Hier müsste der Sturz organisiert werden: das Kapitol in Washington Martin Falbisoner / CC by-sa/3.0

Der letzte Akt?

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Es sieht so aus, als habe Donald Trump endgültig verloren. Doch es ist immer noch nicht sicher, dass diese Schrecken erregende Episode der amerikanischen Geschichte zu Ende geht.

Jeder Theaterbesucher kennt diesen Moment: Es ist der Augenblick vor der grossen Schlacht, wo Richard III. die Geister der von ihm Hingemordeten erscheinen und ihm zuflüstern: „Despair and die.“ Verzweifle und stirb. Es ist der Moment, wo Macbeth den Wald von Dunsinane auf sich zumarschieren sieht und sich bei dem Gedanken tröstet, dass keiner, der „vom Weibe geboren ist“, ihm etwas anhaben kann. Er weiss ja nicht, dass Lord Macduff, der Thane of Fife, durch Kaiserschnitt zur Welt kam. Oops!

Kurzum, dies scheint der Moment zu sein, in dem Donald Trump endgültig verloren zu haben scheint. Michael Cohen, der sein Mädchen für alles Schmutzige war, hat sich wegen Wirtschaftsverbrechen schuldig bekannt und im Schuldbekenntnis seinen ehemaligen Herrn und Meister als Mitwisser benannt. Er ist außerdem bereit, alles zu verraten, was er über Trump weiß. Und wenn jemand alle Geheimnisse dieses Kriminellen kennt, dann Michael Cohen. Paul Manafort ist im ersten Prozess in acht Anklagepunkten für schuldig befunden wurden, und der zweite Prozess – in dem es um Manaforts (also wohl auch Trumps) Verstrickungen mit Putins Regime gehen wird, folgt auf dem Fuße. Trump, so glauben viele Kommentatoren, ist geliefert. Diese widerliche, Schrecken erregende Episode der amerikanischen Geschichte geht zu Ende.

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Hier ist das Problem: Wall Street notiert weiter hohe Kurse. Die hervorragende Konjunktur, die Trump aus der Ära Obama geerbt hat, denkt überhaupt nicht daran, einzubrechen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist glänzend. Jene paar-zehntausend amerikanische Soldaten, die weiterhin in Afghanistan stationiert sind, interessieren keinen Menschen. So wie sich niemand dafür interessiert, dass wir im Begriff sind, diesen Krieg zu verlieren. Trumps Korruption und Inkompetenz hat zwar schon Todesopfer gefordert – mehrere tausend Menschen in Puerto Rico –, aber da die Exil-Puertoricaner in Florida sich nicht als Wähler registrieren lassen, muss Trump nicht die politische Rechnung dafür bezahlen: Es ist, als wäre diese Katastrophe in der Karibik nie passiert.

Und Trumps Anhänger – ein Drittel meiner lieben amerikanischen Landsleute – stehen immer noch treu zu ihm.

Ich sehe zwei Möglichkeiten. Möglichkeit A: Den Demokraten gelingt es im November, die Mehrheit der Sitze im Repräsentantenhaus zu erringen. Sie werden dann ein Amtsenthebungsverfahren einleiten – das aber am republikanischen Senat scheitern wird. Trump bleibt Präsident bis 2020. Und es kann gut sein, dass er dann wiedergewählt wird. Natürlich kann ein demokratisches Repräsentantenhaus ihn mit Anhörungen usw. praktisch lahmlegen. Dies wird dann aber andererseits dazu führen, dass Trump die Schuld an allem, was schiefgeht, den Demokraten zuschiebt. Mittlerweile wird sich der Handelskrieg mit China weiter zuspitzen. Und irgendwann, fürchte ich, kracht’s.

Möglichkeit B: Den Demokraten gelingt es nicht, das Repräsentantenhaus zu erobern. In diesem Fall werden die Republikaner alles tun, um die Untersuchungen, die Trumps Regime bedrohen, zu beenden. (Das versuchen sie ja schon jetzt, wo sie können.) So, wie der fehlgeschlagene Putsch gegen Erdogan dem türkischen Sultan den Vorwand verschaffte, seine Macht zu festigen, werden die Untersuchungen gegen Trump dazu dienen, sein weißes Minderheitsregime unantastbar zu machen. Und irgendwann kracht’s.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".