Bei der Hamas gewinnen die Pragmatiker an Einfluss, schreibt die "TAZ". CC BY-SA 2.0

Bricht in Nahost jetzt wirklich der Frieden aus?

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Die Hamas hat sich eine neue politische Charta gegeben. Zwar geht es darin weiterhin blutig zu, bei der „TAZ“ träumt man dennoch bereits vom Frieden.

Bei der „TAZ“ war man sich am Mittwoch sicher, dass es nunmehr allenfalls noch eine Frage von Stunden sei, bis Frieden in Nahost ausbreche. In einem „Grundsatzdokument“ habe die radikalislamische Hamas erstmals Bereitschaft signalisiert, eine Zweistaatenlösung zu unterstützen. „Grundsätzlich ist fortan ein Frieden zwischen der Hamas und Israel möglich“, kommentierte Susanne Knaul friedenstrunken. Unter den Islamisten im Gazastreifen gewännen nämlich die Pragmatiker zunehmend an Einfluss.

Zumindest mit der zweiten Behauptung könnte die Journalistin richtig liegen, wie ein Blick in das Dokument nahelegt. „Die Hamas führt keinen Kampf gegen Juden, weil sie jüdischen Glaubens sind, sondern einen Kampf gegen die Zionisten, die Palästina besetzen“, heißt es darin.

Wer künftig also von der Hamas ein Messer zwischen die Rippen gestochen oder eine Kassam-Rakete auf den Kopf geschossen bekommt, segnet das Zeitliche im Wissen darüber, dass es nicht das eigene Glaubensbekenntnis war, das den Tod brachte.

Ein überfälliger Schritt

Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wird man die Reformanstrengungen der Islamisten,  da bin ich mir sicher, mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Ob die zionistischen Opfer das neue, pragmatische Prozedere der laut Knaul nunmehr „versöhnlicheren“ Hamas hingegen wirklich zu lieben lernen, bleibt abzuwarten.

Letztlich haben die Islamisten mit der Erneuerung ihrer politischen Charta nur einen Schritt nachgeholt, den andernorts Jakob Augstein und NPD längst gewagt haben: Vom altmodischen Antisemitismus wurde umgeschult auf hippe Israel-Kritik.

Die Chancen stehen also gut, dass man sich künftig auch in Gaza – wie in Deutschland – auf heitere Klezmer-Abende freuen darf, auf denen Gefilte Fisch gereicht wird, während Hamas-Chef Khaled Mashal mit trauriger Stimme den „Zivilisationsbruch“ beklagt, den die „Schoah“ für die Menschheit bedeute.

Und wenn dann die letzte Klezmer-Note verklungen und der letzte Fischhappen vertilgt wurde, wird man sich bei der Hamas der angewandten Israel-Kritik zuwenden können. Die wird dann zwar auch weiterhin mit dem Abschuss von Kassam-Raketen geäußert – dafür aber gänzlich ohne die störenden Gewissensbisse.




Redakteur beim Tagesspiegel und Autor bei Pantheon. Liebt Damon Albarn, verehrt Scott Walker und vermisst Christopher Hitchens. Kennt Seinfeld auswendig.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com