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Fledermäuse gibt es gar nicht

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Ein Virus ist nie allein. Es wird immer von Verschwörungstheorien begleitet, diesem ewigen Schatten jeder Katastrophe, jeder sozialen Umwälzung und jeder revolutionärer Großtat der Menschheitsgeschichte. Dabei fällt auf, dass sich Virus und Verschwörungstheorie in ihrer Art der Verbreitung erstaunlich ähneln.

Das SARS-CoV-2-Virus sprang auf einem Markt in der chinesischen Stadt Wuhan auf den Menschen über und nutzte danach die globalisierten Verbindungswege zwischen den Kontinenten, um in kürzester Zeit von einer Meldung in den Abendnachrichten zum Grund dafür zu werden, dass die Spielplätze in der eigenen Nachbarschaft abgesperrt werden. Ein Virus reist immer so schnell um die Welt, wie der Mensch um die Welt reist. Noch im Mittelalter konnten Monate zwischen dem ersten Auftreten eines Virus in Asien und dem ersten Auftreten in Europa vergehen. Heute ist diese Distanz in wenigen Stunden überbrückt.

Jedes Smartphone ist der Markt von Wuhan

Verschwörungstheorien sind sogar noch schneller. Sie erreichen die Geschwindigkeit der Informationstechnologie, die der Mensch verwendet. Und diese liegt mittlerweile im Grunde bei: Echtzeit. Was jetzt jemand in Sydney ins Internet schreibt, kann beinahe im selben Augenblick die gesamte vernetzte Welt erreichen. Während Viren den Menschen nutzen, um auf diese Weise noch mehr Menschen zu erreichen, bedient sich die Verschwörungstheorie vorzugsweise des Internets. Dabei kann jedes Smartphone der Markt von Wuhan sein.

Wer eine Verschwörungstheorie ins Internet stellt, kann hoffen, dass sie immer weitere Kreise zieht, indem andere sie übernehmen und selbst weiterverbreiten. Wenn Influencer, Medien oder Prominente sie empfehlen, übernehmen sie in diesem Fall die Rolle, die bei der Virus-Verbreitung den Superspreadern zukommt.

Freie Gesellschaften können Verschwörungstheorien nicht verbieten

Sowohl Virus als auch Verschwörungstheorie sind also Globalisierungsgewinner. Für beide gilt zugleich, dass ihre Bekämpfung nicht mehr Schaden anrichten darf als sie selbst verursachen könnten. Im Falle der Corona-Pandemie wird es wohl erst im Rückblick klar werden, ob die immensen Eingriffe in die Bürgerrechte und das Wirtschaftsleben gerechtfertigt waren oder ob es sich um Überreaktionen handelte, die relativ wirkungslos waren, aber mit einem Anstieg von familiären Gewalt und psychischen Problemen bezahlt wurden, außerdem mit einem Massensterben von mittleren und kleinen Unternehmen und einer lange nicht mehr gesehenen Massenarbeitslosigkeit.

Auch bei der Eindämmung von Verschwörungstheorien ist auf das richtige Maß zu achten. Presse- und Meinungsfreiheit sind in liberalen Demokratien aus guten Gründen besonders geschützt. Wenn nun im Versuch, böswillige Falschmeldungen rund um die Corona-Pandemie zu verhindern, soziale Netzwerke wie WhatsApp dazu übergehen, bestimmte Äußerungen zu verbieten, ist die Therapie schlimmer als das Gift, gegen das sie helfen sollte. Auch wenn es im ersten Moment erstaunlich klingt, aber die Stärke freier Gesellschaften zeigt sich auch darin, dass sie Verschwörungstheorien ertragen kann und dass deren Verbreitung (fast immer) straflos möglich ist.

Autokratien passt die Realität ihrer Ideologie an, nicht die Ideologie der Realität

In Autokratien ist das Verbreiten von Verschwörungstheorien ein Risiko, über das sich der Absender immer bewusst ist. Staaten wie Russland oder China akzeptiere in ihrem Machtbereich keinen Wettbewerb der Verschwörungstheorien. Sie wollen Monopolist sein und setzen ihren Anspruch auch brutal durch. Wer eine „falsche“ Verschwörungstheorie verbreitet, lebt mit der Gefahr, kurz darauf Besuch von Sicherheitskräften zu bekommen und für lange Zeit oder für immer hinter Gittern zu verschwinden. Man erkennt Autokratien auch daran, dass sie die Realität ständig ihrer Ideologie anpassen müssen, statt die Ideologie der Realität. Dabei müssen sie notgedrungen auf Lügen, Propaganda und Manipulation setzen, weil die Realität sich nicht in das Korsett einer politischen Ideologie zwängen lässt. Verschwörungstheorien sind darum Teil der Staatsräson – während Kritik am eigenen System zugleich mit dem Vorwurf beantwortet wird, dass es sich um Verschwörungstheorien handele. Für Staate, die ohnehin ein rein taktisches Verhältnis zu Lüge und Wahrheit haben, ist es kein Problem, diese scheinbar widersprüchlichen Positionen in sich zu vereinen.

