Fatale Farbenlehre

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Die Weltverbesserung ist ein Projekt, das schon mal Opfer fordert. Doch finden sich diese Opfer meist in den Reihen der Wohlmeinenden. Das hat einen ganz eigenen Grund.

Ich musste in letzter Zeit wieder öfter über das Konzept „Diversity“ nachdenken. Vielleicht lag es an der Werbung eines Dienstleistungsunternehmens, vielleicht an der medialen Präsenz von Aktivisten der sogenannten „Identitätspolitik“. Letztlich finde ich jedenfalls den Gedanken, der hinter dem Konzept „Diversity“ steht, sehr gut, hilfreich, beachtenswert. Danach soll allen Menschen Anerkennung und Wertschätzung widerfahren, ganz gleich woher er stammt, was er glaubt, wie er aussieht, wen er liebt. Das ist einfach eine gute Idee und hat die Welt für viele besser gemacht. Was unter anderem am Kapitalismus liegt. Weil der meist ein cleverer Kerl ist, hat er dieses Konzept gleich für sich entdeckt – wenn nicht gar erfunden –, denn er hat gemerkt, dass in den Zeiten der Globalisierung eine bunte, vielfältige Belegschaft eine Bereicherung und ein Vorteil auf dem Weltmarkt ist und dass Anerkennung und Wertschätzung für alle ein Schlüssel für ein besseres Arbeitsklima sein können. Also hat er sich überall – strategisch, wie er sein kann – ein Diversity Management mit richtigen Diversity Managern verordnet. Vor allem bei den ganz großen Firmen, den Global Playern, hat das sehr gut funktioniert. Und ganz besonders bei jenen aus dem Silicon Valley, die sich gleich die Besten, Klügsten, Fleißigsten aus aller Damen Länder geschnappt haben und somit den Erfolg tatsächlich noch vervielfachten. Aber das Besondere an diesem kapitalistischen Pragmatismus ist: er hat noch eine gehörige Ausstrahlung in die Gesellschaft hinein, wirkt an einer Normalisierung sozialer Vielfalt mit und ist deshalb durch und durch fortschrittlich. 

Doch selbst die besten, progressivsten Ideen bekommen auf dem linken politischen Spektrum einen schlechten Ruf, wenn sie erfolgreich sind und dem Kapitalismus nutzen: Was das „Imperium“, der Neoliberalismus, die Garde der alten weißen Männer oder wer sonst noch zum eigenen Vorteil vergoldet, das kann nicht richtig sein, wirkt schlagartig falsch und muss durch etwas viel Radikaleres ersetzt werden. 

AM I BLACK ENOUGH FOR YOU?

Was ich damit meine, lässt sich an dem bitterbösen Lehrstück beschreiben, das dem feministischen Online-Magazin Edition F  kürzlich widerfuhr. Das Magazin vergibt jährlich mit einigen Partnern den „25 Frauen Award“: Aus 50 Nominierten sollen 25 Frauen ausgewählt werden, die den Preis bekommen – und damit vor allem angemessene Aufmerksamkeit für ihre wunderbare, zukunftsträchtige Arbeit. Am 30. Juli sollte die Auswahl abgeschlossen werden. Aber dazu kam es nicht. Denn sieben Nominierte sind von ihrer Nominierung zurückgetreten (hier können Sie sich der Fakten unter dem unglücklichen Titel „Abgesagt // 25 Frauen, die unsere Welt zukunftsfähig machen“ vergewissern). Der Grund ihres Rücktritts: Sie wollen „Colorism“ keinen Vorschub leisten. Für diejenigen, die, wie die allermeisten, im Wald der „Ismen“ die Übersicht verloren haben: Es geht beim „Colorism“ um die Hierarchisierung innerhalb schwarzer Communities. Aus der Begründung der abtrünnigen Sieben geht hervor, dass sie sich als „Schwarze Menschen mit vergleichsweise hellerer Haut“ nicht für schwarz genug halten, um aus den diversen Perspektiven in den „diversen Schwarzen Communities“ und über die „strukturelle Diskriminierung“ angemessen sprechen zu können. Letztlich diene ihr Sprechen nur der „Sicherung weißer Privilegien“; die Schuld für ihren Rücktritt liege daher bei den weißen Menschen, die der „unterschiedlichen Betroffenheit von Rassismus und Colorism zu wenig Platz“ einräumten.

Bei dieser Begründung könnte sich die Vorstellung aufdrängen, diese Frauen mit „vergleichsweise hellerer Haut“ würden alle Frauen, die für sie unter dem Gesichtspunkt der Farbkorrektheit in Frage kämen, mit einer Farblehre in der Hand betrachten, ob sie genügend Schwarzheit besäßen, um für die diversen Communities reden zu dürfen – und bei sich selbst würden sie als erstes den Daumen senken. 

