San Juan, Puerto Rico (September 2017) U.S. Department of Agriculture / Public Domain

Im Stich gelassen

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Seine Unterstützer und Apologeten halten Trump für den Vater des amerikanischen Börsenhochs. Dabei kann der Präsident noch nicht mal ein Unwetter bewältigen. Die Folge sind Todesopfer.

Das Idioten-Argument zugunsten von Trump lautet, der Mann könne doch so schlecht nicht sein, immerhin erlebten die amerikanischen Aktienkurse unter ihm einen Höhenflug. Idiotisch ist dieses Argument deshalb, weil nicht nur der DOW, sondern auch der Nikkei- und der Hang-Seng-Index und der DAX kräftig zugelegt haben. Alles vom großen Donald verursacht? Beeinflusst der amerikanische Präsident auch das Wetter?

Unterdessen sind die ersten Opfer der Trumpokratie zu beklagen. Mit „Opfer“ sind hier buchstäblich Tote gemeint; und es handelt sich nicht um Linke, nicht um Schwule, nicht um Transsexuelle. Es sind Puerto Ricaner, die, nachdem der Hurrikan „Maria“ über das Eiland hinweggefegt war, von der amerikanischen Bundesregierung im Stich gelassen wurden.

Nein, ich rede nicht vom Wetter. Es geht um verseuchtes Trinkwasser, um die Tatsache, dass weite Teile der Insel heute – drei Monate nach dem Ende der Naturkatastrophe – immer noch im Dunklen liegen, um ein Lazarettschiff der amerikanischen Kriegsmarine, das Tausende hätte versorgen können und nie richtig zum Einsatz kam; es geht um Container mit Lebensmitteln, die am Hafen herumliegen und nicht ins Landesinnere gelangen. Es geht auch um eine Klausel in der monströsen neuen Steuergesetzgebung, nach der Puerto Rico künftig wie Ausland zu behandeln sei, indem Einfuhrzölle auf Produkte aus puerto-ricanischen Manufakturbetrieben erhoben werden sollen. Niemand weiß, wie viele Opfer es mittlerweile sind. Die „New York Times“ geht von mindestens 1000 aus, ich halte das für zu niedrig gegriffen.

Ein Abgrund von Inkompetenz

Wie die Regierung Trump mit unseren amerikanischen Mitbürgern in der Karibik umgeht, während die Kameras abgeschaltet sind, ist Grund, sich zu fürchten: Wir blicken in einen Abgrund von Inkompetenz. (Und diese Leute wollen die Koreakrise bewältigen!) Es ist außerdem Grund, wütend zu werden: Denn der alte, syphilitische Mafia-Don in Washington interessiert sich ja ganz einfach deswegen nicht für die Leute in Puerto Rico, weil sie Spanisch sprechen und keine Weißen sind. Zu schlechter Letzt gibt es auch Grund, sich zu schämen, jedenfalls wenn man Amerikaner ist – schließlich handelt Trump in unser aller Namen. Hier ein aufwühlender Bericht aus dem „New York“-Magazin (das links ist, aber gewöhnlich sehr sorgfältig recherchiert).

Es gibt nur einen Lichtblick in dem Desaster. Hunderttausende sind bereits aus Puerto Rico geflohen, es werden wohl noch mehr Flüchtlinge werden. Solange sie auf Puerto Rico leben, dürfen sie nicht bei den Präsidentschaftswahlen mitwählen, und sie entsenden niemanden in den Kongress (Puerto Rico ist de facto unsere Kolonie). Aber sobald die Puerto Ricaner sich in einem der fünfzig Bundesstaaten angesiedelt haben, können sie sich vor Ort in die Wählerlisten eintragen. Ich hoffe sehr, dass sie das en masse tun – und 2018 den Albtraum dieser Präsidentschaft beenden helfen.

PS Spenden kann man zum Beispiel hier.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com