Es ist die Grausamkeit

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Warum die Rechte in und außerhalb Amerikas Donald Trump bewundert.

Es ist schwer, sich ins Gedächtnis zu rufen, wann die Mehrheit der linken Intellektuellen Europas von der Sowjetunion schwärmte: Es war nicht in den Sechzigerjahren – da galt die SU längst als langweilig, bürokratisch, erstarrt, und man musste schon zu einer von den winzigen und sehr tantenhaften Filialen des Sowjetkommunismus im Westen gehören, um noch vom Kommunismus Moskauer Prägung zu schwärmen. Nein, die Hochzeit der meisten linken Intellektuellen Europas mit der SU wurde in den Dreißigerjahren vollzogen. Das hatte ein paar gute Gründe (den Spanischen Bürgerkrieg, die Feindschaft gegen Hitlerdeutschland, zumindest bis zum Ribbentrop-Molotow-Pakt von ´39), aber auch einen schlechten. Und über diesen schlechten Grund lohnt es sich, ein bisschen ausführlicher nachzudenken.

Ernst Bloch schrieb in einem Aufsatz, der auf dem Höhepunkt der „Großen Säuberung“ erschien, von dem „harten bolschewistischen Jüngling“ Stalin – im Tonfall der Bewunderung. Nun haben er und Leute wie er es damals vorgezogen, über die Sowjetunion nicht allzu viel zu wissen. Sie hielten die Berichte über den Hungermord an den Ukrainern für falsch, sie hielten die Angeklagten der Moskauer Prozesse für schuldig, sie haben nicht groß nachgefragt, wo ihre Freundin Carola Neher geblieben war. Dennoch muss festgehalten werden: Ihre Bewunderung der Sowjetunion fiel just in jene Phase, als der Stalinismus am tödlichsten war. Und etwas von dem Blutdunst drang in ihre Nase. Und der Blutgeruch widerte sie nicht an, er erregte sie. Der „harte bolschewistische Jüngling“ wurde eben gerade seiner Härte wegen verehrt.

Etwas Ähnliches passierte später während der „Kulturrevolution“ in Maos China. Die „Kulturrevolution“ war bekanntlich ein Albtraum, ein einziges Foltern und Massakrieren, bis hin zum Kannibalismus – und just damals entzückte Mao die Phantasie vieler europäischer Linker, etwa der „Spontis“ in Deutschland. Wieder zogen es die Fans der „Kulturrevolution“ vor, sich über den Gegenstand ihrer Begeisterung nicht allzu genau zu informieren; aber es war doch wieder ein Unterton von Bewunderung für Maos Durchsetzungskraft, für die Kampfeslust der „Roten Garden“ dabei.

Ein Möchtegernautokrat

Nun ist Donald Trump kein Stalin, auch kein Mao Tsetung. Natürlich nicht. Er ist kein Massenmörder, nur ein Möchtegernautokrat. Aber es gibt doch einen Wesenszug, den Trump mit den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts teilt – seine Grausamkeit. (Zum Glück kann er diesen Wesenszug nicht so ausleben, wie er es vielleicht möchte.) Für diese Grausamkeit gibt es viele Beispiele: sein höhnisches Nachäffen eines behinderten Reporters, seinen widerlichen Umgang mit Frauen, seine Aufforderung an die Besucher seiner Wahlkampfveranstaltungen, Trump-Gegner krankenhausreif zu schlagen. Am besten wird Trumps Grausamkeit aber vielleicht durch eine Anekdote illustriert.

Während des Wahlkampfes 2016 stoppte der Bus, in dem Trumps Team saß, an einem McDonald´s. Sam Nunberg, der von Corey Lavandowski – seinem damaligen Wahlkampfmanager – eingestellt worden war, wurde losgeschickt, um Hamburgers für alle zu holen. Nunberg hatte für sich selber Extrawünsche (er wollte einen Burger ohne Essigkurken), also dauerte das Ganze etwas länger. Trump befahl daraufhin, den Bus zu starten, weiterzufahren und Sam Nunberg einfach zurückzulassen. Das Interessante ist, dass Corey Levandowski diese Geschichte als Ausweis von Trumps Führungsqualitäten erzählt! Trumps Grausamkeit ist für viele seiner Anhänger (und hierin gleichen sie den Stalinisten der Dreißigerjahre und den Maoisten der Sechzigerjahre) also kein Minuspunkt; sie ist ein Pluspunkt. Sie ist ein Grund, diesen Mann zu bewundern.

