Detail eines Farbdruckes der Gelbfieber- oder Denguemücke Aedes aegypti / Original v. Emil August Goeldi (1859-1917) A. Goeldi (1905) Gemeinfrei

Ende eines Gentechnik-„Skandals“

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Die von den Salonkolumnisten thematisierte Falschdarstellung der Gentechnik-Mücken hat zu Berichtigungen geführt. Doch der Schaden bleibt.

Zu unserem Stück („Fucking Irresponsible„) über die einseitige, handwerklich schlecht gemachte und in Teilen grob falsche Interpretation einer am 10. September publizierten Studie in Scientific Reports  (die ihrerseits fragwürdig war), gibt es Neuigkeiten.

Als erstes reagierte der im Beitrag kritisierte Verein mimikama. Am 23.9.19 korrigierte er seinen Beitrag als Reaktion auf die Berichterstattung der Salonkolumnisten (s.o.) und einen Bericht der Wissenschaftsjournalistin Kathrin Zinkant in der „Süddeutschen Zeitung“.

Am 24. September berichtet das brasilianische Science Question Institute (IQC) in seinem digitalen Magazin Revista Questão de Ciência, dass am 20. September sechs der insgesamt acht brasilianischen Autorinnen und Autoren des in Rede stehenden Artikels in Scientific Reports die Rücknahme des Artikels gefordert haben, da sie an der Endfassung und Veröffentlichung des abgedruckten Texts nicht beteiligt gewesen seien und diese auch nicht genehmigt hätten.

Der in der Fachzeitschrift abgedruckte Text entspräche weder den von ihnen vorgelegten Ergebnissen noch dem ursprünglichen Wortlaut des Manuskripts. In dem von Scientific Reports veröffentlichten Text fehle ein entscheidender Satz:

„Es gibt keine transgenen Mücken am Himmel von Bahia!“

Co-Autor Paulo Andrade, Professor an der Universität Pernambuco, sagte dem Magazin, der in Scientific Reports veröffentlichte Artikel sei in Bezug auf die geschilderten Risiken und durch den Gebrauch von „alarmistischer Sprache“ verantwortungslos spekulativ und für die Verwendung des Ausdrucks „Gentransfer“ fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Schlagzeilen wie „Dengue-Super-Mücken in Bahia“, „Transgene Mückennachkommen sterben nicht“, „In Brasilien vermehren sich transgene Mücken“ und „Genetische Veränderungen werden weitergegeben“ seien dementsprechend irreführend. Im übrigen bestätigen die Autoren die im Salonkolumnisten-Beitrag vorgetragene Kritik.

Die brasilianische Autorengruppe verlangt jetzt die Rücknahme des in Scientific Reports veröffentlichten Artikels und beabsichtigt, die Daten in einer anderen Zeitschrift und ohne Beteiligung des für die Veröffentlichung verantwortlichen US-Forschers Jeffrey Powell zu veröffentlichen. Jeffery Powell, korrespondierender Autor der Scientific Reports-Studie, hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.

Der Artikel (Coautora repudia artigo polêmico sobre mosquitos transgênicos) aus Revista Questão de Ciência findet sich hier im Wortlaut.

Auch die von den Salonkolumnisten kritisierte Deutsche Presseagentur dpa hat die ursprüngliche Meldung am 25.9.19 abends abgeschwächt (übernommen wurde sie z.B. hier), die Ereignisse in Brasilien jedoch nicht aufgenommen. Thens Verein „Testbiotech e.V.“ wird noch immer falsch als „Institut“ bezeichnet, erhält aber den erläuternden Hinweis, es handle sich um eine „eher gentechnik-kritisch eingestellte“ Einrichtung. Erwähnung findet jetzt auch die Stellungnahme der Firma Oxitec, die die Mücken herstellte und freisetzte.

Ebenfalls holte dpa, die von den Salonkolumnisten dafür kritisiert wurde, keinen neutralen Experten konsultiert zu haben, eine Stellungnahme des Göttinger Entwicklungsbiologen Prof. Dr. Ernst A. Wimmer ein, der der Nachrichtenagentur sagte, es hätten sich „wie erwartet zwar Teile des Genoms der Oxitec-Mücken mit dem der Wildpopulation vermischt, ob darunter auch die neu eingesetzten Gene waren, zeige die Veröffentlichung nicht.“

„Tagesschau“ und „Deutsche Welle“ reagierten bislang nicht.

Wirre Weiterdrehe

Der Schaden durch die handwerklich schlecht und journalistischen Mindeststandards nicht genügende Erstmeldung der Deutschen Presseagentur ist trotz aller Korrekturversuche angerichtet. So titelte das von Pro7 ausgestrahlte „Wissenschaftsmagazin“ „Galileo-TV“ noch gestern: „Millionen mutierte Moskitos freigesetzt – Forscher sprechen von einer ‚weitgehend unkontrollierbaren Situation‘“ (eine Äußerung des Anti-Gentechnik-Aktivisten Then, der in der ersten dpa-Meldung als Forscher vorgestellt wurde). Weiter heißt es: „Dieser Versuch ist gänzlich aus dem Ruder gelaufen. In Brasilien haben Forscher des britischen Unternehmens Oxitec eine genmanipulierte Moskitoart erschaffen und in die freie Natur ausgesetzt.“

Auch der „Stern“ stellt Thens Verein unter Berufung auf dpa noch immer als „Forschungsinstitut“ vor und zitiert Then mit der Äußerung, die Freisetzung habe zu einer „unkontrollierbaren Situation“ geführt. „Focus Online“ titelt „Versuch lief aus dem Ruder – ‚Unkontrollierbare Situation‘: Forscher setzen Millionen mutierte Moskitos aus“. In dem zugehörigen Video heißt es wirr, „einige der genmanipulierten Nachkommen überlebten, entwickelten eine Resistenz gegenüber dem eingesetzten Erbgut [sic!], welches sie eigentlich töten sollte und verbreiteten sich in der Region. Dadurch wurden die Insekten noch widerstandsfähiger.“ Möglicherweise seine die Insekten jetzt robuster und resistent gegen Insektizide. „Damit ist der Kampf gegen die Krankheitserreger noch schwieriger geworden.“ 

Auch sonst stimmt in dem Video nichts: Der Name des Unternehmens wird falsch geschrieben und die Studie der Fachzeitschrift „Nature“ zugeschrieben.

Kritische Fragen stellen lassen müssen sich aber auch das Bundesumwelt- und das Bundesforschungsministerium. Das SPD-geführte BMU erteilte Then, dem Stichwortgeber all dieser Falschmeldungen und Quelle der alarmistischen Zitate, eine Zuwendung von über 200.000 Euro, damit er eine „eine „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt (FGU)“ einrichten kann, die mit ministeriellem Segen die Öffentlichkeit unvoreingenommen über Gentechnik „informieren“ soll. Das CDU-geführte Bundesforschungsministerium  finanziert Thens Verein mit 73.500 Euro  für die  „prospektive Erforschung ökologischer Gefährdungsdimensionen, die sich auf der Basis neuer gentechnischer Entwicklungen mit gezielter Freisetzungsabsicht eröffnen.“

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Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.