Chamberlain, Hitler und Ribbentrop bei den Vorbereitungen zum Münchner Abkommen. Bundesarchiv, Bild 183-H12478 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Chamberlains Ehrenrettung

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Der einstige britische Premier habe aus Feigheit Osteuropa verraten, heißt es. Doch was als Appeasement heute einen schlechten Ruf hat, kann auch ein genialer Schachzug gewesen sein.

Wie war das 1938? Vier Friedenskämpfer trafen sich in München: Hitler, Mussolini, Daladier und Neville Chamberlain. Die demokratischen Staatsmänner verrieten die Tschechoslowakei, sie lieferten dieses Land an die totalitären Schlächter aus, in der Hoffnung, dass das Krokodil sie zuletzt beißt. Am Ende kehrte der alte Trottel Chamberlain nach England zurück, schwenkte einen wertlosen Fetzen Papier mit Hitlers Unterschrift und proklamierte: „Peace in our time!“

So dachte ich bisher. Doch nun habe ich Robert Harris’ Roman „Munich“ gelesen und verstehe, dass so ungefähr alles, was ich über die Politik des Appeasement dachte, falsch war.

Harris denkt und fühlt in seinem Roman ein alternatives Szenario durch: Was wäre gewesen, wenn ein deutscher Diplomat, der zum Widerstand gehörte, ein internes Memorandum besessen hätte, in dem Hitler erklärte, dass er mit dem „Anschluss“ Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes (und dann der ganzen Tschechoslowakei) keineswegs aufhören wollte? Was also, wenn ein Mitglied des deutschen Widerstandes schon 1938 hätte beweisen können, dass Hitler vorhatte, ein monströses Sklavenregime in Osteuropa zu errichten? Dass er einen Weltkrieg plante? Und was, wenn jener Deutsche ein Mitglied des britischen diplomatischen Korps gekannt hätte? Und wenn es ihm gelungen wäre, die Briten zu bewegen, jenen Freund aus alten Tagen nach München zu der bewussten Appeasement-Konferenz zu schicken?

Selbstverständlich wird an dieser Stelle nicht ausgeplaudert, ob es dem Briten und dem Deutschen gelingt, sich heimlich zu treffen … und ob das geheime Hitler-Memorandum jemals in die Hände des britischen Geheimdienstes gelangt. Ich möchte aber über die Geschichtslektion berichten, die Robert Harris mir in seinem großartigen Roman nebenbei erteilt hat.

Also: Die Briten waren 1938 absolut nicht in der Lage, einen Krieg gegen Hitlerdeutschland durchzustehen. Und die Franzosen, die der Tschechoslowakei versichert hatten, dass sie ihr im Fall eines Falles beistehen würden, konnten es ebenso wenig.

Churchills Unterstützer

Vielleicht noch wichtiger als der Umstand, dass es damals noch zu wenige Spitfires gab und auch die Royal Navy nicht über genug Schiffe verfügte, ist aber etwas Anderes. Der Erste Weltkrieg war gerade mal zwanzig Jahre her. Die Briten hatten damals 750.000 junge Männer verloren. (Das ganze Empire mehr als 900.000 Männer.) Es war der britischen Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, dass sie jetzt schon wieder Krieg führen sollten, bloß weil Hitler drei Millionen Deutsche im Sudetenland „heim ins Reich“ führen wollte. Hätte Hitler 1938 seinen Krieg bekommen – und er wollte Krieg –, so hätte er ihn möglicherweise gewonnen.

Neville Chamberlain war kein alter Trottel, sondern ein alter Fuchs. Und er hat Hitler 1938 in München hereingelegt.

Der Fetzen, den er Hitler zum Unterschreiben gab, bestand aus (natürlich verlogenen) Friedensbeteuerungen des deutschen Diktators. Dass er ihn dieses Papier unterschreiben ließ, war ein Propagandasieg nicht der Deutschen, sondern Chamberlains. Die britische Öffentlichkeit jubelte Chamberlain zu – aber auch die deutsche Öffentlichkeit jubelte Chamberlain zu. Und als Hitler ein Jahr später zusammen mit seinem Kumpel Stalin Polen überfiel, war es nur wegen dieses Fetzens Papier möglich, die Briten quer durch alle Bevölkerungsschichten für den Krieg gegen den Aggressor zu mobilisieren.

Übrigens hat Chamberlain (der schon 1940 starb) Churchill dann nach Kräften unterstützt. Er war kein Lord Halifax, der einen Separatfrieden mit den Nazis anstrebte.

Warum hält sich also das falsche Bild des Appeasement, das auch ich im Kopf und im Gemüt hatte? Es sind wieder mal die Linken dran schuld. Die Linken wollten gern davon ablenken, dass Josef Stalin – und nicht irgendein Konservativer – von 1939 bis 1941 mit Hitler verbündet war. Und sie wollten nicht mehr darüber reden, dass es die Labour Party war, die in den Dreißigerjahren forderte, Großbritannien solle abrüsten. Neville Chamberlain hat die ganze Zeit, während er die Politik des Appeasement betrieb, aufgerüstet – und zwar kräftig! 50 Prozent des britischen Sozialprodukts wurden unter ihm für Waffen ausgegeben. Mit dem Appeasement und der Aufrüstung hat Neville Chamberlain die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Großbritannien zu dem Bollwerk werden konnte, das Hitler widerstand. Ehre seinem Andenken.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".