Gentechnik lauert überall Ludger Weß

Vorsicht, Gene!

Die Gen-Angst geht um in Deutschland. Im Münsterland führten orange blühende Petunien am Donnerstag zu Durchsuchungen von drei Gartenbaubetrieben. Der schreckliche Verdacht der Behörden: Es könnte Gentechnik im Spiel gewesen sein. Und ganz legal soll in Deutschland ein Gen-Schuh auf den Markt kommen. SK-Investigativ hakt nach.

Der Hinweis auf die gentechnisch veränderten Petunien kam aus Finnland. Dort waren Petunien mit orangefarbenen Blüten aufgetaucht, deren Saatgut bzw. Stecklinge aus Nordrhein-Westfalen stammten. Die Farbe geht offenbar auf einen gentechnischen Eingriff bei den Vorfahren dieser Petunien zurück. Zwar stellten die finnischen Behörden umgehend fest, dass von den Gen-Petunien kein Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt ausgeht, aber sicher ist sicher. Die Petunien wurden in den betreffenden Betrieben in Deutschland sichergestellt, werden jetzt untersucht und dann als „genverseuchter Sondermüll“ entsorgt – Gefahr gebannt, obwohl die Ursachenforschung weitergeht. Vor 27 Jahren wurden in Köln mal gentechnisch veränderte Petunien freigesetzt und wer weiß, vielleicht sind ihre Ableger auf mysteriöse Weise bis nach Münster gewandert. Sie könnten aber auch aus den Gräbern südamerikanischer Inka-Kaiser stammen, die von ein paar tausend Jahren von Außerirdischen besucht und mit den Petuniensamen beschenkt wurden. Ausschließen kann das derzeit niemand.

Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit hingegen bringen Adidas und das Biotechnologieunternehmen AMSilk gemeinsam einen Laufschuh auf den Markt, dessen Obermaterial aus gentechnisch hergestellter Seide besteht. Der Schuh soll ohne Freisetzungsversuche, Risikoprüfung, Zulassungsverfahren und Kennzeichnung einfach so in die bundesdeutschen Läden kommen. Die Salonkolumnisten haben zu diesem Skandal Stellungnahmen verschiedener Politiker  und zivilgesellschaftlicher Organisationen eingeholt. Hier die Aussagen:

Foodwatch: Wir sind gegen diesen Schuh. Die Verbraucher wollen keine Gentechnik. Der Schuh sollte zumindest so gekennzeichnet werden, dass schon von weitem erkennbar ist, dass hier Gentechnik im Spiel war. Alles andere wäre Etikettenschwindel.

Greenpeace: Gentechnik ist generell schlecht für die Umwelt. Besser wäre ein Umsteigen auf Bioschuhe oder der komplette Verzicht auf Schuhe. Genfreies Schuhwerk ist möglich.

Barbara Hendricks (SPD), Bundesministerin für Umwelt: Wir wollen keine Gentechnik auf deutschem Boden. Der Schuh ist außerdem schlecht für die Artenvielfalt, denn wo er auf den Boden auftrifft, wächst nichts mehr. Der Druck schadet auch Käfern, Ameisen und Bodenlebenwesen. Und er fördert die Mobilität und beschleunigt das Lauftempo, so dass mehr Läufer mehr klimaschädliches CO2 ausstoßen.

Harald Ebner, B90/Die Grünen: Gentechnik ist Gentechnik ist Gentechnik. Wenn im Prozess Gentechnik im Spiel war, ist das Produkt gentechnisch modifiziert. Dass dieser Schuh erlaubt wird, zeigt, dass die Koalition es mit dem Verbot der Gentechnik nicht ernst meint. Der Schuh dient der Einführung der Gentechnik durch die Hintertür. Wir wollen keinen Merkelschuh.

Toni Hofreiter, B90/Die Grünen: Wir haben ein Rechtsgutachten erstellen lassen, wonach der Schuh illegal ist. Die Genübertragung von der Seidenraupe auf den Schuh verstößt gegen das Nagoya-Protokoll über den Zugang zu genetischen Ressourcen und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus ihrer Nutzung ergebenden Vorteile.

Renate Künast, B90/Die Grünen: Dahinter steckt natürlich wie immer Monsanto, das jetzt von Bayer übernommen wird. Die Konzerne fördern ein Modell der industriellen Schuherzeugung, das weltweit zu Umweltverschmutzung, Zerstörung und Hunger führt. Sie sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts dabei, hochgiftige Produkte zu vermarkten, die auch Krankheit und Tod verursachen und die Fruchtbarkeit von Mensch und Tier einschränken. Niemand kann ausschließen, dass der Schuh zu Missbildungen der Füße führt. Da fragt man sich: Wie werden Schuhe eigentlich zugelassen? Wir fordern den Rücktritt der Verantwortlichen, einen Stopp der Fusion und eine unabhängige Prüfung des Schuhs. Bislang wurden alle Studien von Monsanto bezahlt und manipuliert.

Campact: Der Genschuh ist ein Skandal. Wir haben eine europäische Bürgerinitiative gegründet und sammeln jetzt eine Million neue Adressdaten.

Rapunzel Naturkost: Wir wollen genfrei gehen. Das funktioniert mit dem Genschuh nicht mehr. Ab jetzt ist jeder Freizeitlauf genverseucht. Mit dem Schuh sind genfreie Zonen unmöglich geworden.

Gottfried G., Biobauer: Meine Kühe haben vom Anblick der Schuhe Rinderwahn bekommen. Das ist nachgewiesen. Die Studien zur Sicherheit der Schuhe sind alle gefälscht.

