Symbiotische Lebensgemeinschaft: Vater mit Kind Steven Van Loy/Gemeinfrei

Drei Dinge, die mein Sohn mich gelehrt hat

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Seit unser Autor Vater geworden ist, sieht er die Welt mit anderen Augen. Und wundert sich seither über prügelnde Eltern, Ideologie beseelte RAFler – und die Familie von Johann Sebastian Bach.

Es gibt Worte für das, was ein Vater fühlt, wenn sich sein Kind in seine Arme kuschelt. (Natürlich gilt dasselbe für Mütter, aber ich rede hier von mir.) Gewiss, es ist Liebe, aber Liebe von einer ganz bestimmten Art – Liebe, die sanft, aber bestimmt alle Begriffe sprengt. Gleichzeitig ist es ein Stolz, der sich durch kein Argument bändigen lässt. (Mein Sohn ist fünf und spielt Vivaldi auf dem Klavier! Tatsache!) Gleichzeitig ist es Furcht. Der Gedanke, dass ihm etwas zustoßen könnte, lässt sich nicht ertragen. Offenbar verfolgt mich die Sorge bis in meine Träume – meine Frau berichtete vor ein paar Nächten, dass ich im Schlaf entsetzt „Nein, Yonatan! Nein!“ ausgerufen habe. Auf Deutsch übrigens.

Amerikanische Studenten verlangen bekanntlich, dass Bücher und andere Kunstwerke mit „trigger warnings“ versehen werden sollten. „Vorsicht! In diesem Buch wird das N-Wort verwendet!“ (Huckleberry Finn) Oder: „Vorsicht! In diesem Roman geht es um die Vergewaltigung einer Minderjährigen!“ (Lolita) Natürlich ist das doof, aber eigentlich wünschte ich mir, es gäbe solche „trigger warnings“ auch für Eltern: „Vorsicht! In diesem Kunstwerk kommt ein Kind zu Schaden!“ Nehmen wir etwa den Film „Gravity“ von Alfonso Cuarón, der vor fünf Jahren in die Kinos kam. Ich schaute ihn mir an, weil er die Möglichkeiten dessen dramatisch erweitert, was die Kinokunst heute kann: Er zeigt realistisch, was unter Bedingungen von „microgravity“ im Weltraum passiert. Außerdem wird in „Gravity“ eine tolle Abenteuergeschichte erzählt und, als wäre das noch nicht genug, spielt die wunderbare Sandra Bullock zudem die Hauptrolle. Kurzum, ein großartiger Film.

Popcorn, Hollywood und Tränen

Es war das erste Mal seit der Geburt unseres Sohnes, dass ich – sozusagen – Ausgang hatte; er war damals noch ein Baby, gerade mal acht Monate alt. Nichts ahnend und Popcorn mampfend saß ich im Kino. Nach ungefähr dreißig Minuten erfahren wir nun aber, dass die Heldin eine „backstory wound“ hat, wie sie für Hollywoodfilme typisch ist. (Eine Erklärung dieses Terminus’ findet sich in Michaela Krützens Standardwerk „Dramaturgie des Films: Wie Hollywood erzählt“; eine herrliche Parodie in dem Puppentrickfilm „Team America“.)

Die „backstory wound“ der Heldin von „Gravity“ ist, dass sie ihr Kind verloren hat: Ihre Tochter ist im Alter von vier Jahren auf dem Spielplatz auf den Kopf gefallen und war tot. Und diese Informationsgranate platzt in dem Film einfach so, ohne jegliche Warnung! Selbstverständlich fing ich sofort an zu weinen. Selbstverständlich schauten mich die Leute um mich herum an, als hätte ich meinen Verstand verloren. Und das hatte ich ja auch, wenn man die Sache bei klarem Licht betrachtet. Als ich nach Hause kam, fragte meine Liebste, ob ich mich gut amüsiert hätte. „Ja“, sagte ich. „Ich bin fix und fertig.“

Wie hat Bach das ertragen können?

