Wolodymyr Selenskyj auf großer Bühne Foto: Vadim Chuprina CC BY-SA 4.0

Die Tragik der Ukraine

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Ostern findet in der Ukraine die Stichwahl für das Präsidentenamt statt. Nach Umfragen liegt Newcomer Wolodymyr Selenskyj unerreichbar vor dem Amtsinhaber Petro Poroschenko. Doch die Vorstellung vom unverbrauchten, unbelasteten Kandidaten ist eine risikoträchtige Illusion, meint unsere Autorin.

Die gute Nachricht zuerst: Dieser Präsidentschafts-Wahlkampf straft alle Ukraine-Klischees Lügen. Zum Beispiel das Lieblings-Klischee deutscher Beobachter, die aber in der Regel weder die Ukraine kennen, noch ihre Landessprachen sprechen:

„Die zerrissene Ukraine“

Sprachpräferenzen zwischen Russisch und Ukrainisch oder der Wohnort der Wähler scheinen jedoch nicht der Faktor Nummer Eins beim Votum für Selenskyj gewesen zu sein: der Herausforderer hat übers ganze Land verteilt gute Ergebnisse eingefahren.

Die zweite Erkenntnis aus dem ersten Wahlgang war, dass Poroschenkos Wahlkampf mit der Parole „Sprache – Glaube – Armee“ und einem Grußwort für einen „Familienkongress“ mit Anti-Gender“-Botschaft nicht mal mehr in der Westukraine verfing. Nur im Bayernland der Ukraine, in den beiden traditionell nationalkonservativ wählenden Bezirken Lwiw (Lemberg) und Ternopil, konnte Poroschenko sich mit seiner staatstragenden Botschaft auf Platz 1 durchkämpfen. Womit das zweite Klischee geschleift wäre, nämlich das von der Anfälligkeit der Ukrainer in ihrer Gesamtheit für rechte Programmatik, gar Antisemitismus.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Mehr Ukrainer vertrauen einem russischsprachigen Komiker mit jüdischem Familienhintergrund, als einem nationalpatriotischen Oligarchen. Man könnte meinen, dass solch eine Präferenz für Buntheit der Ukraine zur Ehre gereiche.

Poroschenkos Schwäche ist Selenskyjs Stärke

Jedoch liegen die wirklichen Motive, für Selenskyj zu stimmen, nicht in einem Faible der Wähler für ukrainisches Multikulti. Vielmehr ist Selenskyj so stark, weil Poroschenko so schwach ist – gleichwohl nicht nur aus eigenem Verschulden. Dem Präsidenten ist es nicht gelungen, den Krieg an der Ostgrenze zu beenden und die abgetrennten Gebiete heimzuholen. Doch das kann man nicht ihm allein ankreiden. Der Schlüssel zur Beendigung dieses Krieges liegt im Kreml. In dessen genuinem Interesse liegt jedoch nicht die Befriedung, sondern die Fortführung des Konflikts und die Destabilisierung der Ukraine. Das wird sich aller Voraussicht nach erst ändem, wenn entweder in Moskau Putin abtritt oder in Kiew eine russophile Regierung an die Macht kommt, sagen wir also: nicht so bald.

Auch ist es Poroschenko nicht gelungen, seine Anhänger von 2014 über Sachthemen zu mobilisieren. Die Chance, im Wahlkampf auf durchaus gelungene Projekte seiner Amtszeit zu verweisen – in den Sektoren Gesundheit, Bildung, bei der Kommunalreform, der Bankenreform, der Gasmarktreform – hat er mutwillig fahrenlassen. Im Gedächtnis haftengeblieben jedoch ist sein mangelndes Interesse an der Korruptionsbekämpfung und am Umbau der Justiz, der dafür unerlässliche Voraussetzung ist.

Transfaktischer Wahlkampf

Bei Selenskyj hingegen ist zweifelhaft, ob man überhaupt von einem „Wahlkampf“ sprechen kann. Denn dieser Kandidat macht sich unangreifbar, indem er sich nicht greifbar macht. Er steht schlechthin für politische Aussagen nicht zur Verfügung. Nachdem er Poroschenko mit großem Brimborium herausgefordert hatte, in einem Kiewer Stadion zu debattieren, und der Präsident unerwarterweise darauf einging, verflüchtigte sich der Comedian Richtung Paris, und schenkte Poroschenko einen Solo-Auftritt.

Viele selbsternannte Selenskyj-Experten im „Nichts-Neues-unter-der-Sonne“-Modus verweisen auf die US-Präsidenten Reagan und Trump, die immerhin auch aus Showbiz und Bling-Blang in die Politik eingewandert seien. Doch hatte Reagan bereits Erfahrung im Politgeschäft, als er Präsident wurde, und Trump machte wenigstens Wahlkampf mit Themen – wenn er auch log und prahlte, dass die Schwarte krachte.

Selenskyj dagegen braucht nicht mal mehr Themen – das, was von seiner Person gut ankommt, ist weder ein Thema noch er selbst, sondern seine Rolle. Ein beträchtlicher Teil der ukrainischen TV-Konsumenten ist davon überzeugt, er sei bereits einmal Präsident gewesen, weil sie Selenskyj in einer Comedy-Soap gesehen haben, in der er einen vom Lehrer zum Präsidenten aufgestiegenen netten Menschen von nebenan mimt.

