Der Welterklärer: Joschka Fischer stellt sein neues Buch vor Foto: Bernd Rheinberg

Das Abstiegsdrama

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Dass der Westen seit einiger Zeit an Bedeutung verliert, das ist deutlich geworden und bleibt nicht ohne Folgen für uns und die Welt. Joschka Fischer hat darüber ein Buch geschrieben und erklärt uns, was das vor allem für Europa bedeutet.

Einem schönen Bonmot zufolge, ist alles schon einmal gesagt worden, nur noch nicht von jedem. Ich möchte ergänzen: Es ist auch noch nicht von jedem alles gelesen worden. Dieser Umstand berechtigt das Erscheinen eines jeden Buches, und das gilt auch für politische Sachbücher. Obwohl wir es da mit einem besonderen Paradox zu tun haben: Wer nie oder kaum die Zeitung liest oder beispielsweise die Salonkolumnisten, der sollte eigentlich all die vielen politischen Sachbücher lesen, die einem die Welt erklären – allein, diese Leute tun es nicht. Und wer regelmäßig die Zeitung liest und beispielsweise von den Salonkolumnisten nicht genug bekommen kann, braucht eigentlich keine politischen Sachbücher mehr, die einem die Welt erklären, und doch lesen sie auch noch diese, als könnten sie nicht genug von der Politik bekommen.

Am Ende stellen sie dann fest, dass sie das alles irgendwo schon einmal gelesen haben, und der Überdruss formuliert sogleich ein paar fiese Sottisen gegen den Autor, obwohl dieser sich große Mühen gegeben hat und vieles richtig und ansprechend erläuterte. Und das alles nur, weil man nicht zur Zielgruppe gehörte (siehe oben) – aber vielleicht kann man ja helfen, dass das Buch doch noch in die richtigen Hände fällt.

VOM ABSTIEG DES WESTENS

Joschka Fischer, ehemals deutscher Außenminister unter Rot-Grün, hat ein neues Buch geschrieben: Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Es geht also um alles, was uns gerade so bewegt – nämlich um die Konflikte zwischen Nationalisten und Internationalisten, zwischen Vergangenheit und Zukunft, um den Niedergang des Westens (und insbesondere den „Fieberanfall der USA“) und den Aufstieg Chinas. Neben USA und China ist Europa die dritte Koordinate, in der sich der ehemalige Außenminister bewegt. Fischer stellt fest, dass der Abstieg des Westens mit seinem größten Sieg begann: dem Ende der Sowjetunion und dem Fall des Eisernen Vorhangs. Das ist schon einmal eine steile These, denn zunächst einmal haben die meisten Länder Osteuropas Anfang der neunziger Jahre die Chance genutzt, ins Lager der Demokratien überzulaufen, und die USA waren zwanzig Jahre lang die unangefochtene Nummer eins der großen Mächte.

Leider haben sie diese Zeit nicht genutzt, um ein verlässliches System der Kooperation mit China und Russland zu etablieren, und Europa hat gleichzeitig, berauscht vom glücklichen Ende des Kalten Krieges und fixiert auf die EU-Erweiterung, bis zur Verteidigungsimpotenz abgerüstet und sich für die Entwicklungen weiter im Süden nicht sonderlich interessiert. Da hat Fischer recht: In gewisser Weise war Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ ein Sedativum und Aufputschmittel zugleich, so das man schließlich den 11. September nicht habe kommen sehen.

Zeitgleich mit der kommenden Auseinandersetzung mit dem militanten Islamismus begann Chinas systematischer Aufstieg und Russlands Bemühen, auf der Weltbühne – komme, was wolle – wieder ein ernstzunehmender Faktor zu sein. Fischer erklärt dieses Streben Russlands mit dem Phantomschmerz nach dem Verlust des sowjetischen Imperiums. Er übersieht dabei, dass Russland gefangen ist in seiner Unfähigkeit zur wirtschaftlichen Modernisierung, ausgeraubt durch die Kleptokratie der Eliten in und um den Kreml, depraviert durch Minderwertigkeitskomplexe und politisch korrumpiert durch Geheimdienstdenken. Das alles versucht Putin durch zaristische Inszenierungen und einen steilgehenden Nationalismus zu übertünchen. Hier, in den Interessen und dem Charakter Putins, liegt der Grund für die momentane Politik Russlands – es ist ein potemkinsches Dorf mit Raketen.