Misereor: Das ist eine schlechte Nachricht für die Kleinschuhmacher in Afrika. Die Industrialisierung der Schuhindustrie ist der falsche Weg, um die Welt mit Schuhen zu versorgen.

Brot für die Welt: Ein weiterer Schritt, um die Kleinschuhhersteller der Dritten Welt in die Abhängigkeit zu treiben, denn der Nachbau der Schuhe ist verboten.

Deutsche Umwelthilfe: Die Werbung behauptet, der Schuh sei zu 100% abbaubar. Unsere Tests haben ergeben, dass der Schuh nur zu 99% biologisch abbaubar ist. Wir haben die Unternehmen bereits abgemahnt.

BUND: Wir haben Klage gegen die beteiligten Firmen erhoben. Gegen eine Zahlung von 1 Mio. € an eine von uns zu gründende Stiftung wären wir bereit, die Klage zurückzunehmen.

Demeter: Seide ist geronnenes Mondlicht und inkarniert die Elementarwesen. Das Mondlicht entfaltet seine größte Wirkung jedoch nur, wenn es auf das Hinterteil eines Läufers scheint. Aus anthroposophischer Sicht ist das Laufen in diesen Schuhen genauso schädlich für den Astralleib wie das Laufen bei Neumond.

Kein Patent auf Leben: Wir sind gegen die Patentierung von Genschuhen. Schuhe beruhen auf jahrtausendealtem Wissen. Es ist vermessen, sich dieses Wissen der indigenen Völker des Amazonas aneignen zu wollen. Zudem müssen sich die Schuhkäufer verpflichten, die Schnürsenkel im Paket zu kaufen. Das schafft Abhängigkeit von den Schuhmonopolen.

Testbiotech: Die gesundheitlichen Risiken dieser Schuhe sind komplett unerforscht. Unsere Gutachten zeigen, dass niemand ausschließen kann, dass das Laufen in Genschuhen zu Fußschweiß und im Extremfall zu Ermüdungsbruch der Fußknochen führt. Das Gesundheitsrisiko ist unkalkulierbar. Am Ende droht eine ganze Generation von laufunfähigen Menschen. Genschuhe braucht niemand!

Umweltinstitut München: Unsere Auftraggeber aus der Bioindustrie sind klar dagegen. Außerdem haben wir Glyphosat in den Schuhen gefunden.

Vandana Shiva, führende Quantenatomkernphysikerin Indiens, Trägerin des alternativen Nobelpreises, Vorsitzende des International Forum on Globalization, Mitglied des Club of Rome, Mitglied der Internationalen Organisation für ein Partizipatorische Gesellschaft|Internationalen Organisation für eine Partizipatorische Gesellschaft (IOPS), Mitglied des Exekutivkomitees des Weltzukunftsrates, Trägerin des Save the World Award, des Sydney-Friedenspreises, des Calgary Peace Prize, des Thomas Merton Award und des Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ sowie Citizen of the Next Century: Das westliche Schuhmodell ist unnatürlich und zum Scheitern verurteilt. In Indien haben sich hunderttausende Bauern das Leben genommen, nachdem sie sich für nutzlose Schuhe unnötig verschuldet haben. Meine Initiative lehrt Menschen lokal angepasstes, achtsames Treten. Spenden bitte auf mein Konto.

Vegane Tierrechtsinitiative Kreuzberg-Süd: Wann hört der Missbrauch unserer Mitgeschöpfe endlich auf? Wir fordern Schuhe aus veganer Spinnenseide auf Sojabasis.

Netzfrauen: Wir waren die ersten – die vor diesem Schuh gewarnt haben. Wir haben jahrelang in der – Schuhindustrie gearbeitet. Und diese Entwicklung kommen sehen. Wie wir nun – feststellen müssen: mit Unterstützung der Deutschen Regierung. Lesen Sie dazu auch Skandal – BASF, Nestlé, Coca Cola, Deutsche Bank u.v.m. sind Profiteure der Entwicklungshilfe. Für Schuhe wird unser Planet zerstört.

GMWatch: Laufen ist eine abzulehnende Form der Fortbewegung. Wer auf transzendentale Meditation setzt, kann sich auch mit yogischem Fliegen von A nach B bewegen.

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: Hinter uns stehen hunderttausende Bauern und Verbraucher, die es satt haben, dass unser Planet mit Genen und Chemie kontaminiert wird. Wir wenden uns gegen die industrialisierte Schuherzeugung. Holzschuhe sind der beste Weg der Fortbewegung, denn Holzschuhe aus ökologisch bewirtschaftetem Wald sind nachhaltig, gut für das Bodenleben und gesünder. Das zeigen die Studien der UN ganz eindeutig.

Michael G. Bio-Imker: Wenn die Genmafia sich damit durchsetzt, fliegen die Gene unkontrolliert durch die Gegend und mein Honig ist genkontaminiert! Gendreck weg!

Silvia L., Bloggerin: Statt Studien hat Adidas ein paar Leserbriefe geschrieben und schon ist das Bundesinstitut für Risikobewertung eingeknickt. Meinen Recherchen zufolge werden dort alle bezahlt.

Interventionistische Linke: Keine Fußbreit den Faschisten von der Fußbekleidungsindustrie! Wir stehen auf der guten und gerechten Seite der Geschichte und werden diesen Schuh mit einem breiten Bündnis verhindern. Der Kapitalismus ist ein Irrweg, das sehen zum Glück inzwischen Millionen Menschen ein. Die Frage des richtigen Schuhwerks steht nach der Revolution auf Punkt 20.365 der Tagesordnung.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com