Warum?

Es gibt eine scheinrationale Begründung, die geht ungefähr so: Wir, d.h. der Westen, sind in einen Kampf mit einem tückischen und gefährlichen Feind verstrickt, dem radikalen Islam, der in hunderten Terroranschlägen und Massakern beweist, dass er vor nichts zurückschreckt. In diesem Kampf sind Zimperlichkeiten ein Luxus, den wir uns nicht leisten können, und Trump ist endlich der Mann, der so dreinschlagen wird, wie es nötig ist.

So ähnlich dachten manche deutschen Kommunisten im Krieg gegen Hitler – und waren dann bass erstaunt, als ihr Idol einen Pakt mit Hitlerdeutschland schloss. Auch manche Kämpfer gegen den Islamismus fangen jetzt vielleicht an, sich zu wundern, weil Trump gar zu sehr mit den wahabitischen Saudis kuschelt (und darüber das jordanische Königshaus vernachlässigt, das wirklich ein Bollwerk gegen den Islamismus bildet). Oder wenn Trump immer noch nicht begriffen zu haben scheint, dass sein Führungsoffizier Putin mit der „Islamischen Republik Iran“ verbündet ist.

Aber vielleicht wundern sie sich auch nicht, denn natürlich sind diese scheinrationalen Begründungen Mumpitz. Es geht einfach um Rachephantasien der Zukurzgekommenen, der Feiglinge. Nach der Wahl Trumps verbreitete sich per Facebook eine Fotomontage, wo Trump auf einem Panzer steht, hinter sich eine wehende amerikanische Flagge, der aus vollem Rohr feuert. Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte. Es ist dann eigentlich schon wurscht, auf wen gefeuert wird: auf die „Ostküsteneliten“, die mexikanischen Einwandererhorden – die nur in der Fantasiewelt von Trumps Anhängern existieren –, alle Frauen, die sich nicht zwischen die Beine fassen lassen oder die Muslime.

Gewalt erregt

Dann gibt es noch eine dritte Wahrheit, über die zu schreiben peinlich ist, die aber ausgesprochen werden muss: Gewalt wirkt auf viele Menschen sexuell erregend. Warum das so ist, erklärte Robby Coltrane in einer unvergesslichen Szene der britischen Fernsehserie „Fitz“, die in den Neunzigerjahren ausgestrahlt wurde. Coltrane spielt dort einen Psychologen, der mit der Kriminalpolizei zusammenarbeitet. Er verhört einen Mörder, der seine Opfer viehisch abgeschlachtet hat, und fragt ihn, ob er es am Tatort mit seiner Freundin getrieben habe.

„Das muss dich nicht genieren“, sagt er sinngemäß. „Das menschliche Gehirn ist so verdrahtet, dass es beim Anblick von Blut, Tod und Leid sagt: Macht mehr Babys, macht mehr Babys!“ Anders hätte unsere Gattung kaum überlebt. Es wäre ein großer Fehler, dieses Dunkle vor lauter humanistischem Feingefühl zu übersehen. (Übrigens geht es dabei keineswegs nur um Männer – erinnern wir uns an jene Frauen, die mit Schildern herumliefen, auf denen stand: „Trump darf mir gern an die M…. grabschen!“) Es ist ekelhaft, aber es gehört zur menschlichen Natur. Und darum sollten wir aufhören, uns darüber zu wundern, dass politische Extremisten just in dem Moment mehr Zulauf bekommen, wenn sie aufhören, sich wie zivilisierte Menschen zu benehmen.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


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