Beim Abflug in Bangkok begegnete Deana Mrkaja vermummten Passagieren Deana Mrkaja

Einreisen in Berlin in Zeiten von Corona: Nichts leichter als das

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Nach mehreren Wochen in Asien landete unsere Autorin mit einer der letzten noch fliegenden Airlines in Berlin. Sie erwartete starke Kontrollen , doch passiert ist: nichts.

Als ich Ende des vergangenen Jahres beschloss, für einige Zeit durch Asien zu reisen, erklärten mich Freunde und Familie für verrückt. Ich wollte nämlich als Wetterflüchtling nicht nur dem Winter entfliehen und ins warme Südostasien reisen, sondern auch nach China. Nachdem ich ungefähr 16 Stunden brauchte, um alle Fragen für das Visum zu beantworten, ich zudem zwei Mal das chinesische Konsulat aufsuchen musste, hatte ich das Ding endlich in meinem Pass kleben. Zwar wütete da bereits Corona in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan, doch ich war mir sicher, die Lage würde sich beruhigen, bis ich dort eintreffe. Dass die Situation jedoch derart eskalieren und Europa zum Epizentrum der Corona-Ausbreitung werden könnte, damit habe ich nicht gerechnet.

Vier desinteressierte Polizeibeamte auf dem Rollfeld

Was mich jetzt nach meiner Rückkehr nach Deutschland schockiert, ist nicht mehr nur allein die Tatsache, wie viele Infizierte es mittlerweile in diesem Land gibt, sondern insbesondere, wie wenig interessiert das Flughafenpersonal in Schönefeld war, als wir am vergangenen Donnerstag dort landeten. Nach also einigen Wochen in Asien und einem halben Tag in Moskau, wo ich im Übrigen nirgendwo auch nur einen Hinweis auf Corona entdecken konnte, warteten bereits auf dem Rollfeld vier Polizeibeamte. Das beeindruckte mich, weil ich kurz dachte: „Die Deutschen mal wieder. Gut organisiert wie immer.“ Doch anstatt irgendjemanden zu seiner Reisehistorie oder möglichen Symptomen zu befragen, schauten die Beamten nur, ob der Pass ein deutscher war.

Wie kann es sein, dass wir in der jetzigen Zeit wie bei einem Spaziergang nach Deutschland einreisen? Ich hatte das Gefühl, ich könnte auch aus Wuhan gelandet sein und niemanden hätte es interessiert. Kein Blick in den Pass, um zu erfahren, wo man sich überall aufgehalten hat, kein Fieber Messen, keine Fragen, die Beamten trugen weder eine Maske noch Handschuhe. Und das obwohl ich selbst meinen eigenen Pass nicht mehr ohne Handschuhe anfassen würde, nachdem er durch sämtliche Hände weltweit gegangen ist. Halten wir fest: Unsere Kanzlerin beteuert den Ernst der Lage, Deutsche werden aus der ganzen Welt mit Rückholaktionen zurück nach Hause gebracht, die Leute hier hamstern, als stünde der nächste Krieg an, es gibt ein Kontaktverbot und die gesamte Wirtschaft wurde lahmgelegt – und trotzdem lassen wir Menschen einfach ins Land spazieren?

Manch einer sagte mir bereits, dass es auf die paar Menschen, die nun noch ins Land reisten, nicht mehr ankäme, da es sowieso schon so viele Infizierte gäbe. Doch Fakt ist auch, dass auch vor drei oder vier Wochen niemand bei der Einreise kontrolliert wurde – zu einem Zeitpunkt, als jeder Einzelne noch zählte. Oder zumindest hätte zählen sollen. Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass ein Bekannter von mir vor einer Woche eine deutsche Landesgrenze ohne jegliche Kontrolle mit dem Auto passiert, obwohl er gerade aus dem italienischen Epizentrum kam?

