Michael Miersch
Michael Miersch Foto: Ivo Bosic

Geimpfte werden krank und Pferde fetter – Mierschs Zwischenrufe (2)

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Nach einem Jahrzehnt bei Facebook und Twitter war unser Autor genervt und gelangweilt und stieg aus. Er schreibt aber weiter gern Randbemerkungen über Aktuelles und Zeitloses, Wichtiges und Marginales. In loser Folge dokumentieren wir hier seine Zwischenrufe.

Welcher Ausschnitt veröffentlicht wird, kann die Aussage eines Bildes komplett verändern. Ein bekanntes Beispiel ist ein Foto aus dem Irakkrieg 2003, das in manchen Schuldbüchern genutzt wird, um Jugendlichen die Macht der Bildmanipulation zu erläutern. Das Originalfoto zeigt einen Gefangenen zwischen zwei Soldaten. Der eine gibt ihm Wasser zu trinken, der andere hält ihm den Lauf eines Gewehres an den Kopf. Je nachdem, wie man das Foto beschneidet, kann man einen von beiden Soldaten verschwinden lassen, was die Botschaft des Bildes umkehrt. 

Bei Lesen der Berichterstattung zur Covid-19-Pandemie muss ich oft daran denken, dass es sich mit Texten genauso verhält. Die tagesaktuellen Nachrichten über Einzelereignisse verändern laufend das Gesamtbild in die eine oder andere Richtung. Ein Mensch erkrankt, obwohl er schon geimpft war. Ein Experte äußert die Vermutung, dass die Grippeimpfung auch vor Covid-19 schützen könnte. Es klappt nicht mit der Impfstoffversorgung für einem Pflegeheim. Ein junger, nicht vorerkrankter Mensch stirbt. Alles ist wahr. Doch wie relevant sind solche Einzelereignisse? Wie wirken sie auf Menschen, die sich nur sporadisch und unsystematisch informieren? Und das sind leider viele.

Gerade in der Berichterstattung über Wissenschaftsthemen sagen Einzelfälle und anekdotische Ereignisse nichts aus. Ich habe mir mal den Spaß erlaubt und Artikel gesammelt, in denen seltsame Folgen der Klimaerwärmung vorhergesagt werden. Es war so ziemlich jede noch so bizarre Prognose dabei, von „Schweine werden dünner“ bis „Pferde werden fetter“. Zur Aufklärung über den Klimawandel trugen die wenigsten dieser Artikel bei.

Im Internetzeitalter wäre die Lösung des Problems der ausschnitthaften Berichterstattung ganz einfach: Man verlinkt einen Text, der das Gesamtbild erklärt. Doch das möchten viele Redaktionen nicht, die vom Sensationalismus und „Immerschlimmerismus“ getrieben werden. Es es würde ja die Relevanz des erratisch Realitätsausschnitts relativieren.

Zweifel ist der Weisheit Anfang

„Alle Experten sind Experten der Vergangenheit,“ lautet ein Zitat von David Ben-Gurion, „Zukunftsexperten gibt es nicht.“ Diese einfache Erkenntnis schützt vor zu hohen Erwartungen an die Wissenschaft. Im Laufe der Covid-19-Pandemie haben viele Menschen erstaunt bemerkt, dass auch Koryphäen vieles nicht wissen, und dass etliche Erkenntnisse unter den Experten umstritten sind. Die Datenlage weist Lücken und Widersprüche auf. Das Virus hält sich nicht an Prognosen. Welche Maßnahme wie wirkt, kann schlecht vorausgesagt werden. All dies ist völlig normal. Wissenschaft bedeutet, sich nach vorne zu irren. Doch ein realistisches Bild von Wissenschaft ruft bei vielen Menschen Enttäuschung und sogar Aggression hervor. Das ist verständlich, denn in den vergangenen Jahren haben viele Journalisten und Politiker so getan, als gäbe es die Wissenschaft, die alles ganz genau weiß und sich darüber völlig einig ist. Besonders beim Thema Klimawandel galt es quasi als Gotteslästerung, wenn man darauf hinwies, dass auch Experten nur Meinungen haben. Die basieren zwar auf mehr Faktenwissen als bei Laien, aber eben auch auf lückenhaften Daten, Annahmen und vereinbarten Prämissen. Wir haben nichts Besseres als Wissenschaft, um uns in der Welt zu orientieren. Wenn man so tut, als sei Wissenschaft allwissend, erklärt man sie zur Religion. Das nützt am Ende nur den Religionen, Ideologien und den Scharlatanen.

