Echtzeit-Algorithmus: Demonstration von Impfgegnern und Verschwörungsgläubigen in Berlin am 21. April 2021 Foto: Leonhard Lenz

Weshalb man radikale Impfgegner nicht verurteilen sollte

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Und weshalb Social-Media -Plattformen Impfgegner und -befürworter in einen Bürgerkrieg treiben können.

Die Bevölkerung wurde belogen: Die Realität zeigt, dass die Covid-Impfungen nicht vor Ansteckung schützen. Dies ist die Wahrheit. In Deutschland herrscht eine Diktatur. Auch das ist die Wahrheit. Nun ja, nicht die echte Wahrheit, sondern die von radikalen Impfgegnern. Zahlreich versammeln sie sich, oft gemeinsam mit Impfskeptikern, Impfpflichtkritikern, Kritikern an der Qualität des Pandemiemanagements in Deutschland, aber auch Rechtsradikalen und anderen Verfassungsfeinden. Die Impfgegner schreien auf solchen Demonstrationen ihre Wahrheiten heraus – und ihre Empörung über die vermeintliche Diktatur. Es ist nicht zu übersehen, dass die Mehrheit unter ihnen tatsächlich verzweifelt über das ist, was ihnen widerfährt. Sie sind sich sicher, dass ihre Haltung vernunftgeleitet ist und auf unbestreitbaren Tatsachen beruht. Der daraus resultierende­ Druck führte auch am vergangenen Wochenende zu steigender Gewalt seitens radikaler Impfgegner.

Wer glauben will, der glaubt

Das Kafkaeske dieser Haltung liegt unter anderem in der Art der Argumentation beispielsweise bezüglich „wissenschaftlicher Studien“: Wissenschaftlich Denkende betrachten die Methodik, die Datenlage und die daraus von den Studienautoren gezogenen Schlussfolgerungen, um diese dann zu plausibilisieren. Der Gläubige durchsucht Studien dagegen nach Beweisen für seinen Glauben, und mit Feinden des Glaubens scheint ihm eine Diskussion sinnlos.

Doch woher rühren dieser feste Glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, und die Überzeugung, dass andere Meinungen irrig sein müssen? Die vermeintlichen Fakten stammen zumeist aus dem Internet, genauer aus Blogs, Videos und Artikeln, die als Vehikel ihrer Verbreitung Social-Media-Plattformen nutzen. Mit anderen Worten, professionelle Dienste, deren Geschäft darin besteht, Inhalte punktgenau dafür ausgewählten Nutzerprofilen zu präsentieren. Ein Fachbegriff lautet Microtargeting.

Die gefeierte Netflix-Dokumentation „Das Dilemma mit Social Media“ geht primär der Frage nach gestiegenen Suizid-Raten bei Jugendlichen nach. Dabei kommen Menschen zu Wort, die in hochrangingen Positionen bei Social-Media-Plattformen beschäftigt waren. Sie berichten, mit welchen Mitteln eine immer präziser wirkende künstliche Intelligenz analysiert, wie ein Nutzer funktioniert, was ihn interessiert, was seine Freunde interessiert – um ihn so am Bildschirm zu halten. Die Algorithmen bestätigen die Meinungen des Nutzers und vernetzen ihn mit anderen Anhängern dieser Meinungen – und erzeugen oft eine Sucht nach dieser Art Bestätigung. Andere Plattformen wie beispielsweise Amazon versorgen die Nutzer mit Produktempfehlungen, die sie in ihrer Meinung bestätigen.

Sucht nach Bestätigung

Keine Frage, das Pandemiemanagement der Bundesregierung und der Länder war bislang oft widersprüchlich und manches Mal schien es gar fragwürdig. Das mag damit zu tun haben, dass kein heute lebender Mensch je Erfahrungen in einer vergleichbaren Krise sammeln konnte. Möglicherweise hängt es auch damit zusammen, dass Regierungen, die seit langem vor allem niemandem weh tun wollen (und die deshalb gar Präparate ohne Wirkstoffnachweis von Krankenkassen bezahlen lassen) eben nicht die bestgeeigneten Institutionen im Bereich Pandemiemanagement sind. Das erfordert nämlich klare Entscheidungen und das Eingehen von Risiken – und Konsequenzen, wie auch Rücktritte, wenn die Entscheidungen falsch waren. Wer es aber allen recht machen will, wird am Ende von vielen kritisiert. Und wer eine Maßnahme der Regierung in den sozialen Medien kritisiert, ist noch kein radikaler Impfgegner. Aber er bekommt nun angezeigt, was andere Maßnahmenkritiker so teilen, unter denen Impfgegner statistisch signifikant vertreten sind. Die Algorithmen ziehen die Nutzer immer weiter in einen Kreis, in dem eine Meinung dominiert und andere Meinungen allenfalls als Feindbild erscheinen.

Doch ist es glaubhaft, dass Social Media in kurzer Zeit unzufriedene und pandemiemüde Bürger in einen Sog zu ziehen vermögen, möglicherweise befeuert von Rechtspopulisten? Wer einer beliebigen kritischen Gruppe auf einer Social Media Plattform beitritt und ein wenig kommentiert, erhält immer mehr Posts aus dieser Gruppe, aber auch aus ähnlichen Gruppen. Wer beispielsweise die Impfung positiv, aber die Impfpflicht kritisch sieht und entsprechenden Gruppen beitritt, wird rasch in Gruppe und Milieus gezogen, die Impfstoffe selbst kritisch sehen, dann welche, die zum aktiven Kampf gegen Impfungen aufrufen und am Ende befindet man sich in Gesellschaft von Nutzern, die überzeugt sind, die Juden – alternativ die Außerirdischen – hätten Covid erfunden, um die die Menschheit zu versklaven. Dabei werden immer wieder dieselben Narrative wiederholt: Beispielsweise die Empörung darüber, dass Impfstoffe entgegen den Versprechen der Hersteller in Wahrheit gar nicht vor Ansteckungen schützen – dem wird aber eher selten mit der Frage begegnet, ob diese Behauptung überhaupt je von einem Impfstoffhersteller aufgestellt wurde.

