Abrechnung mit deutschen Trump-Fans

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Keine Komikertruppe übertrifft an Lächerlichkeit die deutschen Anhänger des amtierenden amerikanischen Präsidenten: Sie sind der absolute Superlativ.

Die Lächerlichkeit hat viele Abstufungen und Erscheinungsformen. Lächerlich sind etwa Journalisten, die nach Israel reisen, kein Wort Hebräisch und noch weniger Arabisch können und zwei Wochen nach ihrer Ankunft ganz genau wissen, wie der Nahostkonflikt zu lösen sei. Lächerlich sind auch Apo-Opas, die, nachdem sie gestern Che Guevara, Mao und Stalin gepriesen haben, heute – eigentlich ohne Zwischenstopp in der politischen Mitte – zu völkischen Verteidigern des christlichen Abendlands mutiert sind. Aber keine Komikertruppe übertrifft an Lächerlichkeit die deutschen Trump-Anhänger: Sie sind der absolute Superlativ.

Manchmal schickt mir ein Mitglied jener Fraktion eine wutschäumende Mail, weil ich sein Idol mit irgendeiner unbequemen Wahrheit beleidigt habe. Mitunter wird mir sogar mit gerichtlichen Schritten gedroht (Verleumdung etc.). Herrschaften! möchte ich dann zurückmailen. Macht Euch doch erstmal die kleine Mühe, aus- bzw. einzuwandern. Gebt Eure gutbezahlten Jobs auf, löst Eure Wohnungen auf, verschenkt Eure Möbel, unterschreibt, dass Ihr auf alle deutschen Rentenansprüche verzichtet, kündigt Eure komfortablen deutschen Krankenversicherungen (ha!), packt eure Habseligkeiten in zwei Koffer und fangt hier drüben neu an. Dann dürft Ihr meinetwegen lustige rote MAGA-Hüte aufsetzen, jeden Abend Sean Hannity auf Fox News anhimmeln, im Chor „Lock them up!“ brüllen und Schwarze und Latinos anpöbeln. Aber solange Ihr in Castrop-Rauxel, Berlin oder Augsburg wohnt, dürft Ihr allenfalls Eure blöde AfD wählen. Lasst mich mit Eurer platonischen Liebe zu Donald Trump in Ruhe! Öffentliche Masturbation gehört sich nämlich nicht.

Der blonde Messias

Besonders putzig wird es dann, wenn die deutsche Trump-Truppe mir Antiamerikanismus vorwirft. Confessio: Als ich die ersten Bilder von den kleinen Kindern sah, die unsere Behörden in Käfige gesperrt haben, dachte ich einen Moment lang tatsächlich darüber nach, ob der amerikanische Unabhängigkeitskrieg wirklich eine so gute Idee war. Vielleicht hätten wir Teil des großen britischen Empire bleiben sollen. Dann hätten wir heute die Queen auf jedem Geldschein, würden von einem Governor-General regiert und hätten ein stabiles politisches System – mit anderen Worten: Wir wären Kanada. Aber im Ernst: Richard Herzinger und ich haben ein ganzes Buch gegen den Antiamerikanismus geschrieben, das ich noch heute ziemlich gut finde. Als dieses Buch erschien, haben manche deutsche Trump-Fans noch in die Windeln geschissen bzw. Steine auf Amerikahäuser geworfen, was so ziemlich auf das Gleiche hinauskommt. Allerdings habe ich hier in Amerika erfahren, dass der brutalste, der schlimmste Angriff auf die amerikanische Republik gar nicht am 11. September 2001 erfolgte. Der rabiateste Angriff war am 12. April 1861: die Schüsse auf Fort Sumter. Damals zog sich eine Horde von Rassisten Phantasieuniformen an und entfesselte einen Bürgerkrieg, um die Sklaverei zu verteidigen. 750.000 meiner Landsleute sind zwischen 1861 und 1865 elend krepiert. An den Folgen des Bürgerkriegs laborieren wir noch heute herum. Und die ekelhafteste Flagge des Antiamerikanismus ist die Kriegsflagge der Konföderierten. Jetzt ratet mal, camerados, wer diese Flagge heute mit Inbrunst schwenkt?

Manche Trump-Anhänger schreiben mir auch höhnisch, dass ihr blonder Messias 2020 wiedergewählt wird, und sie fragen mich, was ich dann tun werde. Bitte, ich bin kein Seher. Keine Ahnung, was im November 2020 passiert. Vielleicht erstickt Trump vorher an einem Cheeseburger; vielleicht bricht die Konjunktur ein, und seinem Fanclub fällt auf, dass daran irgendwie weder Obama noch Hillary Clinton schuld sein können. Und womöglich kommt es zu einer radikaleren Reprise von 2016: Das heißt, Kamala Harris (oder wer immer gegen Trump antritt) gewinnt fünf Millionen Wählerstimmen mehr, Trump wird aber – wegen des Electoral College – trotzdem zum Präsidenten gekrönt. Ja und? Ein Schwein, dem man mit Siegerlorbeer den Rüssel kränzt, bleibt trotzdem ein Schwein. Sieg und Niederlage sind keine moralischen Kategorien. Und ich werde auf jeden Fall hierbleiben. Denn ich verabscheue Donald Trump, aber ich liebe mein amerikanisches Vaterland.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".