Wie die meisten Geostrategen – und als solchen versteht sich der Ex-Außenminister natürlich – neigt auch Fischer dazu, aktuelle politische Entwicklungen vor allem in der Geschichte zu begründen. Sie stehen dann wie die Feldherren auf dem Hügel der Historiker und überblicken die vergangenen Schlachten, den Untergang von Völkern, die Auf- und Abstiege kleiner und großer Nationen. Alles wirkt dann wie miteinander verknüpft, ein nur für Uneingeweihte unübersichtliches Räderwerk von Ursachen und Wirkungen. Von solch einer Position aus hat der Zufall keinen Platz, erscheint das Chaos wie eine Chimäre. Da ist es dann nicht mehr überraschend, dass Fischer der Überzeugung ist, die US-Interventionen im Irak und in Afghanistan hätten zum Sieg Donald Trumps beigetragen. Tatsächlich war es doch wohl die clevere Strategie Trumps in den Swing States, die tiefgreifende Unbeliebtheit der demokratischen Kandidatin, der Hass auf das Establishment in Washington, die Abstiegsangst des Mittelstands und vielleicht auch noch the little help of his friends, die den Sieg des Unternehmers ermöglichten. Kein großes geschichtliches Walten, nirgends.

CHINA, CHINA, CHINA

Trotzdem braucht es natürlich auch des geschichtlichen Überblicks, um Analysen und Ausblicke zu wagen. Und da ist Fischer am stärksten, wenn er die aktuelle und die künftige Rolle Chinas immer wieder erklärt und beschwört, sich an diesem neuen Koloss auszurichten. Nicht sich nach ihm zu richten, nein. Aber China wird in den nächsten Jahrzehnten das Maß der Dinge sein: politisch, wirtschaftlich, strategisch. Fischer beschreibt die zunehmende Einflussnahmen Chinas in der Welt – und er macht das gewissenhaft und überzeugend. Gleichzeitig rechnet er auch noch mit einer starken Rolle der USA, allein schon wegen der militärischen Überlegenheit, der wirtschaftlichen Innovationskraft – und weil er Trump für eine Episode hält.

Letztlich laufen alle die Analysen auf die Skizzierung des europäischen Dramas hinaus: die Weltpolitik als Präliminarien für Europas Abstiegskampf, ein Buch als Mahnung. Fischer macht klar, dass es eine „europäische Souveränität“ brauche – oder Europa wird ein untergehender Kontinent sein, der sein Sozialstaatsmodell nicht mehr aufrechterhalten könne. Um das zu verhindern, sei eine weitere Vertiefung, also eine engere Zusammenarbeit und Übergabe von Souveränität auf die europäischen Institutionen notwendig.

Fischer ist zu sehr Realist, als dass er nicht erkennen würde, dass es dafür im Moment nicht nur keine Mehrheiten gäbe, sondern auch nur sehr kleine Minderheiten. Daher werde es in der nächsten Zukunft die EU nur als Staatenbund und nicht als Bundesstaat geben. Solange – bzw. um die Zeit zu verkürzen – schlägt er eine „Avantgardelösung“ vor, eine EU der zwei oder mehr Geschwindigkeiten; beginnen müsste diese Lösung in der Eurogruppe, und vorneweg gingen Deutschland und Frankreich, die Herzkammern Europas. Denn ohne eines dieser Länder gäbe es keinen Fortschritt in Europa, vor allem wenn Großbritannien die EU verlassen hat. Aber eine wichtige Voraussetzung der neuen europäischen Souveränität wäre eine europäische Identität. Doch wir wissen alle: die ist nur ein zartes Pflänzchen; es braucht seine Zeit, bis daraus ein bemerkenswerter Baum gewachsen ist. Fischer setzt auf die junge Generation. In ihre Hände legt er aber nicht nur die Zukunft der EU, sondern auch des Westens und der Welt, denn:

„Europa könnte in der globalen Machtverteilung des 21. Jahrhunderts trotz seiner demografischen und politischen Schwäche, aber wegen seiner Werte, seiner Technologie und seines nach wie vor vorhandenen Reichtums zum ‚tipping point’ in der globalen Machtverteilung zwischen den USA und China werden.“

Am Ende wendet sich Fischer Deutschland zu, mit einer Standortbestimmung. Aus ihr will er eine besondere Verantwortung unseres Landes für den Kontinent ableiten. Doch das Kapitel gerät zu sehr zu einem historischen Proseminar. Fischer beginnt beim Dreißigjährigen Krieg und arbeitet sich bis in die Gegenwart vor. Das ist interessant, aber nicht immer schlüssig. Und am Ende steht die Folgerung, wie wichtig eine Einbindung Deutschlands in supranationale Strukturen ist und bleibt. Näher kommt Fischer dem Land nicht. Es scheint, als habe es seit seiner Zeit als Außenminister eine Entfremdung gegeben. Wieder erlebt man nur die Erzählerposition auf dem Hügel. Das ist schade. Schließlich bleibt dieser Blick aus der Distanz, so wirkt dieses Kapitel wie angeklebt.

Streng genommen bietet Fischers Buch nichts Neues, aber der Autor bietet uns doch in kompilierter Form all das, was auf uns zu kommt und was zu tun ist: die Herausforderungen, die Schicksalsfragen, die Überlegungen für eine gedeihliche Zukunft. Und die sollte man sich, auch in Gestalt eines kurzweiligen Buches wie diesem, immer vor Augen halten.




Lektor und gelegentlich Autor


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com