Tapferer Kämpfer für tausend Jahre Ruhm Olaf Kosinsky/Skillshare.eu | CC BY-SA 3.0 de

Geschichtsklitterung nach gauländischer Hausmanns-Art

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Alexander Gauland pflegt schon länger ein eigentümliches Verhältnis zur NS-Vergangenheit. Seine Rede vom Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ relativiert sowohl dessen Bedeutung in der deutschen Geschichte als auch die NS-Verbrechen an sich. Was ihn an den Nazis stört, sind weniger ihre Taten, sondern vielmehr der dadurch verursachte Imageschaden für Deutschland.

Es gibt viele Mittel und Wege, die deutsche Vergangenheit zu beschönigen. Die einen behelfen sich mit Zahlenspielen, die anderen setzen auf den ausgestreckten Zeigefinger. Fortgeschrittene kombinieren gerne mal beide Strategien. Günter Grass beispielsweise beklagte zu Lebzeiten das Schicksal von sechs Millionen Wehrmacht-Soldaten, die in seiner Vorstellung den Sowjets zum Opfer fielen. Damit versechsfachte er nicht nur die eigentliche Zahl, sondern verrechnete sie auch geschickt mit den sechs Millionen ermordeten Juden. In Dresden wiederum schraubt man hie und da die Opferzahlen des Luftangriffs im Februar 1945 in die Höhe, um sie anschließend lauthals auf dem Sündenkonto der Alliierten zu verbuchen. Davon abgesehen bietet sich auch noch die professionelle Leugnung der NS-Verbrechen an, doch damit befindet man sich inzwischen nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Der Vergangenheitsbewältiger von heute setzt da lieber auf gezielte „Israelkritik“, wonach auch die Israelis in Gaza ein „Ghetto“ oder gar ein „Freiluft-KZ“ betreiben würden. Schon steht es 1:1 zwischen Opa und Zionismus.

Eine nicht minder originelle Herangehensweise hat indes AfD-Chef Alexander Gauland entwickelt. Auch ihn treibt die deutsche Vergangenheit um. Jedoch leugnet er sie weder, noch wiegt er sie mit vermeintlichen Schandtaten der Alliierten auf. Gauland ist vielmehr ein Mann der Tat. Als solcher krempelt er die Ärmel hoch und arrangiert Geschichte einfach neu. Mit chirurgischer Präzision zerlegt er sie in ihre Einzelteile und ordnet sie so an, bis sie seinen Vorstellungen entspricht. Eine Kostprobe seiner Bemühungen präsentierte er vergangenen Herbst beim Kyffhäuser-Treffen, wo er das allgemeine Recht einforderte, sich nicht nur „unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen“. „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr“, stellte er fest, und forderte bei der Gelegenheit auch gleich, auf die „Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz zu sein“. Wenn schon, denn schon.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Insofern ist es nur folgerichtig und dazu keine bahnbrechende Neuigkeit, wenn der AfD-Experte für selektive Geschichtsdeutung nun die nationalsozialistische Herrschaft samt Holocaust, Vernichtungskrieg im Osten und nie dagewesener Grausamkeit quer durch Europa als „Vogelschiss“ interpretiert. So geschehen beim Bundeskongress der „Jungen Alternative“ in Thüringen, wo Gauland folgendes verlautbarte:

„Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Daran hat schon Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten 12 Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für diese zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren deutscher Geschichte.“

Gerne wüsste man, welche kollektiven Großartigkeiten deutscher Geschichte Alexander Gauland eigentlich meint. Den dreißigjährigen Krieg oder die Hexenverfolgungen vielleicht? Zu Demokratie und Rechtsstaat wiederum mussten die West-Alliierten die Deutschen schon zwingen, ein originär teutonisches Verdienst ist an dieser Stelle nur schwer zu erkennen. Aber derlei Fragen vermiesen auf einem AfD-Event bloß die Stimmung. Sie sind auch nicht wichtig, wenn es darum geht, die deutsche Identität zu trainieren. Geschichtspolitik nach gauländischer Hausmanns-Art hat ohnehin eher kreativen Charakter. Sein Geheimnis besteht darin, die Geschichte gehörig umzugraben und neu zu arrangieren. Verbrechen und Heldentaten ordnet er im historischen Blumenbeet dann einfach mal ganz anders an und hebt Aspekte hervor, die man bislang eher im Unkraut vermutete. Was sich gut macht – Stauferkaiser, Bismarck, Goethe – wird bevorzugt, was in der Rückschau nicht so schmeichelhaft wirkt, etwa die Nazis, lässt er weg. „Das betrifft unsere Identität heute nicht mehr“, sagt er dann und reißt die Wurzeln raus. Höchstens am Rande dürfen die Nazis mitspielen, und zwar lediglich in einer sozialverträglichen Variante – etwa in Form von Wehrmacht-Soldaten, auf die deren Enkel ihrer „Tapferkeit“ wegen durchaus stolz sein dürfen.

