Europa? Nicht geschenkt!

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Putin wirkt wie der neue starke Mann, das bis ins Mark zerstrittene Europa wie ein Kaninchen, das auf die Schlange starrt – aber stimmt das überhaupt?

Nichts führt mehr an einer Aufrüstung Europas vorbei, nachdem der Präsident der stärksten Macht der Welt nur noch eine Marionette Russlands ist. Doch geht das überhaupt? Auf der einen Seite eine russlandbesoffene Linke, die sich aus alten antiamerikanischen Reflexen und einem pathologischen Hass auf das eigene Militär am Liebsten heute noch Putin unterwerfen möchte, auf der anderen Seite eine russlandbesoffene Rechte, die statt auf Abgrenzung zum Osten auf eine Durchzäunung Europas setzt und sich einen Krieg der Worte und Begrifflichkeiten über Transitzentren und Zollunionen liefert, den kein Mensch mehr versteht. Und das alles, weil man den halb verhungerten Fremden nicht die Butter auf dem Brot gönnt.

Autokratische Systeme wirken geschlossen und stark, offene Systeme hingegen zersplittert und schwach. Doch das muss nichts heißen. Systemen wie Putins fehlt es an Legitimation und die Entmündigung des Wählers und der demokratischen Institutionen führt zwangsläufig zu einer postfeudalen Duldungsstarre, die auch mit viel patriotischem Bohei nicht ständig mobilisiert werden kann. Die Grundmentalität der Russen, das Dasein als eine von der fernen Obrigkeit auferlegte Prüfung zu begreifen und fatalistisch zu ertragen, tut ein Übriges, um das Riesenreich in seinem Selbstbehauptungswillen auf Normalmaß zu bringen. Wohingegen die den Europäern innewohnende Lust, sich bei jedem Anlass und zu jedem Thema gegenseitig an die Gurgel zu gehen, wozu sie in den letzten Jahrhunderten auch reichlich Gelegenheit hatten, einen Kontinent schuf, dessen Bewohner schon bei den kleinsten Anlässen auf die Barrikaden steigen – und sei es nur beim Thema Mülltrennung. Vielleicht muss sich Europa gar nicht einig werden, um dem neuen russischen Imperialismus die Stirn zu bieten, vielleicht reicht es schon, wenn man die Rush Hour in Rom ein paar Tausend Kilometer weiter nach Osten verlegt.

Um ehrlich zu sein. Wenn ich Russe wäre, würde ich Europa nicht geschenkt haben wollen! Aber ich bin kein Russe – und deswegen ist Europa die beste aller Welten. Und seine Bewohner stark genug  um sich gegen die Zerstörung des Westens zu wehren.

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Unterwerfung




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.