Im Strudel

Die radikalen Impfgegner sind nicht als Radikale geboren worden und in aller Regel auch nicht als Dummköpfe. Aber wer Menschen im Freundeskreis hat, die sich in solchen Social-Media-Parallelgesellschaften bewegen, kann beobachten, wie diese von den Plattformen gezielt in ihren Meinungen bestätigt werden. Auch in der Netflix-Dokumentationen „Das Dilemma mit Social Media“ befürchten viele der zu Wort gekommenen vormaligen Social-Media-Entwickler Eskalationen bis hin zum Bürgerkrieg. Denn wer sich als Opfer sieht, versteht Gewalt allzu oft als legitimes Mittel des Widerstandes – und wird darin zunehmend von jenen Gleichgesinnten bestärkt, mit denen die Plattformen ihn vernetzen.

Vielen Menschen – gerade in den oberen Alterskohorten – sind die Wirkungsweisen der Algorithmen ebenso wenig bewusst wie deren immer effizienteres Micro-Targeting. Sicherlich ist unter radikalen Impfgegnern der Dunning-Kruger-Effekt nicht per se ausgeschlossen. Allerdings dürfte ihre vermeintliche Tatsachensicherheit vor allem einer Sozialisation geschuldet sein, in der gute Freunde und verlässliche Bekannte vor groben Fehlinterpretationen schützten. Dass Social-Media-Plattformen hingegen gezielt jene Menschen miteinander vernetzen, die große Schnittmengen in ihrer Weltsicht haben, ist nur mit erheblichem Abstraktionsvermögen oder aber Fachkenntnissen erkennbar. Sind diese nicht vorhanden, ist in aller Regel nur schwer erkennbar, dass diese Vernetzungs-Algorithmen den Freundeskreis der Nutzer allenfalls zahlenmäßig, allerdings nicht im Horizont erweitern, sondern verengen. Es ist richtig und wichtig, die Eigenverantwortung des Bürgers im digitalen Raum zu betonen – ebenso wie im öffentlichen Straßenraum. Aber auch dort gibt es rechtliche Rahmenbedingungen, um jeden Verkehrsteilnehmern bestmöglich zu schützen – auch vor sich selbst – und gleichzeitig individuelle Eigenverantwortung. Aber kann man den öffentlichen und den digitalen Raum miteinander vergleichen – und wenn ja, wäre es weise, dies zu tun?

Verantwortlichkeit und Transparenz

Jede Zeitung und jeder Fernsehsender, der wahrheitswidrige oder gar gesundheitsschädliche Inhalte verbreitet, hat heute mit negativen Folgen zu rechnen. Der Blick muss allerdings weit genug gefasst sein. Wer die öffentlich-rechtlichen Informationsplattformen wegen ihrer unausgewogenen Berichterstattung kritisiert, muss sich fragen lassen, wie dann erst mit Social-Media-Plattformen umzugehen ist, die grundsätzlich nur einseitig informieren und dabei bedenkenlos unwahre Informationen und Hass verbreiten. Die Ausschreitungen bei Demonstrationen radikaler Impfgegner sollten hinreichend Anlass für eine politische Debatte über die Rolle sein, die die sozialen Medien bei der Erosion des Vertrauens in die Demokratie und ihre Institutionen spielen. Obendrein im Raum steht die Frage, wie transparent werden kann, wer welche Präsentation von Inhalten im Internet bezahlt – denn Inhalte werden von den Plattformen nicht aus Altruismus und wahllos verbreitet, sondern an Zielgruppen, die dafür Bezahlende genau definieren.

Es ist billig, radikale Impfgegner zu beschimpfen und deren oftmals unwissenschaftlichen und unlogischen Sichtweisen zu verhöhnen. Der beste Umgang mit der Pandemie einschließlich möglicher Impf- und Behandlungsstrategien muss Gegenstand einer gesellschaftlichen und politischen Debatte sein – aber auch die Frage, welche Mechanismen, welche Algorithmen die Radikalisierung der jeweiligen Lager auslösen und verfestigen. Und diese Debatte muss bald erfolgen, bevor die Fronten und das Denken zu verhärtet sind – die Ausschreitungen der vergangenen Wochen unterstreichen die Dringlichkeit.




Julien Reitzenstein befasst sich als Historiker mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere des Nationalsozialismus, Demokratiegeschichte und Ideologiegeschichte. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Das SS-Ahnenerbe und die Straßburger Schädelsammlung – Fritz Bauers letzter Fall“ (2. Auflage 2019) und „Himmlers Forscher – Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im Ahnenerbe der SS.“ (2. Auflage 2019). Er ist Initiator verschiedener Projekte zur Gedenkkultur, unter anderem zum Blick von Shoa-Überlebenden auf die Wannseekonferenz, der Dienstvilla des Bundespräsidenten und Villen des jüdischen Großbürgertums, beispielsweise Villen in der Berliner Pacelliallee. Als Autor betrachtet Julien Reitzenstein aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in ihrem historischen Kontext. Seine Essays erscheinen u.a. in der WELT, der Neuen Zürcher Zeitung, dem Cicero, der PRESSE, der ZEIT, der Jüdischen Allgemeinen, etc. – einige sind auf seiner Homepage zu finden. Julien Reitzenstein lebt im ländlichen Südwesten Irlands.