Die Debatte von Cleveland (Symbolbild) Schmilblick (Flickr) - CC BY 2.0

TV-Duell: Ein Prosit der Unerträglichkeit

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Die erste Präsidentschaftsdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden liegt hinter uns. Und damit zu den schlechten Nachrichten.

Das Englische ist ein veritables Füllhorn, was farbenfrohe Metaphern angeht, und viele davon lassen sich kaum ins Deutsche übertragen. Eine dieser sprachlichen Perlen wurde in der vergangenen Nacht in Cleveland live und in Farbe für uns aufgeführt. Sie heißt: Race to the bottom.

Die Urteile der Medien über die erste Präsidentschaftsdebatte – „fiery squabbling“ (WaPo), „a slugfest“ (NBC), „everybody loses“ (National Review) – fielen angemessen vernichtend aus. Niemand kann den Zuschauern die verlorene Lebenszeit erstatten, und was noch schlimmer ist: Wir stehen noch ganz am Anfang. Meena Ganesan, Social Editor beim Number-Crunch-Festival Fivethirtyeight, fasste das Elend im Liveblog ihrer Seite niederschmetternd zusammen: „There Are So Many More Days Left In 2020.“

Es cringte im Gebälk

Ja, Meena, da hast du leider recht. Bereits diese anderthalb Stunden wollten und wollten kein Ende nehmen, der Cringe-Faktor war von Anfang an himmelhoch. Neunzig Minuten lang haben wir ertragen, wie Donald Trumps verbales Flakgeschütz Freund wie Feind vom Himmel holte, und wie es einem bemitleidenswerten Joe Biden nicht gelang – nicht gelingen konnte – Donald Trump mit Fakten und politischen Konzepten wirkungsvoll zu begegnen. Neunzig quälende Minuten lang kam Biden die Aufgabe zu, stellvertretend für uns alle den Kopf zu schütteln, groben Unfug zu korrigieren, bitter aufzulachen und auf die Einhaltung grundlegender Anstandsregeln zu pochen. Bless your heart, Joe.

Was es an Inhaltlichem aufzuschreiben gab, wurde und wird allenthalben aufgeschrieben. Bei der Frage nach einer friedlichen Amtsübergabe eierte Trump wieder herum, forderte seine Unterstützer ominös auf, sich „bereitzuhalten“ und fantasierte schließlich von Wahlzetteln, die in Flüsse geworfen würden. Er hatte ein paar gute Punchlines („I’ve done more in 47 months than you’ve done in 47 years“), die zwar kaum einer Überprüfung standhalten, aber dank des nötigen Schmackes trotzdem verfangen konnten. Biden schlug sich wacker, musste aber immer wieder neu ansetzen, verkämpfte sich viel zu oft in den Niederungen und blieb insgesamt blass. Über Wert verkauft hat er sich nicht.

Die erste und letzte Debatte

Was all das für die 14 verbliebenen undecided voters bedeutet haben mag, ist schwer zu ermessen. Erste Umfragen bescheinigen dem Präsidenten kein gutes Ergebnis, und nach dieser Performance wird kein Wähler im Vollbesitz seiner Kräfte sich noch eine weitere Debatte antun. Schon letzte Nacht bekam man wieder deutlich vorgeführt, warum die Schlagabtausche besser heute als morgen abgeschafft gehören.

Ein Gutes hatte der Anti-Werbeblock am Ende aber doch: Das alle vier Jahre aufs Neue ermüdende Gerödel der Spindoktoren im Nachwaschgang kann heuer noch stärker vernachlässigt werden als sonst. Wo sich einen Abend lang drei ältere Herren in einem Krankenhaus angeschrien haben, wird es schwer bis unmöglich, saubere politische Takeaways zu diktieren. Nach dieser Debatte brauchen Journalisten wie Wähler in Amerika und anderswo keine Soundbites – sie brauchen Schnaps.

Mit Hannes Stein, unserem Mann in Amerika, blickt Richard Volkmann wöchentlich im Podcast „City on the Hill“ auf die wichtigsten politischen Ereignisse in den USA zurück.




Studierter Historiker, leidenschaftlicher Kartensammler und Pressemensch in der jüdischen Bubble in München. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Schreibt zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“