Ohne Bodentruppen würde es nicht gehen. DIMOC

Das Ende der westlichen Allianz?

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Die gezielte Tötung Qassem Soleimanis war für unseren Autor mit zu vielen umkalkulierbaren Risiken verbunden. Schlimmstenfalls könnte das sowieso schon fragile westliche Bündnis zerbrechen.

Qassem Soleimani zu töten war das Einfache. Die Konsequenzen zu managen, die sich daraus ergeben, ist das Schwierige. Die ersten Konsequenzen sehen für Amerika keineswegs rosig aus: Das Regime in Iran hat erklärt, dass es von nun an Uran anreichern wird, wie es lustig ist – und da Amerika aus dem Iran-Abkommen ausgestiegen ist, hat es kein diplomatisches Instrument, dagegen vorzugehen. Der Irak will sofort die amerikanischen Truppen rausschmeißen. Die regionalen Bündnispartner haben die Zusammenarbeit im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ aufgekündigt – und das just in dem Moment, in dem der IS (und das haben wir Trumps schmählichem Verrat an den Kurden zu verdanken) wieder stark wird.

All dies noch BEVOR der Iran seine Drohung wahrgemacht hat zurückzuschlagen.

Läuft die Sache auf einen großen Krieg zu? Keine Ahnung. Es ist eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Ich weiß aber, dass ein Krieg mit dem Iran für Amerika wahrscheinlich nicht gut ausgehen würde.

Eine kleine Erinnerung an den Golfkrieg von 2003. In jenem Krieg hatten die Vereinigten Staaten zwar kein UNO-Mandat, aber sie hatten wenigstens Verbündete: Großbritannien, Polen, Dänemark, Südkorea. Die Annahme, dass Saddam Hussein an neuen Massenvernichtungsmittel arbeitete, war zumindest nicht wahnsinnig. Und anfangs schien jener Krieg aus amerikanischer Sicht gut zu gehen: Der Irak hatte damals eine Bevölkerung von etwas mehr als 23 Millionen Menschen, Saddams genozidales Regime war bei allen – Kurden, Schiiten, auch vielen Sunniten – verhasst, die irakische Armee ein lächerlicher Gegner, der nach wenigen Wochen die Waffen streckte.

Bodentruppen

Der Iran ist (wie ein Blick auf die Landkarte zeigt) ungefähr dreimal so groß wie der Irak. Er hat mehr als 81 Millionen Einwohner. Seine Armee ist professionell, hochmotiviert und hat in den vergangenen Jahren im Jemen und in Syrien viel Kampferfahrung sammeln können. Außerdem würden Terrororganisationen wie die Hisbollah dem iranischen Regime beistehen und nicht nur im Nahen Osten Anschläge verüben. Amerika hätte in diesem Krieg genau zwei Verbündete: Israel und die arabischen Golfstaaten. Innenpolitisch würde ein Krieg mit dem Iran sofort zu wütenden Massenprotesten in allen amerikanischen Städten führen. Der Kongress – der nach der amerikanischen Verfassung das alleinige Recht hat, einen Krieg zu erklären – würde sich gegen den Präsidenten stellen.

Außerdem wäre es unmöglich, einen Krieg von der Fläche des Iran nur mit Luftschlägen zu gewinnen. Also müssten Bodentruppen einmarschieren. Nach dem berühmten „surge“ – der Truppenaufstockung unter General David Petraeus – waren im Irak 107,000 Soldaten stationiert. Ihnen gelang es mit Mühe, das bürgerkriegsähnliche Chaos im Irak zu befrieden. Wie soll das im Iran funktionieren? Wenngleich das fundamentalistische Mullah-Regime in der iranischen Bevölkerung verhasst ist, spricht wenig dafür, dass die Iraner auf ein amerikanisches Bombardement ihrer Städte und ihrer Soldaten mit Jubel reagieren würden.

Übrigens hat die Tötung von Soleimani zunächst mal dazu geführt, dass auf denselben Straßen, wo gerade noch Gegner des Regimes demonstrierten, jetzt Befürworter des Regimes aufmarschieren.

Ein Krieg mit dem Iran würde also wahrscheinlich in einem noch größeren Desaster enden als der leider schlecht vorbereitete Irak-Krieg. Er würde wohl das Ende der westlichen Allianz bedeuten. Jeder amerikanische General weiß das. Jeder amerikanische Geheimdienstmensch weiß das.

Wohin die Reise geht? Im Falle Nordkoreas kam nach der Fire-and-Fury-Arie ein Liebesduett: Trump erkannte im nordkoreanischen Diktator einen lieben Freund und Seelenverwandten. Mit dem Resultat, dass Nordkorea munter weiter Atomsprengköpfe auf Raketen schraubt, die dann irgendwann Seattle und San Francisco bedrohen, während die amerikanischen Verbündeten – Südkorea und Japan – nicht nur miteinander überkreuz liegen, sondern sich nach mehreren Trump´schen Ohrfeigen auch von Amerika entfernen. Toller Erfolg! Aber der Nahe Osten ist anders. Ich fürchte also, der Erfolg wird noch viel toller sein.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".