In Bezug auf Virus-Erkrankungen wird oft davor gewarnt, dass diese in staatlichen Waffenlaboren gezüchtet werden könnten. Auch an dieser Stelle setzen sich die Ähnlichkeiten zur Rolle der Verschwörungstheorien fort. Was das staatliche Waffenlabor für Viren ist, ist die staatliche Propagandastelle für Verschwörungstheorien. China beispielsweise lässt gerade ganz offiziell die Geschichte der Corona-Pandemie umschreiben. Sollten Sie noch nicht wissen, wie man sich an diese Ereignisse zu erinnern hat, wenn es nach den Machthabern in Peking geht – die Geschichte lautet so: Ausländer, vermutlich Amerikaner, haben das Virus nach China eingeschleppt, wo es dank des überlegenen chinesischen Systems schnell eingedämmt wurde, während der Rest der Welt auf der Intensivstation liegt. China vs. alle andern 1:0.  

In der Virologie werden die einzelnen Viren in Familien eingeteilt, die zum Teil komplexe Stammbäume und Querverbindungen ergeben. Auch für Verschwörungstheorien (die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen könnte in Anlehnung an die Virologie in einem Fachgebiet mit Namen Wirrkopflogie stattfinden) gibt es eine Vielzahl von Abwandlungen und Verwandtschaftslinien. Chinas Corona-Märchen gehört dabei in den Bereich der Fake News, mit denen Realitäten geprägt werden sollen. Es sind immer schwache Systeme, die sich einer ehrlichen Fehleranalyse entziehen wollen – zu ihren Schwächen gehört im chinesischen Fall auch, nicht die Verantwortung für Ereignisse zu übernehmen, die auf dem eigenen Staatsgebiet ihren Anfang nahmen und über die der Rest der Welt offenbar (entscheidende) Wochen zu spät informiert wurden.   

Nicht nach den Regeln der Verschwörungstheorie spielen

Ein Virus kann von Mensch zu Menschen wandern, eine Verschwörungstheorie auch. Gegen das erste Problem helfen womöglich Impfungen, aber was hilft gegen das zweite? In Sachen Coronavirus gehört zu ebendiesem zweiten Fall schon jetzt eine unübersichtliche Fülle an kursierendem Irrsinn. Nach einer ersten kurzen Suche im Internet ist klar, dass das Virus ein Wink Gottes, eine Mahnung der Natur, ein Waffensystem, eine Lüge, eine einfache Grippe, ein Geheimcode, ein Produkt der Pharmaindustrie und ein Manipulator unserer DNA ist. Außerdem kann es mit einer einfachen Zahlenkombination geheilt werden und Bill Gates hat auch irgendwas mit all dem zu tun.       

Gegen Verschwörungstheorien hilft es nicht, mit Zensur zu reagieren. Das wäre wie der Einsatz eines Impfstoffes gegen das Coronavirus, der so stark ist, dass er an anderen Stellen dauerhafte Schäden am Körper verursacht. Die wichtigste Waffe, die eine liberale Demokratie gegen Verschwörungstheorien im Arsenal hat, ist Aufrichtigkeit. Dazu gehört im Zweifel auch, Unsicherheiten zuzugeben. Verschwörungstheorien leben davon, dass sie ihrem Gegenüber die Regeln diktieren wollen. Und die lauten, dass jede Unklarheit im Versuch, eine Verschwörungstheorie zu widerlegen, ein Beweis für die Richtigkeit dieser Theorie ist. Es ist jedoch in einer komplexen Welt zumeist nicht möglich, einen Vorwurf restlos aufzuklären. Von daher sollte das auch gar nicht der Anspruch sein.

Statt Unsicherheiten mit Aussagen zu überspielen, die sich später als falsch erweisen, sollte in solchen Situationen offen auf die eben bestehenden Unsicherheiten hingewiesen werden. Zugleich sollte es ohnehin nicht das Ziel sein, die Verbreiter oder leidenschaftlichen Anhänger einer Verschwörungstheorie vom Gegenteil zu überzeugen. Es muss stattdessen immer um die schweigende Mehrheit gehen. Schließlich ist jede Verschwörungstheorie nur so stark wie der Glaube an sie. Wenn die schweigende Mehrheit ausreichend skeptisch ist, ist eine (intellektuelle) Herdenimmunität erreicht und die Bösartigkeit des Unsinns kann sich nicht mehr ausbreiten.

Gleichzeitig sollten Verschwörungstheorien nicht unterschätzt werden. Sie sind für ethnische Säuberungen, Pogrome und Kriege verantwortlich, sorgen für großes Leid bei ihren Opfern  und für Hass bei denen, die empfänglich für Manipulationen sind. Zwar sind die meisten Verschwörungstheorien unbedeutend bzw. harmlos (wie auch die meisten Viren), aber es gibt zugleich dennoch welche, die das Miteinander der Menschen vergiften können. Nicht zuletzt sind sie auch ein zwingender Bestandteil von Rassismus und Antisemitismus, den beiden Superviren, die für millionenfachen Tod auf der Erde verantwortlich sind.

Es ist darum wichtig, sowohl gegen Viren als auch Verschwörungstheorien vorzugehen. Sie können uns beide bedrohen und verbreiten sich auf überraschend ähnliche Weise über die Welt – nur dass die einen sich vorzugsweise in Hals und Lunge niederlassen und die anderen in Gehirnen.




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