(Die Überschrift ist ein Zitat und stammt von René Descartes)

Putins Protz und Volkes Stimmung

Alexei Nawalny ist es gelungen, der russischen Oppositionsbewegung neuen Schwung zu geben. In 128 Städten wurde am 23. Januar 2021 gegen das Putin-Regime demonstriert. Viele Russen schlossen sich zum ersten Mal in ihrem Leben einem Straßenprotest an. Offenbar hat die neue Fokussierung der Nawalny-Opposition auf die feudale Protzsucht des Präsidenten mehr Menschen mobilisiert als die bisherigen Themen, Menschenrechtsverletzungen, politischen Morde und die immer strenger werdende Zensur. Putins Partei „Einiges Russland“ wird im Volksmund mittlerweile „Partei der Gauner und Diebe genannt“.

Wann wird eine intellektuelle Opposition zur Massenbewegung? Meistens wohl dann, wenn offensichtlich wird, dass die Herrschenden nicht nur Unterdrücker sind, sondern sich obendrein hemmungslos bereichern. Das war wohl meistens so in der Geschichte. Warum? Kleptokratien wie die Putins basieren auf Korruption, die alle Lebensbereiche durchdringt. Korruption erschwert und verdirbt den Alltag der Menschen, ob sie es wollen oder nicht. Zensur und politische Repression dagegen spüren die meisten nur dann, wenn sie sich unvorsichtig äußern oder aktiv widersetzen.

Allerdings gibt es wie immer Ausnahmen von dieser Regel. Die Revolutionäre in der DDR hatten wenig Anlass, sich über das Ausschweifungen der Bonzen aufzuregen. Denn die Parteiführung wohnte in Wandlitz nicht luxuriöser als westliche Mittelschichtler. Dennoch spürte man damals den starken Wunsch Honecker, Mielke und Co. als Krösusse darzustellen. 

Föderale Konfusion

Die Seuche stellt das Elend des deutschen Föderalismus bloß. In der Bildungspolitik wurde die Konfusion jahrzehntelang als gegeben hingenommen. Jetzt ist nicht mehr zu bemänteln, wie abwegig es ist, dass in 16 Ländern kaum koordinierte, zuweilen sogar widersprüchliche Entscheidungen getroffen werden.

Als 1949 die föderale Struktur für den Westen festgeschrieben wurde, war die Bundesrepublik ein anderes Land. Ferngespräche am Telefon waren schwierig und teuer. Für eine Reise von München nach Frankfurt musste man einen Tag einplanen. Wenn man einmal jemanden ganz schnell benachrichtigen wollte, schrieb man ein Telegramm, das dann der Postbote an die Haustür brachte. Die meisten Menschen in Schleswig-Holstein kannten kein bayerisches Weizenbier und in Filmkomödien irrten lederbehoste Bayern völlig verstört durch Hamburg. Wenn man 2021 Freitags oder Montags im ICE von Berlin nach München (oder umgekehrt) fährt, sitzen dort Passagiere, die in der einen Stadt wohnen und in der anderen arbeiten. Deutschland ist kleiner geworden. Zu klein für Krähwinkel-Politik.

In alten Westernfilmen ging es oft darum, dass der Scherriff die Banditen nicht mehr verfolgen durfte, wenn sie es über die Grenze in einen anderen US-Bundesstaat geschafft hatten. Das kam einem damals absurd vor. Heute erzählte mir ein Freund aus Hamburg, dass dort die Bezirksgesundheitsämter nur innerhalb des eigenen Bezirks die Kontaktpersonen eines Covid-19-Infizierten nachverfolgen dürfen. 

Frommer Wunsch

Wenn ich die Menschen ändern könnte, würde ich als erstes den Makel der Bedürftigkeit abschaffen. Dass man Bedürftigkeit peinlich verbergen muss, gehört zu den hässlichsten und unangenehmsten Dingen im Leben. Wer einen Kredit benötigt, tut so, als brauche er das Geld eigentlich nicht. Wer dringend einen Job sucht, gibt vor, etliche Alternativen zu haben. Wer sich nach Liebe sehnt, macht auf unabhängig, um nicht lästig zu wirken. „Denn wer da hat, dem wird gegeben“, heißt es in der Bibel. Diese Ungerechtigkeit konnte weder das Christentum noch der Sozialismus oder sonst eine Heilslehre beseitigen. Dass es so ist, erkennen die meisten Menschen in der Lebensphase, in der die Illusionen dutzendweise zerbröseln: am Ende der Kindheit.

Lesen Sie auch

Greta, Google und Gender – Mierschs Zwischenrufe (1) – Salonkolumnisten




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.