Südostasien geht mit gutem Beispiel voran

Ich weiß, dass es in einer Demokratie wie der unseren nicht möglich ist, Menschen einfach abzuriegeln, wie das in der chinesischen Provinz Hubei geschehen ist. Und dafür bin ich auch sehr dankbar. Dennoch können wir uns an Ländern wie Thailand, Malaysia, Singapur oder sogar Kambodscha orientieren. Ich sage „sogar“, weil Kambodscha ein Entwicklungsland ist und auf dem Human Development Index des vergangenen Jahres Platz 146 von 189 belegt – sogar hinter Bangladesh und dem Kongo. Trotzdem wurde bei mir dort bei der Einreise Fieber gemessen, nach Symptomen oder möglichen Kontakten mit Infizierten gefragt und mein Aufenthalt in den vergangenen 14 Tagen genauestes überprüft. Menschen, die das Virus möglicherweise in sich tragen, wurden in Quarantäne geschickt. Ähnliches erlebte ich auch in vielen anderen Ländern Südostasiens. Teilweise musste sogar ein Gesundheitsnachweis eines Arztes bei der Einreise vorgelegt werden, der nicht älter als 14 Tage sein durfte – wie beispielsweise in Thailand.

Was mich zudem beeindruckte, war der Umgang der Bevölkerung mit Ansagen der Regierung. Regeln wurden einfach befolgt: Nicht mehr als zwei Menschen gemeinsam auf der Straße und auch in keinen Parks, Masken tragen, Abstand halten, keine Hamsterkäufe und überall gab es an jeder Straßenecke Händedesinfektionsmittel zur freien Verfügung. Zudem wurde in allen öffentlich zugänglichen Einrichtung beim Betreten Fieber gemessen. Jetzt könnte man auch hier von Kulturunterschieden reden und davon, dass es sich bei diesen Staaten um nicht voll entwickelte Demokratien handelt. Doch wer mit diesem Argument kommt, dem bringe ich Taiwan entgegen. Ein demokratischer Staat, der es durch kluge und transparente Maßnahmen geschafft hat, das Virus einzudämmen, bevor es sich überhaupt ausbreiten konnte. Mit strengen Kontrollen bei er Einreise, massenhaften Fiebermessungen und Prüfungen der Reiseroute von Touristen. Es funktioniert also.

Ich bin nicht nur dankbar für die Freiheit in der wir leben, sondern liebe es, dass wir ein solches Leben haben dürfen. Wenn ich jedoch in Berlins Parks schaue und merke, wie ignorant viele Menschen sind, verlässt mich die Hoffnung auf die Vernunft der Bevölkerung zu setzen bei dieser Pandemie. Es ist ein wenig wie beim Klimawandel: Ohne Verbote wird es wohl nicht funktionieren. Leider.

Und bevor jetzt jemand schreit, ob es mir lieber gewesen wäre, direkt 14 Tage in staatliche Quarantäne zu kommen, dem kann ich sagen: Ja, wäre es.




Deana verbrachte den Großteil ihrer Kindheit im Garten ihrer Großeltern in Sarajevo. Sie findet es schade, dass ihr Nachname nicht auf „ić“ endet. Das Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Paris dauerte länger als geplant, doch brachte es sie über Umwege zum Journalismus. Sie war unter anderem für die taz, Focus Online und das ZDF tätig. Als Head of Social Media arbeitete sie für die Berliner Morgenpost und als Senior Audience Development Manager für das Handelsblatt. Daneben realisierte sie in den vergangenen Jahren unterschiedliche innovative journalistische Projekte - zu einem großen Teil gemeinsam mit Chapter One. Heute arbeitet Deana als freie Journalistin und Social Media-Profi für unterschiedliche Medien, doziert an der Akademie für Publizistik in Hamburg und hat sich als Zukunftsforscherin in der Beratung selbstständig gemacht. Zudem verfolgt sie mit ihrer Bewegung "Leyla" das Ziel, mit dem Einsatz von Kunst gewaltfreien, politischen Aktivismus zu antizipieren und damit nachhaltige soziale Veränderungen zu erreichen.