Relativierung durch die Hintertür

Fertig ist die neue Geschichtsschreibung, die nicht nach Inhalten, sondern nach Verhältnissen fragt. Zwölf Jahre von tausend entsprechen 1,2 Prozent, proportional ein „Vogelschiss“ also, unabhängig davon, was in dieser Zeit geschah. Und deutsche Wehrmachtsoldaten zeigten sich immerhin „tapfer und pflichtbewusst“, weshalb man stolz auf sie sein dürfe, unabhängig davon, wofür sie so unermüdlich kämpften und töteten. Der Zivilisationsbruch verwandelt sich so in eine historische Randnotiz, die Wehrmacht wiederum in eine Randnotiz-Unterabteilung, in der nicht alles schlecht war. Wozu dann noch Gedenkminuten abhalten, Mahnmale einweihen, erinnern und Holocaust-Forschung betreiben, all das für einen „Vogelschiss“? Lächerlich! Befreit von diesem „Schuldkult“, wie es seine Kollegin Alice Weidel auszudrücken pflegt, lässt sich doch viel selbstbewusstere Politik ohne Rücksicht auf humanistischen Firlefanz betreiben. Denn auch das ist es, was Alexander Gauland und den seinen am Herzen liegt. Den Nationalsozialismus relativiert er im Zuge seiner rhetorischen Turnübungen freilich nicht direkt, sondern indirekt. Indem er auf rein rechnerischem Wege zunächst die Bedeutung „dieser 12 Jahre“ in der deutschen Geschichte marginalisiert und sie zu einer bloßen Zahl nahe Null herabstuft, verharmlost er jedoch hintenherum zwangsläufig die ihnen innewohnenden Verbrechen.

Davon haben dann praktischerweise alle was: Alexander Gauland, für den es mit „dieser“ Vergangenheit offenbar keine Zukunft geben kann, weshalb er sich eine andere zurechtlegt; die Enkel und Urenkel, die die Ehre ihrer (Ur-)Großväter retten wollen; und natürlich ebenso diejenigen, die lieber gestern als heute einen „Schlussstrich“ ziehen wollen und sich „darüber ärgern, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“. Letzteres bringt laut einer Bertelsmann-Stiftung 66 Prozent der Deutschen um den Schlaf, unter den Jüngern sind es 79 Prozent. Während vor allem Medienschaffende noch darüber rätseln, ob man über das „Stöckchen“ der AfD springen und damit der gauländischen Geschichtsdeutung überhaupt erst Relevanz verschaffen sollte, hat eine Mehrheit der Deutschen diese Frage offenkundig schon längst für sich beantwortet. Und wo noch darüber gemutmaßt wird, ob Gauland aus Kalkül oder Überzeugung agiert, dürfte der AfD-Chef selbst eine ganz einfache Antwort darauf finden: Er spricht aus, was er ausspricht, weil er es kann. Weil es den Umfragewerten nicht geschadet hat, nicht schaden wird und er eine Mehrheit hinter sich weiß.

Der germanischen Performance nicht förderlich

Indes werden in den Reihen der AfD schon die bewährten Eiertanz-Einlagen geboten. Jörg Meuthen beispielsweise moniert die „unglückliche Wortwahl“, nicht jedoch die Botschaft. Immerhin, so der AfD-Bundesvorsitzende, habe Gauland „in keiner Weise die entsetzlichen Gräueltaten der Nazizeit verharmlost oder relativiert“. Das stimmt natürlich. Im Gegensatz zu manchem Parteigenossen hat er zudem weder die Politik Reinhard Heydrichs, Chef des Reichssicherheitshauptsamts, als „klug“ gelobt, noch die beiden Weltkriege zu „deutschen Freiheitskämpfen“ befördert oder die „Protokolle der Weisen von Zion“ als „genial“ bezeichnet. Für AfD-Verhältnisse also schon mal eine Leistung. Gauland selbst lässt derweil ausrichten, mit der Bezeichnung des Nationalsozialismus als „Fliegenschiss“ [sic!] habe er doch eine der „verachtungsvollsten Charakterisierungen [gewählt], die die deutsche Sprache kennt“. Wahrlich: Dass der AfD-Chef der NS-Zeit nichts Positives abgewinnen kann, dafür muss man ihm unbedingt Respekt zollen.

Tatsächlich hat selbiges aber auch niemand behauptet. Selbstverständlich kann Gauland weder dem „Führer“ noch dessen Wirken etwas abgewinnen. Nur sind es eben nicht unbedingt der industrielle Judenmord, der Vernichtungskrieg und die Terrorherrschaft, die Gauland am Nationalsozialismus stören. Was er Hitler dagegen wirklich übel nimmt, ist der immer währende Fleck, den die NS-Herrschaft in der doch sonst so blitzsauberen Bilanz der Deutschen hinterlassen hat. Nicht Hitlers Verbrechen an sich sind das Problem, sondern die Tatsache, dass der „Führer“ Deutschland in der Rückschau nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Ein zweiter Weltkrieg, noch dazu schon wieder ein verlorener, dann auch noch ein Genozid und Millionen Tote darüber hinaus – diese „verdammten zwölf Jahre“ verhageln einfach die gesamte Performance. Anstatt sich in der tausendjährigen Geschichte zu sonnen, müssen die Deutschen nun also auch siebzig Jahre später Gedenkminuten einlegen und Mahnmale einweihen. Und anstatt gemächlich den eigenen Lebensabend zu genießen, muss Alexander Gauland durch die Lande tingeln, die Wehrmacht rehabilitieren und den Deutschen das Rückgrat wieder aufrichten, das Hitler ihnen seiner Ansicht nach „gebrochen“ hat. So hatte das deutsche Volk nun wirklich nicht gewettet.

Schöner Mist also. Beziehungsweise Vogelschiss. Danke, Adolf!

Ebenfalls zum Thema: 1000 Jahre Dürftigkeit von Bernd Rheinberg




Jennifer Nathalie Pyka hat Politikwissenschaft studiert, lebt und arbeitet selbstständig in München sowie in San Francisco und bloggt daneben seit 2010 über Politik und weitere Intimitäten.