Selenskyj hält sich, anders als Trump, Orbán, Erdogan und Putin, nicht mehr mit alternativen Fakten oder Fakes auf – er bewegt sich gleich jenseits aller Fakten, indem er überhaupt keine mehr aufbringt. Damit dürfte er ein neues Kapitel in der Weltgeschichte der virtuellen Politik aufgeschlagen haben: das erste Beispiel für einen erfolgreichen transfaktischen Wahlkampf.

Diese Innovation ermöglicht es ihm, zur Projektionsfläche unerfüllter Wünsche zu werden. Über den politischen Querelen stehend, aber mit dem Ohr am Volk. Während die einen alle Übel der Korruption und des Krieges auf den amtierenden Präsidenten zurückführen und Selenskyj als Gegenentwurf schätzen, glauben die anderen an Tabula Rasa, Neuanfang und „junges Team“ – ohne aber genau zu wissen, wie dieses Team aussieht und welches Programm es hat.

Hinter Poroschenko stehen Fakten, wenn auch viele davon unerfreulich sind – hinter Selenskyj stehen freundliche Illusionen. Dass sich im Schutze der Fassade vom „unverbrauchten“ Kandidaten in Wirklichkeit bereits eine neue Oligarchen-Formation warmläuft, die dem politisch bislang sprachlosen Schauspieler beizeiten das richtige Wort in den Mund legen wird, darf als sicher gelten.

Die Selenskyj -Show

Die einzige Quelle, aus der man schöpfen kann, um wenigstens indirekt etwas über Selenskyjs politische Positionierung zu erfahren, sind seine Fernsehshows. Dort gibt er eine Art ukrainischen Mario Barth, und seine Witze wandern häufig an der Fußleiste entlang, besonders wenn es um Frauen oder Sex geht.

Doch seine besondere Spezialität ist die Verspottung des eigenen Landes, gerne auch auf russischen Bühnen. Für viele Ukrainer hörte der Spaß auf, als Selenskyj die Ukraine und die Schaukelpolitik ihrer politischen Führungen mit einer Prostituierten verglich, die es „von vorne und hinten“ mache. Gerne parodiert er die ukrainischsprachigen Ukrainer als bäurisch und beschränkt.

Das mag im Zeitalter einer blühenden urbanen Pop- und Netzkultur in ukrainischer Sprache zwar seltsam angemufft daherkommen, bedient aber trefflich sowohl russische Ukraine-Stereotypen als auch die Auto-Stereotypen jener postsowjetischen Ukrainer, deren Lebensgefühl von wechselnden politischen Bindungen, multiplen kulturellen Identitäten und ökonomischer Ungewissheit geprägt ist.

Doch während die Ukrainer dieses Unsicherheitsgefühl im Lachen über den autostereotypen Witz kompensieren, nehmen die Russen die Selenskyjschen Ukraine-Karikaturen für bare Münze. Denn auch sie halten ja die Ukrainer für bäurisch, nationalistisch und primitiv, für bauernschlau, aber nicht für intelligent. Sie nehmen Selenskyj seine Klischees gerne ab, doch sein Erfolg dient ihnen gleichzeitig als jüngster Beleg dafür, dass die Ukrainer zur Staatsbildung unfähig seien: wer schon wählt einen derart unpatriotischen Kandidaten zum Präsidenten? Das zu verstehen fälllt den Russen schwer, die erstens überhaupt keine freie Wahl zwischen irgendwelchen Kandidaten haben, und zweitens seit fünf Jahren bis zur kollektiven Ertaubung mit patriotischer Staatspropaganda zugedröhnt werden.

Die Tragik der Ukraine

Die Tragik der Ukraine besteht darin, dass ihre Bürger zwischen Selenskyj-Show und Wahlkabine nicht unterscheiden, und ihren Witz, ihre Selbstironie und ihre Risikofreude zur Unzeit kultivieren.

Es nutzt ihnen überhaupt nichts, überlegene Zivilität durch Applaus für Zelenskyjs postkoloniales Schmierenkomödiantentum zu demonstrieren. Jedes Land könnte es sich mehr leisten, sich selbst durch den Kakao zu ziehen – die Ukraine kann es nicht.

Denn während eine Mehrheit der Ukrainer mit Zelenskyj übers eigene Land, über die Sprache der Väter, die eigene Kultur lacht, und dem bräsigen Sprache-Armee-Kirche-Patriotismus Porošenkos den Webteppich unter den Füßen wegzieht – stehen an ihren Grenzen aggressive Patrioten.

Aggressive Patrioten, die von ihrem Land, ihrer Sprache, ihren Vorvätern, ihrer Armee, ihrer Kirche chauvinistisch trunken und zu hundertfünfzig Prozent überzeugt sind. Aggressive Patrioten, die bereit sind, die Ukraine samt ihrer Selbstironie und ihrem Komiker-Präsidenten-Darsteller einzustampfen.




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.