Es gibt drei Dinge, die ich, seit ich Vater geworden bin, nicht mehr verstehe. Das erste findet sich in einer Biographie von Johann Sebastian Bach, die ich vor ein paar Jahren gelesen habe – eine Liste der Kinder von Maria Elisabeth und Johann Ambrosius Bach. Um es kurz zu machen: J.S. Bach hatte sieben Geschwister. Von denen sind vier als Kinder gestorben – ein Bruder als Baby, eine Schwester mit sechs Jahren, noch ein Bruder mit zehn, ein Bruder als 18-Jähriger. (So viel zur guten alten Zeit. Eine Kindersterblichkeit von fünfzig Prozent war am Ende des 17. Jahrhunderts die Norm, nicht die Ausnahme.)

Meine Frage ist: Wie haben die Eltern das ausgehalten? Haben sie ihre Kinder weniger geliebt, um nicht kaputtzugehen? Oder haben sie später angefangen, sie zu lieben, und sich eingeredet, das kleine Würmchen da in ihrem Arm sei noch kein richtiger Mensch, so wie wir uns heute einreden, ein Fötus sei noch kein Mensch? Oder was? Ich begreife es nicht. Wenn – Gott behüte! – meinem Kind etwas zustoßen sollte, wäre mein kleines Leben zu Ende. Lieber foltern lassen, eigentlich alles lieber, nur DAS nicht.

Zweitens verstehe ich nicht mehr, wie Leute es fertigbringen, ihre Kinder zu schlagen. Selbstverständlich geht mir unser kleiner Liebling gelegentlich enorm auf den Wecker. Selbstverständlich hat er längst heraus, wie er die Temperatur so heraufdrehen kann, dass er mich zur Weißglut bringt. Ich idealisiere Kinder nicht: Sie sind nicht NUR süß, sie können auch klein und gemein sein und lügen wie Donald Trump. Manchmal brülle ich (und das tut mir dann jedes Mal schon leid, während ich noch mit dem Aus-Der-Fassung-Geraten beschäftigt bin).

Aber ihn SCHLAGEN? Ein Wesen, das mir so völlig und bedingungslos vertraut? Das mir schon gesagt hat: „Daddy, ich hab dich lieb?“ Das die Arme um mich schlingt und mir Küsse gibt? Wie geht das? Wer könnte das, ohne hinterher verzweifelt das Gesicht in den Händen zu bergen? Und doch sind jene Länder, in denen das Schlagen von Kindern als Verbrechen geächtet wird, in der Minderzahl; das muss ja wohl bedeuten, dass die Mehrheit der Eltern auf diesem Planeten prügelt. Eine unfassbare Gewissheit.

Der Trick von Roland Jahn

Drittens verstehe ich nicht mehr: die RAF. Zu den vielen Abscheulichkeiten, die die Terroristen verübt haben, gehört auch diese — sie haben, als sie „in den Untergrund gingen“, kalt und brutal und schnell ihre Kinder abgeschoben. Es gibt KEINE Sache, für die ich meinen Sohn opfern würde. Keine. Oder? Denn natürlich ist das auch eine Schwäche, die eine tyrannische Obrigkeit ausnützen kann.

Roland Jahn – der Chef der Stasi-Akten-Behörde – hat mir mal erzählt, wie ihm die Stasischweine im Verhör Bilder seiner kleinen Tochter zeigten, mit dem Tenor: Wenn Sie hier solche Sperenzchen machen, dann müssen Sie damit rechnen, dass Sie für Jahre im Knast verschwinden und Ihr Kind nicht wiedersehen. Roland Jahn erzählte mir, sein psychologischer Trick sei damals gewesen, das Ganze im Kopf herumzudrehen und sich zu sagen: Ich mache das hier für sie. Damit mein Kind in einem guten Land aufwächst, nicht in einem Diktaturstaat.

Ob ich das könnte? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und jetzt muss ich Schluss machen, denn ich muss meinem Sohn ein Gutenachtbuch vorlesen.


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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".