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Impeachment

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O, what a beautiful morning

Manchmal mache ich mir den traurigen Spaß, auf „FivethirtyEight“ die jüngsten Ergebnisse der Meinungsumfragen nachzuschauen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Etwas mehr als die Hälfte meiner Landsleute findet Donald Trump abscheulich. Und ungefähr ein Drittel der Amerikaner – nie weniger als 35 Prozent, nie mehr als 45 – steht in Nibelungentreue fest zu ihrem Präsidenten. Die zwei Linien sehen aus wie die Ströme eines Hirntoten. Der Patient hat längst seinen vegetativen Status erreicht.

Ich lehne mich hiermit ganz weit aus dem Fenster und prophezeie: Daran wird auch das Amtsenthebungsverfahren nichts ändern, das die Demokraten unter Nancy Pelosi im Repräsentantenhaus eingeleitet haben.

Erinnern wir uns kurz, dass die Ermittlungen gegen Bill Clinton in den Neunzigerjahren seinerzeit mit einem schiefgegangenen Immobiliendeal (der „Whitewater-Affäre“) begannen und mit der Logik eines hin- und herdotzenden Flipperballes endlich bei der armen Monica Lewinsky landeten (dem eigentlichen Opfer von Kenneth Starr). Und stellen wir uns nun vor, einer der sechs Untersuchungsausschüsse, die im Moment gegen den amerikanischen Präsidenten ermitteln, fördert ein Videoband zutage, das ihn beim Geschlechtsverkehr mit seiner Tochter zeigt. Glaubt jemand im Ernst, dies würde Trumps Anhänger veranlassen, von ihrem Idol abzufallen? Nachdem weder die Enthüllungen über seine Russlandkontakte noch seine dreisten Lügen noch seine offenkundige Korruptheit noch ein glaubwürdiger Vergewaltigungsvorwurf sie sonderlich beeindruckt haben? Leute, wir haben es mit einem Kult zu tun. Und Kulte brechen auf zwei Arten zusammen:

So lange der Kult um Trump nicht zusammenbricht, werden die Republikaner im Kongress ihm hündisch ergeben sein. Das heißt: Es wird kein Impeachment geben. Es kann sogar sein, dass das Amtsenthebungsverfahren Trump nützt – denn nun kann er sich endgültig als Opfer des „Deep State“ darstellen, dem die bösen, bösen Eliten in Kalifornien und an der Ostküste nach dem Leben trachten.

Unterdessen geht natürlich der Alltag weiter. Heute morgen habe ich meinen Sohn zur Schule gebracht: Er ist jetzt schon sechs und findet es peinlich, wenn sein Daddy ihn zum Abschied herzt und küsst – also müssen wir das erledigen, wenn gerade keine anderen Kinder zuschauen. Wir erleben in New York gerade einen glorreichen, einen blauen und goldenen Herbst. Auf dem Nachhauseweg spazierte ich am Van-Cortlandt-Park vorbei und musste mich schwer zusammennehmen, um nicht lauthals das Lied „O what a beautiful morning“ (aus dem Musical „Oklahoma!“) zu schmettern.

Und zuhause pflückte ich von dem Tomatenstrauch vor unserem Haus die erste reife Frucht.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".