New York – hier lebt Hannes Stein Pixabay / kein Nachweis nötig

Das mit dem Tod ist schlimmer

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Unser Autor kennt bedrohliche Lagen und Schicksalsschläge aller Art. Auch das lässt ihn die Seuche intensiver erleben als andere.

Wahrscheinlich hängt es auch von Erfahrungen ab, wie man diese Seuche erlebt. Neulich wurde mir klar, dass wahrscheinlich nicht jeder meiner Bekannten (und auch nicht jede Leserin dieses Blogs) schon mal so krank war, dass er oder sie dachte: Es kann sein, dass ich sterbe. Ich schon. Ich hatte als Kind schweres Asthma, so schwer, dass ich halbe Stunden lang nach Luft japste. Das wurde mit der Zeit besser, heute nehme ich in der Heuschnupfensaison mein Asthmaspray, fertig. Aber mit Ende 30 bekam ich eine schwere Grippe – oder was ich dafür hielt –, gefolgt von brutalem Husten; eine Woche später wachte ich nachts auf und konnte nicht atmen. (Es war kein Asthma. Der Asthmatiker kann ja atmen, es gelingt ihm nur nicht, genug verbrauchte Luft aus seinen Lungen zu befördern – aber hier ging plötzlich gar nichts mehr. Es war zum Fürchten.) Damals lernte ich, dass es ganz schön schwer ist, einen Arzt zu finden, der wie Dr. House (den es damals übrigens noch gar nicht gab) in der Manier eines Sherlock Holmes nach Ursachen forscht. Es war dann Arzt Nr. 5, der blond war wie ein SS-Mann, wofür er freilich gar nichts konnte. Arzt Nr. 5 war nett und kompetent – ein kölscher Jung, den es nach Berlin verschlagen hatte – und verpasste mir ein EKG-Gerät, das ich 24 Stunden lang trug, auch im Schlaf. So kamen wir drauf: Es war das Herz. Es blieb 8,3 Sekunden lang stehen – eine beeindruckend lange Linie auf dem Papier.

Als unser Sohn ein Jahr alt war (mittlerweile war ich längst nach Amerika ausgewandert) litt ich dann an etwas, das „Horner’s Syndrome“ heißt. Eines Abends, als wir unser Baby badeten, fiel meiner Frau auf, dass mein linkes Augenlid hing, außerdem war das Auge leicht gerötet. Wir suchten ein Urgent Care Center auf. Blutdruck: 200 über 130. Wow. Ab in die Notaufnahme, natürlich überfüllt, wir sind in Amerika. Ich musste dort ein wenig Rabatz machen, damit ich schnell drankam (ich bin längst Amerikaner genug, um in solchen Fällen mit dem Anwalt zu drohen), dann hatte ich wieder Glück: Der Arzt (ein kluger Argentinier) ließ meine Halspartie röntgen. So fanden sie das Blutgerinnsel in meiner linken Halsschlagader. Ich bekam dann Blutverdünner auf der Intensivstation, während mein Blutdruck seeeeehr langsam gesenkt wurde. Alle zwanzig Minuten weckte mich eine Krankenschwester und fragte, welches Jahr wir haben und wie der Präsident heißt. (Heute würde ich das nicht mehr so gern mit mir machen lassen.) Ich kam ohne Schlaganfall davon; und mein Sohn hat seinen Daddy noch.

Sozialer Absturz

Dann habe ich ein paar geliebte Menschen verloren. 1999 starb Jürgen Fuchs, der Schriftsteller und Bürgerrechtler aus der DDR, der mir kurz vor seinem Tod noch eine aufmunternde E-Mail geschrieben hatte („Lieber Hannes, niemand kann Dir Dein Talent und Deine Persönlichkeit wegnehmen“). Wenige Monate nach ihm starb mein Freund Benny Katzenelson, der Kibbutznik, der Englisch sprach wie ein Idiot und Hebräisch wie ein Dichter – ein alter „Mapainik“, vor dessen Sozialismus ich mich immer verneigt habe. („Mapai“: Die „mifleget poalei eretz yisrael“, die sozialdemokratische Partei Israels, die Partei von Ben Gurion. Benny hasste „die grausame Linke“ genauso, wie er die Rechten verachtete.) Und dass meine Sylke Tempel nicht mehr lebt, will ich eigentlich bis heute nicht begreifen.

Das ist das eine. Das andere: Ich bin drei Mal in meinem Leben rausgeflogen. In meinem Beruf – ich bin Journalist, gelegentlich auch Romancier – ist das nichts Ungewöhnliches, auch nichts, worauf man wirklich stolz sein könnte. (Genauer gesagt war es so: Zwei Mal wurden Verträge nicht verlängert; einmal wurde mein Vertrag als „fester freier Mitarbeiter“ per Brief gekündigt.) Immer stand ich finanziell vor dem Nichts. Ich wusste buchstäblich nicht, wie ich meine Miete bezahlen sollte. Als Student habe ich übrigens manchmal gehungert. Ja und?

Was ich sagen will, ist dies: Ich kann vergleichen. Ich weiß, wie es ist, akute Todesangst zu haben; ich weiß, wie es ist, Menschen zu verlieren – andererseits weiß ich aber auch, wie es ist, sozial abzustürzen. Und ich sage euch: Das mit dem Tod ist schlimmer.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".