sprechen: Ein Marshall-Plan für Afrika wird gerade breit diskutiert. Dabei gäbe es eine ganz einfache Maßnahme: ein Ende der wahnwitzigen EU-Politik auf dem Agrarforschungssektor. Kein Genome Editing in Afrika – was auf den ersten Blick wie ein Beitrag gegen Hunger und Not aussieht, zerstört in Wahrheit Einkommensquellen und schafft damit Fluchtursachen.

Wann hört der Irrsinn mit dem Bio endlich auf?




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.