Sokrates-Statue von Johann Schnegg (1755), Bayreuth Bayreuth2009 / Wikimedia (CC BY 3.0)

Demokratie, Aristokratie, Zentralkomitee

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Ein sokratischer Dialog über die ideale Staatsverfassung

Kritias. Welch große Freude, dir recht zufällig hier am Rande der Agora zu begegnen, o Sokrates, großer Meister. Doch welches Tun tust du da, wenn ich fragen darf?

Sokrates. Xanthippe, mein Eheweib, gab mir jenes Kraut, das sie von einem phönizischen Händler erstanden hat und das aus einem fremden Barbarenlande stammt. Auch rüstete sie mich mit diesem Papyros aus und einem Feuersteine. Wenn ich dieses Kraut nun in den Papyros wickle – so, siehst du – und das Ding, das, wie du unschwer erkennst, einem kleinen Phallos gleicht, mit dem Feuerstein in Brand setze – so –, dann steigt ein Rauch auf, den ich tief in die Lungen sauge. Nämlich so. Möchtest du auch einen Zug?

Kritias. Gar übel ist der Geruch, der von jenem Phallos aufsteigt.

Sokrates. Aber er beruhigt ungemein. Auch lässt er mich die interessantesten Visionen erblicken. Gerade jetzt, mein Kritias, überkommt mich darum die Lust, mit dir über die ideale Staatsverfassung zu reden.

Kritias. Wohlan denn, mein Sokrates, reden wir über die ideale Staatsverfassung, wenn dir danach zumute ist.

Sokrates. Es sei. Ist es nicht so, mein guter Kritias, dass aller guten Dinge drei sind?

Kritias. Wie meinst du das, o Sokrates?

Sokrates. Nehmen wir jenen beruhigenden Rauch. Bist du sicher, dass du nicht auch von ihm willst? Nein? Das betrübt mich. Zu seiner Herstellung, das wirst du zugeben, waren drei Dinge vonnöten: das fremde Kraut; der Papyros; und der Feuerstein, den mein Weib mir gab. Stimmst du mir zu?

Kritias. Es ist, wie du sagst, o Sokrates.

Sokrates. So sind auch, so scheint mir, drei Dinge vonnöten, um einen idealen Staat aufzubauen. Er muss aus drei Elementen bestehen, die gar nicht zusammenpassen, am Ende aber den Rauch der allgemeinen Beruhigung und der großen Visionen hervorbringen.

Kritias. Welches sind denn diese drei Elemente?

Sokrates. Das erste ist die Demokratie.

Kritias. Du überraschst mich, o großer Meister. Hast du nicht vielfach gesagt, dass die Demokratie den großen Fehler aufweist, dass die dumme Masse dem erstbesten Demagogen hinterherläuft, wenn er ihr nur genug Süßigkeiten verspricht?

Sokrates. Darum reicht die Demokratie ja auch nicht aus. Aber sage mir doch bitte an, o Kritias, was wir hier in Athen unter Demokratie verstehen. Oder besser: verstanden haben.

Kritias. Nichts leichter als das, bin ich doch geradezu berufen, diese Auskunft zu erteilen. In der Demokratie, o Sokrates, versammeln sich die Freien, also die Männer, die keine Sklaven sind. Und unter ihnen wählt dann das Los aus, das ihnen verschiedene Ämter zuteilt, so dass also der Zufall entscheidet.

Sokrates. In meinem Rauche erblicke ich gerade etwas herrlich Verrücktes: eine Gesellschaft, in der es keine Sklaven mehr gibt und in der auch die Frauen zu den Freien gezählt werden.

Kritias. Auch die Hetären?

Sokrates. Gerade die.

Kritias. Gar wunderlich ist deine Rede, o Sokrates. Vielleicht sollte auch ich von jenem Kraute probieren.

Sokrates. Nur zu. Hier, nimm. In jener Gesellschaft, mein Guter, würde das Los aus der Bevölkerung, also durch Zufall, ganz wie bei uns, einige Hundert heraussuchen, die dann über Gesetze beraten. Sagen wir, für zwei Jahre. Wir können jene Versammlung – der Rauch gibt es mir ein, der an jene Dämpfe erinnert, über der in Delphi die Pythia thront – also: wir können jene Versammlung der zufällig Zusammengewürfelten von mir aus Repräsentantenhaus nennen.

Kritias. Sehr plausibel erscheint mir deine Rede, o Sokrates, nachdem auch ich von jenem Rauchkraut gekostet.

Sokrates. Aber dann benötigen wir noch ein aristokratisches Element. Aristokraten werden – oder wurden –, wie du weißt, bei uns gewählt.

Kritias. So ist es.

Sokrates. Aber nicht jeder durfte wählen. Mir schwebt vor, dieses Prinzip umzukehren.

Kritias. Wie meinst du das, o Sokrates?

Sokrates. Alle dürfen wählen, aber nicht alle können gewählt werden.

Kritias. Entdecke mir den Sinn dieses dunklen Wortes, und gib mir doch bitte jenen Rauchphallos wieder.