Es hat ja immer etwas Ehrenhaftes, wenn man zum Vorteil eines möglicherweise Übersehenen bei einer Ehrung zurücktritt. Aber hier ging es natürlich vor allem darum, die eigene Wichtigkeit und Macht bei der Verteidigung der reinen Lehre in der Peer Group zu betonen – und außerdem die ganze Angelegenheit zu sprengen. Genau deshalb haben sie ihren Rücktritt flugs mit einem Forderungskatalog verbunden, in dem sie u.a. verlangen, dass ihre Plätze nicht neu besetzt werden dürfen, ja, die Zahl der Gewinnerinnen um eine entsprechende Zahl gekürzt werden solle. Und wenn man einmal dabei war, verlangten sie auch die Übergabe aller Plattformen von Edition F an schwarze Feministinnen.

Das klingt für viele vielleicht dreist, vermessen, arrogant. Aber die sieben Meinungsführerinnen, die sie ja trotz oder wegen dieser Aktion bleiben, kennen ihr linkes Milieu: Die Auslober des Preises haben gleich in einem Brief, aus dem in jeder Zeile exemplarisch eine Mischung aus Unterwürfigkeit, Naivität und Ratlosigkeit atmet, den ganzen Preis gecancelt und offen gelassen, ob er je wieder vergeben werden kann. Ob Edition F auch noch die Schiffsbrücke an die Fordernden übergibt, lässt der Text offen. 

Um den Preis ist es jedenfalls schade. Wer sich die Liste der restlichen 43 Nominierten anschaut, kann dies nur voller Hochachtung tun. Darunter finden sich so viele Frauen mit herausragenden Meriten und Missionen, dass man sich freuen könnte – Frauen wie die Menschenrechtlerin Anahita Thoms, die Autorin und Unternehmerin Claudia Langer, die Managerin Deepa Gautam-Nigge oder die Infektiologin Marylyn Addo, um nur einige wenige aus der wahrlich imposanten Liste zu nennen.

DER WEG DER SELBSTZERSTÖRUNG

Wenn man das Glück hat und die Politik im freien Westen einige Jahrzehnte verfolgen durfte, dann fallen einem zwei Dinge bei linken Projekten allgemein und hier jetzt wieder im Besonderen auf: Erstens, wenn das Epitheton „strukturell“ wie bei „struktureller Rassismus“ oder „strukturelle Diskriminierung“ inflationär zur Erklärung eines mutmaßlich himmelschreienden Unrechts benutzt wird, dann kann man davon ausgehen, dass hier zum eigenen Vorteil übertrieben und zur eigenen Entlastung auf eine differenzierte Beschreibung bzw. Erklärung verzichtet wird. Weder unser Staat noch unsere Gesellschaft sind „strukturell“ rassistisch. Ja, es gibt Rassismus, aber er ist nicht in unserem Grundgesetz, nicht in unserem Rechtsstaat, nicht in unserer Politik, nicht in unserem Alltag gleich einer DNA festgeschrieben oder von der Mehrheit abgesprochen. Es war der Friedensforscher Johan Galtung, der in den 1970er-Jahren als erster von „struktureller Gewalt“ sprach und einer ganzen Generation linker Sozialwissenschaftler mit diesem erweiterten Gewaltbegriff das Mittel zur Diskreditierung von Demokratie und Rechtsstaat an die Hand gab. Unser ganzes Leben wurde als gewaltförmig beschrieben, und genau das setzt die neue Anti-Rassismus-Bewegung heute fort, ohne eines Beweises für die Behauptung fähig zu sein. Warum auch? Alle entgrenzenden politischen Begriffe dienen allein dem Zweck, Widerspruch kaltzustellen und sie wie Paniere beim Angriff auf das ungeliebte System in den Wind zu halten.  

Was, zweitens, ebenso unübersehbar ist: Jede sich progressiv und radikal-links dünkende Bewegung trägt den Keim der Selbstzerstörung in sich. Hier, bei dem Fall des 25 Frauen Award, wird deutlich, wie schnell durch den jakobinischen Drang zur totalen Konsequenz jede Idee zur Weltverbesserung in ihre destruktive Übertreibung getrieben wird: Sie produziert Opfer auf der eigenen Seite. Vor allem deshalb, weil ihr kein Widerspruch aus den eigenen Reihen entgegentritt. Nur Anpassung, Servilität und letztlich Resignation. Denn es ist ein offensichtlicher Irrtum zu glauben, man brauche nur die neuesten Ergüsse aus bestimmten amerikanischen Uni-Seminaren goutieren, und dann wäre man immer auf der richtigen Seite und ritte auf dem Zeitgeist in eine bessere Zukunft.

Dabei täte es den Minderheiten gut, wenn sie jemanden hätten, der die pragmatischen Erfolge bei der Diversität nicht abwertet und gleichzeitig die noch offenen Wunden benennt. Was fehlt, das ist ein Sprecher oder eine Sprecherin, der die Mehrheitsgesellschaft zum Zuhören einlädt und sie nicht erst mit Beleidigungen, Feindmarkierungen und dem Zwang zum schlechten Gewissen abstößt. Vielleicht wird es noch so jemanden geben. Wahrscheinlicher ist, dass die Chance zum Reden und Zuhören schon vergeben wurde. 

Aber dann gibt es ja immer noch den kapitalistischen Pragmatismus, der Hoffnung macht.




Lektor und gelegentlich Autor