Sokrates. Wohlan. Jeder hat im idealen Staate das Wahlrecht. Aber zu den Aristoi ist nur berufen, wer eine gründliche Ausbildung absolviert hat. Mir schwebt vor, dass zu den Aristoi nur gezählt werden darf, wer zu den Freunden der Weisheit gehört, also Philosophie studiert hat. Insonderheit die Spekulationen des Demokritos sollten ihn interessieren, überhaupt die Betrachtung der Naturphänomene, wie uns die Götter gegeben haben, diese zu begreifen. Ferner muss, wer Aristoi werden will, die Epen des großen Homer und die Werke von Hesiod studiert haben. Und er muss das Werk des Thukydides über den Peloponnesischen Krieg gelesen haben.

Kritias. Aber das ist doch noch gar nicht erschienen.

Sokrates. Ich sehe sein Erscheinen im Rauch aufsteigen, mein Freund, und es wird gar meisterhaft sein. Wenn auch keine erhebende Lektüre. Als Gegenbild will ich dir meine Vision vom idealen Staat entwerfen.

Kritias. Ich verstehe. So fahre nun fort, großer Meister.

Sokrates. Ich fasse vorläufig das Ergebnis zusammen. Es gibt eine Kammer, die heißt Repräsentantenhausund wird von Leuten aus allen Volksschichten gebildet, die das Los vereint hat. Und es gibt eine zweite Kammer, die gewählt und von Aristoi bevölkert wird. Aus Gründen, die ich dir nicht erklären kann, gelüstet es mich, jene zweite Kammer in einer seltsamen Fremdsprache als Senat zu bezeichnen.

Kritias. Sicherlich aber meinst du, dass nur freie Männer Senatoren werden können?

Sokrates. Keineswegs meine ich das, mein Kritias. Jeder und jede kann sich um das edle Amt des Senators bewerben, vorausgesetzt, er oder sie hat den Ausbildungskurs absolviert, den ich dir beschrieb, sich also in der Philosophie, der Naturbetrachtung, den schönen Künsten und der Betrachtung der Geschichte geübt. Vor allem der modernen Geschichte, also unserer so faszinierenden und dunklen Epoche. Außerdem, so scheint mir, sollten alle Senatoren, auch die Hochgeborenen, zumindest ein Jahr ihres Lebens in bitterer Armut verbracht haben.

Kritias. Wozu soll das gut sein?

Sokrates. Es schult in Realismus.

Kritias. Und was sollen jene zwei Kammern, das Repräsentantenhaus und der Senat, bewerkstelligen?

Sokrates. Sie beraten über die Gesetze, die unser Gemeinwesen bestimmen. Nur Vorschläge, die von beiden Kammern gebilligt wurden, können Gesetzeskraft erlangen, aber jede Kammer hat das Recht, Vorschläge einzubringen. Ich vergaß übrigens zu erwähnen, dass Senatorinnen und Senatoren für jeweils sechs Jahre gewählt werden. Und nach drei Amtszeiten ist Schluss.

Kritias. Sehr weise erscheint mir diese Regel, o Sokrates. Was aber ist das dritte Element deines Idealstaates? Wer hat in ihm das Recht, das Schwert in die Hand zu nehmen, das so oft nötig ist, um Gesetzen zur Geltung zu verhelfen? Und wer befehligt das Heer, um deinen Idealstaat zu verteidigen? Hattest du dabei vielleicht an einen König gedacht? Oder an einen Wahlkönig, der jeweils für vier bis acht Jahre im Amt bleibt?

Sokrates. Keineswegs. Ich dachte eher an etwas Langweiliges: ein Zentralkomitee.

Kritias. Ein was?

Sokrates. Einen Ausschuss, gebildet aus Aristoi, der vom Senat eingesetzt wird. Sagen wir, sieben Leute. Männer und Frauen, die nie mit den Händen in der gemeinschaftlichen Kasse erwischt wurden und unter denen keiner mächtiger ist als der andere. Geben wir ihnen noch einen Menschen hinzu, der ihnen bei der praktischen Arbeit hilft. Der letzte Zug aus unserem, nun leider zu einem kümmerlichen Stummel abgebrannten, Phallos gibt mir ein, diesen Menschen Kanzler zu nennen. Oder auch Stabschef. Warum nicht. 

Kritias. Sehr interessant war mir unsere Unterhaltung, o Sokrates, aber ich muss nun weiter. Ich gehöre, wie du weißt, zu den dreißig Tyrannen, die Athen zurzeit regieren, und Tyrannsein ist anstrengend. Ständig muss man seine Feinde töten oder vertreiben und sich ihr Vermögen aneignen. Vielleicht sollte deine Xanthippe mir etwas von jenem Barbarenkraute abgeben, damit ich entspannter meinen Tyrannengeschäften nachgehen kann.

Sokrates. Ich werde es ausrichten, mein Kritias. Und mögen die Götter dir auch künftig gnädig gestimmt sein.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".